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Top-Thema vom Mittwoch, 4. Oktober 2006


Die Redeker-Affäre und die Meinungsfreiheit

Der französische Philosophielehrer Robert Redeker hat Morddrohungen erhalten, nachdem er in der französischen Zeitung "Le Figaro" den Artikel "Was soll die freie Welt angesichts der islamistischen Einschüchterungsversuche tun?" publiziert hatte. Darin schreibt er: "Jesus ist ein Meister der Liebe, Mohammed ein Meister des Hasses." Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nehmen Redeker nun in Schutz und sprechen davon, dass die Redefreiheit in den westlichen Ländern in Gefahr sei.


Le Monde - Frankreich

Die Tageszeitung veröffentlicht einen Aufruf zugunsten von Robert Redeker, der von rund 20 Prominenten, darunter Alain Finkielkraut und André Glucksmann unterzeichnet ist. "Eine handvoll Fanatiker hetzt gerade mit vermeintlichen religiösen Gesetzen, um – in unserem Land – unsere grundlegenden Freiheiten in Frage zu stellen. Diese Drohung gesellt sich zu dem Wispern, das hier und da in Europa zu hören ist, man solle von nun an 'Provokationen' vermeiden, um nicht fremde Empfindungen zu verletzen... Die Zeiten werden wieder hart in Europa, und daher ist jetzt Mut gefragt. Deshalb appellieren wir feierlich an die Regierung, nicht nur Robert Redeker und die Seinen weiterhin zu schützen, so wie sie es jetzt tut, sondern sich mit einer starken politischen Geste zu verpflichten, sich um sein materielles Wohlergehen so lange zu kümmern, wie er sich in Gefahr befindet. So wie es die englische Regierung für Rushdie getan hat." (04.10.2006)


Corriere della Sera - Italien

Der französische Philosoph Bernard-Henry Lévy kommentiert: "Man diskutiert nicht mit einem Menschen, der am Boden liegt, man hilft ihm auf. Man polemisiert nicht gegen jemanden, dem mit dem Tode gedroht wird, der gejagt und gebrandmarkt wird, weil er einen Artikel geschrieben hat. Man reicht ihm die Hand, man verteidigt ihn, und wenn man eine Regierung ist, dann schützt man ihn und seine Familie und bietet ihm Unterschlupf. Kurzum, es interessiert mich nicht, ob Redekers Behauptungen dumm oder klug sind... Endet die Meinungsfreiheit da, wo der Respekt vor den Ideen Anderer beginnt? Nein, sie endet da, und das ist etwas völlig anderes, wo zum Rassenhass aufgerufen wird, oder schlimmer noch, zum Töten im Namen dieses Hasses." (04.10.2006)


The Independent - Großbritannien

Paul Vally analysiert, wie Europäer und Muslime sich bei diversen Gelegenheiten "Vorurteile und Bigotterie" vorgeworfen haben - immer dann, wenn es um die Meinungsfreiheit und den Islam ging, so auch im Falle Redeker. "Das Problem ist, dass die im pubertären Ton geführte Debatte die Dinge eher verdunkelt als erhellt. Man erhebt den Anspruch, mit den Muslimen in einen Dialog über die Werte einer pluralistischen Gesellschaft treten zu wollen, doch in Wahrheit greift man sie an. Das verstärkt nur die Vorurteile der Fundamentalisten beider Seiten... Es handelt sich weniger um einen Zusammenstoß der Kulturen, als vielmehr um einen Zusammenstoß zwischen religiösen und säkularen Fundamentalisten. Denn unsere Welt unterscheidet sich sehr von der unserer Väter, von der Voltaires. Damals war Religion die dominierende unterdrückende Kultur, gegen die der aufkommende Rationalismus kämpfte. Dagegen prägt der Islam heute die Identität einer der verletzlichsten und am meisten entfremdeten Minderheiten in Europa." (04.10.2006)


La Vanguardia - Spanien

Der französisch-marokkanische Schriftsteller Tahar ben Jelloun beleuchtet den regen kulturellen und wirtschaftlichen Austausch, der seit jeher zwischen dem Westen und den muslimischen Ländern stattgefunden hat, und bedauert die derzeitige, von Unverständnis geprägte Phase. "Wie ist es möglich, dass die muslimische Welt nunmehr von Fanatikern gefangen genommen ist, die zwar in der Minderheit sind, die aber das freie Denken, den Zweifel und den Dialog bedrohen? Warum wurde dieser reiche und fruchtbare Austausch unterbrochen und was hat sich ereignet, dass diese Freiheit nun von Reden des Hasses und Misstrauens erstickt wird?... Es bedarf heutzutage nur noch einer Papstrede, in der eine negative Meinung über den Islam geäußert wird, um unerhörte und brutale Wutausbrüche zu verursachen. Nichts verbindet die Partner mehr, deren Beziehung über Jahrhunderte hinweg harmonisch verlief, trotz diverser Meinungsverschiedenheiten und zahlreicher historischer Wendepunkte." (04.10.2006)


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