Neue Zürcher Zeitung - Schweiz | Freitag, 1. August 2008
Gefährliche Legendenbildung
Gestern wurde der mutmaßliche Kriegsverbrecher Radovan Karadžić dem Haftrichter des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien vorgeführt. Die Neue Zürcher Zeitung mahnt zu einem baldigen Prozessbeginn und spricht sich gegen eine vorschnelle Belohnung Serbiens durch Europa aus: "Es ist höchste Zeit, dass das Verfahren beginnt, bevor ein neuer serbischer Mythos entsteht und die Karadžić angelasteten Verbrechen in Vergessenheit geraten. Schon ranken sich Legenden um den einstigen Führer der bosnischen Serben, der mit seiner falschen Identität und seiner Maskerade alle verblüfft und an der Nase herumgeführt hat. ... Das alles lenkt die Aufmerksamkeit von der Anklageschrift ab, was auch der Führung in Belgrad gelegen kommt. Es darf jedoch nicht sein, dass der Kriegsverbrecher Karadžić als exzentrischer Guru und mildtätiger Wunderheiler Dr. Dragan Dabic in Erinnerung bleibt. ... [Die serbische Regierung] hat Karadžić schnell nach Den Haag überstellt und erwartet nun vom Westen eine Belohnung. Es ist zu hoffen, dass die EU hart bleibt und das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen, die erste Sprosse auf der Leiter zur Mitgliedschaft, erst dann umsetzt, wenn auch Mladić gefasst ist. Brüssel darf diesen Hebel nicht leichtfertig aus der Hand geben. Serbien ist auf die EU angewiesen, nicht die EU auf Serbien."
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