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Aufschwung Ost
von Boris Herrmann
Polens Baubranche gehen die Arbeitskräfte aus - gute Chancen für Firmen aus Deutschland, die oft preiswerter sind als einheimische.
BRESLAU. Nüchtern betrachtet ist es nur ein Schwimmbad. Ein besonders schönes und großes zwar, mit Strömungskanal, finnischer Saunalandschaft und osmanischem Badetempel, aber doch
bloß ein Schwimmbad. Pawel Moras hat so seine Schwierigkeiten damit, die Sache nüchtern zu betrachten. Vor zwei Jahren wurde er zum Projektmanager des Aquaparks in Breslau ernannt, seither hat er acht Kilo abgenommen.

Foto: Boris Herrmann
Er ist 33 Jahre alt, seine Haare sind schneeweiß. Die täglichen Probleme auf einer Großbaustelle wie dieser – Lieferverzug, Kostengeschacher, bürokratische Kleinkriege – haben ihn im Zeitraffer altern lassen. Aber nun steht Polens größtes Spaßbad unmittelbar vor der Eröffnung. Noch wenige Wochen, dann sollen sich hier, einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt, an die 3 000 Gäste pro Tag vergnügen. Es gibt ein exklusives Wellnessmenü mit Ziegenmilchkuren und Schlammkammern für Paare, einen Rutschbahn-Turm mit Sprungschanze und einen Wüstenraum, der einen Tag in der Saharasonne imitiert.
Deutsche Gastarbeiter in Polen
Pawel Moras hat in seiner Heimatstadt eine künstliche Urlaubswelt aufgebaut, und er findet, dass sich sein körperlicher Einsatz dafür allemal gelohnt hat. Für ihn ist der Aquapark nichts weniger als ein Symbol für ein neues Europa. Oder, wenn er es doch einmal nüchtern betrachtet, für ein Stück Normalität. Diese neue Normalität beginnt bereits außerhalb der fast zwei Hektar großen Schwimmhalle. Auf dem Parkplatz. Dort stehen ein Kleinbus aus Celle, ein Lieferwagen aus Annaberg-Buchholz und ein Firmenwagen aus Bretnig. Es sind die Autos der ersten deutschen Gastarbeiter in Polen. "Die Welt steht hier auf dem Kopf", sagt Moras. Er ist der Ansicht, sie steht da gut.
Während die Ministerpräsidenten von Thüringen und Sachsen-Anhalt weiterhin lautstark vor osteuropäischen Fachkräften auf dem deutschen Arbeitsmarkt warnen und der CSU-Politiker
Joachim Herrmann sogar allen Ernstes davon spricht, dass die Aufhebung der Arbeitsbeschränkungen einem "Öffnen der Schleusentore" gleichkäme, scheint sich da draußen in der Realität eine ganz andere Entwicklung abzuzeichnen. Nicht die Polen strömen in den
deutschen Osten, sondern die Deutschen in den polnischen Westen. Die Fliesen im Aquapark werden von der Firma Flemming aus Oelsnitz im Vogtland verlegt. Der Edelstahlbauer kommt aus dem Erzgebirge, die Heizungsmonteure aus dem Eichsfeld. Es sind keine riesigen Baufirmen, sondern mittelständische Betriebe und selbstständige Handwerker. Von den rund 200 Arbeitern, die derzeit auf Breslaus berühmtester Baustelle die letzten Handgriffe erledigen, kommen 80 Prozent aus Deutschland. Sie sind billiger als ihre polnischen Kollegen am Ort.
Dorthin fahren, wo die Arbeit ist
Der Schreinermeister Michael Hecker reist jeden Montag aus Malgersdorf bei Passau an. Sieben Stunden dauert die Autofahrt von Niederbayern nach Niederschlesien. Er sagt: "Zu Hause sitzen und warten, bis die Arbeit kommt, macht keinen Sinn. Sie kommt nämlich nicht." Also fährt er dorthin wo die Arbeit ist: Nach Polen. Im feuchttropischen Klima des Hallenbades sägt Hecker täglich zehn Stunden lang Holzbalken zurecht, schraubt Alutüren an und setzt Fensterscheiben ein. Er ist weit weg von seiner Familie und er schwitzt wie ein Bär. Aber er meckert nicht. "Bauwerke dieser Größenordnung gibt es bei uns nicht. Und wenn es so was gibt, dann streiten sich viele darum, bis der Preis versaut ist", schreit er über den Lärm seiner Kreissäge hinweg. In Polen ist es genau umgekehrt. Dort steigen die Preise in der Baubranche gerade in Schwindel erregende Höhen, weil es wesentlich mehr Arbeit als Arbeiter gibt.
