taz - Deutschland | Donnerstag, 2. September 2010
Markus Linden über Demokratie-Förderung durch Populismus
Das neue Buch von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin wird von den etablierten Medien meist als islamfeindlich und populistisch abgelehnt. Markus Linden hält die einseitig negative Sichtweise auf das Phänomen des Populismus aber für falsch und schreibt in der linken tageszeitung: "Die öffentliche Auseinandersetzung über politische Streitfragen - seien es Moscheebauten, die Integrationspolitik oder Bildungsgutscheine für Hartz-IV-Empfänger - ist oft geradezu eine Grundvoraussetzung dafür, die Positionen von Minderheiten überhaupt erst ins allgemeine Bewusstsein zu bringen. In solchen Fällen erweist der Populist seiner eigenen Haltung oft einen Bärendienst, die Demokratie wird hingegen befördert. ... Der Populismus erhebt sich und politisiert die Gesellschaft. Wenn richtig auf ihn reagiert wird, schwindet aber auch seine Unterstützung in der Bevölkerung. Der Populist schafft quasi seine eigenen Grundlagen ab. Dieser Prozess ist natürlich kein Selbstläufer, wie die Beispiele erfolgreicher rechtspopulistischer Parteien in Österreich und den Niederlanden zeigen. Die Alternative - eine Entpolitisierung, die das Ökonomische zum entscheidenden Ausschlusskriterium werden und die Intoleranz geräuschlos glimmen lässt - ist indes wenig wünschenswert. ... In jedem Fall befördert Sarrazins völkisch inspirierter Amoklauf die politisierte Diskussion. Und das ist gut so."
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