Navigation

 

Home / Presseschau / Archiv / Magazin / Wirtschaft / Wirtschaftspatriotismus / Artikel

Partner und Konkurrenten: Konflikte in den deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen

von Henrik Uterwedde


Die französische Politik schützt nationale Unternehmen vor ausländischen Investoren. Deutschlands Märkte sind offen und politischen Eingriffen abgeneigt. Soweit die gängige Meinung. Henrik Uterwedde räumt damit auf und schlägt den europäischen Wirtschaftspatriotismus als Alternative vor.


Frankreich und Deutschland sind durch eine außerordentlich enge Handels- und Investitionsverflechtung miteinander verbunden. 2.700 deutsche Unternehmen und 1.400 Firmen bzw. Filialen sind im Nachbarland präsent. Beide Länder sind die führenden Ökonomien im Euro-Raum und stehen auch für ein kontinentaleuropäisches Wirtschafts- und Sozialmodell, das einen Ausgleich zwischen Markt und Regulierung anstrebt. Dies alles begründet eine enge Interessengemeinschaft zwischen beiden Ländern, die sich gerne als "Motor" der europäischen Integration bezeichnen.

Die Auslieferung des neuen Airbus A 380 hat sich aufgrund der Politisierung des deutsch-französischen Unternehmens immer wieder verzögert. Foto: AP


Aber: Sie sind nicht nur Partner, sondern auch Konkurrenten. Nirgendwo ist dies deutlicher geworden als bei den großen deutsch-französischen Konzernen, die einst als Vorzeigeunternehmen für die bilaterale Kooperation galten: Aventis und EADS. In beiden Fällen ist die vielbeschworene deutsch-französische Freundschaft an ihre harten Grenzen enger nationaler Interessenpolitik gestoßen.

Der deutsch-französische private Pharmakonzern Aventis, aus einer Fusion zwischen Hoechst und Rhône-Poulenc hervorgegangen, geriet 2004 in Turbulenzen. Während das Management ein Zusammengehen mit der schweizerischen Novartis befürwortete, wurde es von der französischen Regierungsspitze, vom Finanzminister bis hin zum Präsidenten, so lange bedrängt, bis es sich für eine "französisch" Lösung (Übernahme durch Sanofi-Synthelabo) entschied. Die Bildung eines großen französischen Pharmakonzernz sei, so damals Premierminister Raffarin, "von strategischer Bedeutung für Frankreich." Von deutschen Interessen keine Rede – die Bundesregierung wurde schlicht übergangen und auf die Rolle eines ohnmächtigen Zuschauers reduziert.

Diese aus deutscher Sicht negative Erfahrung hat eine Rolle gespielt, als in den vergangenen Monaten der deutsch-französische Vorzeigekonzern EADS in Turbulenzen geriet. Dieser galt immer als Musterbeispiel für die industrielle Zusammenarbeit beider Länder und den erfolgreichen Aufbau einer starken europäischen Flugzeugindustrie. Technische Probleme und monatelange Verzögerungen bei der Auslieferung des neuen Modells A 380 waren der Auslöser für eine Krise des Unternehmens. Die zahlreichen Produktionsstandorte und die oft deutsch-französisch gedoppelten Führungsstrukturen waren mitverantwortlich für Kosten- und Effizienzprobleme. Aber die Ursachenanalyse und die Suche nach Lösungen schaukelten sich immer stärker zu einer heftigen deutsch-französischen Kontroverse hoch, die zu degenerieren drohte. Die Auseinandersetzungen über die künftige Führungsstruktur, aber auch die Produktionsstandorte wurden nicht mehr im Unternehmen selbst, sondern auf höchster politischer Ebene geführt. Diesmal war es die deutsche Seite, die die einseitige französische Aventis-Politik noch in schlechter Erinnerung hatte und jetzt massiv auf eine strikte deutsch-französische Parität bei den Führungspositionen, den Strukturanpassungen und den künftigen lukrativen Standorten pochte.