Rund 200 000 Fachkräfte fehlen
Knapp eine Million Polen sind seit dem EU-Beitritt ihres Landes im Mai 2004 über deutsche Spargelfelder hinweg nach Großbritannien und Irland gezogen. Dorthin, wo es gutes Geld und keine Beschränkungen für Bürger aus Osteuropa gibt. Auswandern ist in Polen zum Volkssport geworden. Der Arbeitgeberverband in Warschau schätzt, dass deshalb allein im Baugewerbe 200 000 Fachkräfte fehlen, um die Nachfrage zu befriedigen. Seit im Frühjahr bekannt wurde, dass Breslau eine der vier polnischen Ausrichterstädte der Fußball- Europameisterschaft 2012 sein wird, sind die Preise erst recht explodiert.
Laut Plan müssen in den kommenden fünf Jahren mehrere hundert Autobahnkilometer nach Berlin und Kiew gebaut werden, auf denen im Frühsommer 2012 die Fußballfans in jenes Stadion rollen sollen, das es freilich auch noch nicht gibt. Die Eisenbahnverbindungen nach Warschau und Posen bedürfen dringend einer Generalüberholung, der Flughafen ebenfalls. Zudem sollen im Großraum Breslau demnächst mindestens 23 Hotels aus dem Boden wachsen. So ganz nebenbei will die Stadt ja auch noch die Expo 2012 ausrichten. An großen Zielen mangelt es nicht. Wohl aber an kräftigen Händen, die diese Pläne in Bausubstanz verwandeln. Der Aquapark, so viel steht fest, ist erst der Anfang einer neuen Völkerwanderung nach Niederschlesien. Deutsche Arbeiter werden in den nächsten Jahren in Breslau genauso händeringend gebraucht, wie Ukrainer, Weißrussen, Chinesen und Exilpolen.
Kommunikation über Zeichensprache
Michael Hecker hat nach aufreibender Suche immerhin vier Facharbeiter aus Breslau gefunden, die ihm zu seinen Konditionen beim Einsetzen der 2 500 Quadratmeter großen Glasfassade in der Schwimmhalle helfen wollten. "Das klappt prima mit dieser Truppe. Alle sehr freundlich", sagt der Schreiner aus Bayern. Sein Polnisch lasse zwar sehr zu wünschen übrig, aber "szybszy heißt schneller", so viel weiß er inzwischen. Der Rest funktioniert über Zeichensprache. Dass einer seiner polnischen Mitarbeiter taubstumm ist, hat Hecker erst nach einigen Tagen bemerkt. Er ist ein latzhosiger EU-Diplomat, der nicht in Ländergrenzen, sondern in Objekten denkt. "Am Liebsten würde ich noch ein weiteres Jahr in diesem Objekt arbeiten", sagt er. Im September beginnt aber schon der nächste Arbeitseinsatz. Diesmal in einem Objekt in Lettland.
Günstige Baustoffe aus Deutschland
Das leidige Vorurteil, wonach die Osteuropäer den Deutschen die Jobs wegnehmen, klingt auf der Baustelle des Aquaparks noch absurder als es ohnehin schon ist. Projektmanager Pawel Moras erzählt, dass die Angebote der Firmen aus Deutschland zum Teil bis zu zwanzig Prozent unter den Preisen liegen, die in Breslau verlangt werden. Die Zeiten, in denen polnische Arbeiter rund um die Uhr zu Billiglöhnen geschuftet haben, sind vorbei. Zumindest in der Baubranche. Wenn Moras hört, dass ein deutscher Fliesenleger auf seiner Baustelle 2 000 Euro verdient, lässt er milde lächelnd den Rauch seiner Mentholzigarette aus der Nase steigen: "Das kriegt ein Fliesenleger in Polen mittlerweile auch." Was er aber in der Regel nicht so leicht bekommt, sind günstige Baustoffe. Für Großabnehmer kostet eine Tonne Beton in Deutschland derzeit etwa 30 Euro. In Polen sind es knapp 50. Ein Kubikmeter Schotter ist im Nachbarschaftsvergleich fast doppelt so teuer. Auch Schreinermeister Hecker bringt sein Material aus Passau mit. "So lange die Alutüren in Bayern billiger sind, fahre ich sie hierher."
