Der Spiegel - Deutschland | Montag, 8. September 2008
Tom Segev über Zionismus und Antisemitismus
Als Reaktion auf die scharfe Kritik an der Politik Israels von Evelyn Hecht-Galinski, der Tochter des früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat der jüdische Publizist Henryk M. Broder dieser in einem offenen Brief Antisemitismus vorgeworfen. Mit Blick auf die daraus entstandene Debatte erklärt der israelische Historiker und Journalist Tom Segev im Nachrichtenmagazin Der Spiegel den öffentlichen israelischen Diskurs um Zioninismus und Antisemitismus. "Wer Israel hasst, weil es dort so viele Juden gibt, ist ein Antisemit. Das kennzeichnet vor allem Neonazi-Verbände und Holocaust-Leugner aller Couleur. ... Doch es kann jemand Kritik an der Politik Israels üben, sogar gegen dessen Existenz als jüdischen Staat eintreten, ohne Antisemit zu sein und umgekehrt: Es gibt Antisemiten, die Israel und seine offizielle Ideologie, den Zionismus, unterstützen. Der Zionismus hat seine eigene Interpretation der jüdischen Geschichte vorgelegt. Danach sind die Juden nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern Angehörige einer eigenen Nation, die vor 2000 Jahren aus ihrem Land verbannt wurden. Als solche haben sie keinen Platz inmitten anderer Völker: ... Die meisten Isrealis betrachten die Schoa als Bestätigung dieser zionistischen Prognose. ... Israelis diskutieren viel. Bis heute haben sie ihre Identität als Juden nicht gefestigt und sind zu keiner Einigung über die Grundwerte ihrer Gesellschaft gelangt. Diese Debatten machen auswärtigen Beobachtern Schwierigkeiten. ... Wer den öffentlichen Diskurs in Israel kennt, der weiß, dass Israelis einander mit einer Vehemenz kritisieren, die nur wenige 'Antisemiten' im Ausland aufbringen vermögen."
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