Neue Zürcher Zeitung - Schweiz | Freitag, 14. Mai 2010
Alice Schwarzer über den Täter Roman Polanski
Alice Schwarzer, Feministin und Herausgeberin der Zeitschrift Emma, antwortet in der Neuen Zürcher Zeitung dem Filmemacher Roman Polanski. Der hat sich Anfang Mai an selber Stelle gegen seine drohende Auslieferung in die USA wegen der Vergewaltigung einer 13-Jährigen im Jahr 1977 verteidigt: "Ein Problem- oder gar Schuldbewusstsein scheint Roman Polanski bei der Ausnutzung seines Status zur Verführung Minderjähriger lebenslang nicht gehabt zu haben. Wie auch? Es wurde ihm ja von niemand übel angekreidet. Auch ist es im Zuge des Wiederaufkommens des Falles durchaus berechtigt, auf Polanskis dramatische Lebensgeschichte hinzuweisen. Die Eltern des polnischen Juden wurden im KZ ermordet, er selbst floh als Elfjähriger aus dem Warschauer Ghetto und überlebte irgendwie. Wer, wenn nicht Polanski, weiss also um Macht- und Gewaltverhältnisse. Aber auch er hatte später dennoch die Wahl: Schlägt er sich auf die Seite der Opfer - oder auf die der Täter? Als Regisseur scheint Polanski sich in seinen oft anrührenden oder auch makaber-komischen Filmen an die Seite der Opfer gestellt zu haben - als Mann auf die Seite der Täter."
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