Die unsichtbare Hand
Der Pole Pawel Moras, der seine wirtschaftlichen Grundüberzeugungen vorwiegend den Büchern des liberalen Vordenkers Adam Smith verdankt, nimmt diese Entwicklung so hin, wie sie ist. "Das ist die alte Regel von der unsichtbaren Hand des Marktes", sagt er. "Hätte ich jetzt die Idee, in Breslau ein Haus zu bauen, würde ich mir alles im Baumarkt in Görlitz bestellen und damit 30 Prozent sparen." Für ihn ist das kein Problem, sondern eine Errungenschaft.
Wie im Märchen
Bei allen Nebenwirkungen, die so ein Aufschwung eben mit sich bringt, die jüngere Geschichte von Breslau enthält Spuren einer Märchenerzählung. Jene Inselstadt an der Oder, die in den zurückliegenden tausend Jahren mal Wrotizla, Wretslaw, Presslaw und Bresslau hieß, die polnisch, böhmisch, österreichisch, preußisch und deutsch war, die unzählige Male belagert, mehrfach stark beschädigt und einmal komplett vernichtet wurde, sie beginnt wieder zu blühen. Es ist, als ob es die Geschichte am Ende doch gut meint mit dieser Stadt.
"Gibt es weltweit eine andere Metropole, die einen hundertprozentigen Wechsel der Bevölkerung erlebt hat?", fragt Moras. Seine hochgezogenen Schultern sagen nein. Unter den Menschen, die nach dem zweiten Weltkrieg in die leergeräumte Stadt kamen, waren auch seine Eltern. Die Mutter stammte aus dem Karpatenvorland, der Vater aus Zentralpolen. Bis Ende der Achtzigerjahre war das Wort Breslau in Wroclaw praktisch verboten. Heute stört sich daran niemand mehr. Es ist nur noch der deutsche Name für eine polnische Stadt. Aus dem ewigen Kriegsschauplatz ist längst ein moderner Investitionsstandort geworden. Moras glaubt sogar, dass Breslau heute die amerikanischste Stadt Europas ist. Er meint das positiv. Alle Bewohner seien mehr oder weniger neu hier, daher der unbändige Eifer, etwas aufzubauen. Die koreanische Firma LG errichtet am Stadtrand gerade eine Niederlassung auf einer der größten Baustellen Europas, der Internetriese Google baut ein Forschungslabor im Zentrum.
Keine Arbeitslosen mehr
Das Einzige, was Breslau allmählich ausgeht, sind die Arbeitslosen. "Wir sind die erste Generation, die sich hier wohl fühlt", sagt Pawel Moras. Und deshalb ist er sich auch so sicher, dass diese Generation ihre Freizeit in Wohlfühlbädern verbringen wird. Er will seiner Stadt Lebensqualität verkaufen. Und die Deutschen helfen ihm dabei.
Zum Abschied kündigt Moras an, dass er jetzt noch etwas Politisches loswerden muss: "Die letzten zwei Monate waren alles andere als konstruktiv für das Ansehen von Polen in Europa. Wir sind hier die Einzigen, die positive Meldungen produzieren", sagt er. Bevor er von den Bauherren der deutschen Firma Interspa zum Schwimmbad-Manager ernannt wurde, hat er in Dortmund Germanistik und Europawissenschaften studiert. In Breslau engagierte er sich einige Jahre im Vorstand der Edith-Stein-Gesellschaft für die deutsch-polnische Versöhnung, er saß für die liberale Bürgerplattform im Rathaus und als Staatssekretär für Bildung und Sport in der niederschlesischen Regionalverwaltung. Der Aquapark ist für ihn die Fortsetzung seiner Politik. Die junge Wohlfühl-Generation aus Breslau sieht der Eröffnung ungeduldig entgegen. Im Radio wird gerade berichtet, dass die deutschen Bauarbeiter schon baden.

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