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Der Ruf der Erdbeere
von Jakob Horstmann
Ein Zehntel aller Rumänen arbeitet im Ausland – vor allem als Erntehelfer –, weil die Löhne in ihrer Heimat zu gering sind.
Im Sommer herrscht Tumult vor der spanischen Botschaft in Bukarest. Um die Absperrgitter drängeln sich Dutzende Rumänen, auf einer Verkehrsinsel sind zahlreiche Zelte aufgeschlagen worden. Die so genannten Capsunari – eine Wortschöpfung, die vom vom rumänischen "capsun", Erdbeere, abgeleitet wurde – warten auf ihre Arbeitsvisa.

Denn jedes Jahr rücken von Rumänien nach Spanien Unzählige zur Erdbeerernte aus. Und das lohnt sich. Eine junge Frau sagt: "In Spanien verdiene ich in wenigen Wochen so viel, wie hier in drei Monaten. Die Arbeit ist hart, aber ich kann meiner Mutter 600 Euro pro Monat zurückschicken."
Lieblingsziele
Zurzeit verdienen zwischen 1,5 und 3,4 Millionen Rumänen aus allen Schichten ihr Geld im Ausland. Genaue Zahlen gibt es nicht, die hohe Anzahl an Saisonarbeitern und die vielen unregistrierten Gastarbeiter machen präzise Schätzungen unmöglich. Im Schnitt arbeitet etwa ein Zehntel der rumänischen Gesamtbevölkerung fern der Heimat – als Erntehelfer, aber auch im Gesundheitswesen, in der IT-Branche und in handwerklichen Berufen. Die meisten sind in den frühen 1990ern gegangen, als die Jahresinflationsrate zeitweise jenseits von 250 Prozent lag. Italien und Spanien, wo die kulturelle und sprachliche Integration relativ leicht fällt, sind die beliebtesten Zielländer. Auch nach Deutschland gehen viele wegen der familiären Verbindungen zu ausgewanderten Rumäniendeutschen.
Teurer Alltag
Der Großteil der Exil-Rumänen ist jünger als 40 Jahre. Sie sollten eigentlich das Rückgrat der heimischen Wirtschaft bilden, aber von ihnen sind bislang nur wenige zurückgekommen. Hauptgrund ist die hohe Differenz zwischen Durchschnittslöhnen und Preisen in Rumänien. So lag der landesweite Durchschnitts-Nettolohn im Jahr 2007 gerade einmal bei 313 Euro monatlich, während die Mieten in den Städten und die Preise in den Supermärkten nicht geringer als in Westeuropa sind. Ein Liter Milch kostet einen Euro, ein Cappuccino im Café zwei. Und wer ein Paar Marken-Jeans haben will, muss um die 100 Euro hinlegen. Um den Alltag zu meistern, nehmen daher viele Dagebliebene Kleinkredite auf und verlassen sich auf das Geld, das Verwandte aus dem Ausland überweisen. Im vergangenen Jahr schickten rumänische Exil-Arbeiter sieben Milliarden Dollar zurück in die Heimat, fünf Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts.
Jobbörsen für Rumänen
Die rumänische Binnenwirtschaft leidet vor allem darunter, dass es nicht mehr genug Arbeits- und vor allem keine Fachkräfte gibt. Das hält die Arbeitslosenquote niedrig (landesweit unter fünf, in Wirtschaftszentren wie Bukarest oder Temeswar unter zwei Prozent). Unternehmer klagen hingegen immer wieder, wie schwer es sei, qualifiziertes Personal zu finden. Darum umwirbt der rumänische Staat seine Exil-Arbeiter in Westeuropa jetzt gezielt. In Spanien und Italien finden regelmäßig Jobbörsen für rumänische Staatsbürger statt. Immerhin lockt Rumänien mit einem stabilen Wirtschaftswachstum und ist schon längst kein Billiglohnland mehr. "Insgesamt steigt die Qualität der Investoren. Wo früher die Textilindustrie war, ist jetzt die KfZ-Industrie, und auch die überlegt schon weiterzuziehen", meint Malte Kessler, dpa-Wirtschaftskorrespondent für Rumänien. Mit der Qualität der Investoren steigen die Löhne und das Lebensniveau. Zusammen mit der ungebrochenen Heimatliebe der Rumänen – im Sozialreport von Radio Romania International aus dem Jahr 2007 gaben 76 Prozent aller Befragten an, stolz oder sehr stolz auf ihre Nationalität zu sein – könnte das den Rückkehrer-Effekt stärken.
Keine neue Emigrationswelle
Der EU-Beitritt Rumäniens im Jahr 2007 hat den Bürgern die Reisefreiheit gebracht. Eine neue Auswanderungswelle steht aber nicht bevor. Denn viele Staaten wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien haben bis 2014 Schutzklauseln zur Sicherung ihrer Arbeitsmärkte installiert. Und auch eine völlige Liberalisierung des europäischen Arbeitsmarktes wird wohl kaum neue Gastarbeiterströme hervorbringen. Denn in den Lieblingsländern rumänischer Exilarbeiter – Spanien und Italien – wird es immer schwieriger, überhaupt Arbeit zu finden. Die spanische Baukrise wird die Branche dieses Jahr 200 000 Jobs kosten und die Gastarbeiter sind meist die ersten, die ihre Sachen packen müssen.

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