Der Konflikt ist vorerst beigelegt. Aber Argwohn und Misstrauen beherrschen die Szene; beide Seiten werfen sich "Nationalismus" vor; eifersüchtig wird bei allen Entscheidungen bei EADS aufgerechnet, welche Seite "Gewinner" und "Verlierer" sei. Dies sind absurde Milchmädchenrechnungen, die die eigentlichen unternehmerischen und industriellen Probleme des Konzerns allzu oft außen vor lassen. So richtig es ist, dass der Airbus und die EADS ohne die politische Zusammenarbeit beider Länder heute nicht existieren würden, so problematisch ist es für die Zukunft des Konzerns, wenn die nationale Politik sich immer wieder in die unternehmerischen Entscheidungen einmischt. Es ist zu wünschen, dass längerfristig eine Aktionärs- und Führungsstruktur gesucht wird, die die verhängnisvolle übermäßige Politisierung des Unternehmens vermeidet.

Aber die Interessenunterschiede sind nur ein Teil des Problems. Auch in den Wirtschaftskulturen beider Länder tun sich scheinbar immer wieder Abgründe auf. Frankreich steht in einer Tradition des Colbertismus: Das nationale Interesse, so lautet die Doktrin, gebietet den Schutz nationaler Produzenten mit allen verfügbaren Mitteln. Französische Politiker, gleich welcher Couleur, sind sich einig in der Meinung, dass ein so verstandener "Wirtschaftspatriotismus" geradezu eine Pflicht jeder Regierung sei. Dass die europäischen Nachbarn verärgert reagieren, die EU-Kommission die "nationalistische Rhetorik" der französischen Politik kritisiert und die Financial Times über die "Maginot-Linie für Frankreichs Unternehmen" spottet, wird nicht nur in Kauf genommen, sondern scheint die französische Politik nur noch in ihrer Entschlossenheit zu bestätigen. Präsident Sarkozy vertritt diese Art Wirtschaftspatriotismus zugunsten nationaler Konzerne mit besonderer Entschlossenheit. So hat er im Sommer 2007 die staatliche Gaz de France mit der privaten Suez-Gruppe zusammengeschlossen und weitere derartige Aktionen angekündigt – um französische "Märkte und Konzerne zu schützen".

Deutschland steht in einer anderen Wirtschaftstradition. Offene Märkte und die Autonomie der Unternehmen genießen eine hohe Priorität, und das Misstrauen gegenüber direkten politischen Eingriffen im "nationalen" Interesse ist weit verbreitet. Dies verhindert allerdings in der Praxis nicht subtilere Formen der Industriepolitik, etwa in den Bundesländern. Auch hat die enge Verbindung zwischen Industrie und Banken die deutschen Konzerne bis in die jüngste Zeit quasi stillschweigend vor ausländischen Übernahmeversuchen geschützt ("Deutschland AG"). Die deutsche Wirtschaft ist weit weniger für ausländisches Kapital geöffnet als die französische. Die aktuelle breite Diskussion um ausländische "Staatsfonds" und ihren möglichen schädlichen Einfluss auf deutsche Unternehmen zeigt, dass auch die deutsche Öffentlichkeit zunehmend sensibel auf den möglichen Einfluss unliebsamer "Eindringlinge" reagiert und die Politik geeignete Schutzmaßnahmen prüft.

Im Grunde sind die Positionen weniger kontrovers, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Denn hinter den Fanfarenklängen des französischen "patriotisme économique" verbirgt sich insgesamt eine deutlich gemäßigtere Praxis, die auch nicht viel anders ist als in anderen Staaten, etwa den USA. Umgekehrt verdeckt die deutsche Marktwirtschaftsrhetorik oft interventionistische Praktiken. Dennoch: In der Frage, wie politisch die Wirtschaft ist und wie offen die Märkte sein sollen, gibt es immer wieder Streit zwischen Berlin und Paris.

Fazit: Die im "Wirtschaftspatriotismus" angelegte nationale Konfrontationslogik ist Gift nicht nur für das deutsch-französische Verhältnis, sondern auch für die europäische Wirtschaft. Der Konflikt um EADS hat gezeigt, dass die auf politischem Wege erfolgte Bildung "deutsch-französischer" Konzerne eine Sackgasse darstellt. Beide Regierungen haben besseres zu tun: zum Beispiel gemeinsame Regeln für eine "europäische soziale Marktwirtschaft" zu erarbeiten, oder ihre strukturellen Hindernisse auf dem Weg in eine leistungsfähige Wissensökonomie zu überwinden. Das wäre, im besten Sinne, ein europäischer Wirtschaftspatriotismus.

 
Henrik Uterwedde
Prof. Dr. Henrik Uterwedde ist stellvertretender Direktor des Deutsch- Französischen Instituts, Ludwigsburg
» zum Autorenindex

© Bundeszentrale für politische Bildung

Weitere Inhalte