Dilema Veche - Rumänien | Mittwoch, 22. Oktober 2008
Sever Voinescu über Moral und Habgier im Kapitalismus
Mit Blick auf die Finanzkrise analysiert Sever Voinescu in der Wochenzeitung Dilema Veche die Rolle von Moral und Habgier im kapitalistischen System. "Wir wurden gelehrt, dass der Markt – wenn nicht direkt unmoralisch – im besten Fall verdorben ist. Wir wurden gelehrt, dass auf dem Markt nur ein einziges Element den Wettbewerb anheizen kann: der Profit. Woher soll eine Moral in diesem harten Kampf kommen? Wenn man die Kapitalismus-Definition von Marx und Engels gelesen hat, dann ist das so. Wenn man die Kapitalismustheorie beispielsweise nach Max Weber gelernt hat, entdeckt man etwas völlig anderes. Die Ethik ist ausschlaggebend für die Leistungen des Kapitalismus, für den gesamten Geldfluss, Güter und Dienstleistungen, die ... nur funktionieren, wenn Vertrauen existiert. Doch Vertrauen ist vom ethischen Geist abhängig. Die amerikanische Krise hat sich so stark ausgebreitet, weil das Vertrauen ins System schwer beschädigt ist. Irgendjemand hat irgendwo tief greifend gelogen, nur sind jetzt alle 'Marktakteure' misstrauisch. ... Was jetzt passiert ist, ist der offenkundigste Beweis dafür, dass Habgier definitiv nicht gut ist. Habgier, die durch kein Gesetz beschränkt ist – denn von moralischen Normen kann auf dem Markt keine Rede mehr sein – ist hauptsächlich an der Krise Schuld, die die gesamte Welt schwer getroffen hat. Schuld sind jene, ... die das System unreglementiert gelassen haben, damit sie Millionen Dollar durch Aktien-Spekulationen machen konnten. Schuld sind jene, die diesen Tsunami herannahen sahen und geschwiegen haben. Schuld sind jene, die strategisch in den Finanzberichten ihrer Unternehmen gelogen haben. ... Kurz gesagt, schuld sind all jene, die glauben, dass Habgier gut ist, denn so ist der Kapitalismus."
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