Top-Thema vom Montag, 15. Oktober 2012
Nobelpreis für die europäische Einigung

Die europäische Integration habe dem Kontinent Frieden, Aussöhnung und Demokratie gebracht, begründete das Nobelkomitee seine Entscheidung. (© AP/dapd)
Die Europäische Union wird mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Sie habe geholfen, aus einem Kontinent des Krieges einen Kontinent des Friedens zu machen, erklärte das Nobelkomitee am Freitag in Oslo. Einige Kommentatoren pflichten dem bei und sehen die Ehrung als Zeichen der Hoffnung in der Krise. Andere bemerken kritisch, dass der Zusammenhalt in Europa schwinde und die EU ohne ihre Partner nie so weit gekommen wäre.
Les Echos - FrankreichEine einmalige und höchst erstaunliche Leistung
Nicht anzuerkennen, was die EU für den Frieden in Europa geleistet hat, zeugt von völliger Geschichtsvergessenheit, setzt die liberale Wirtschaftszeitung Les Echos den Kritikern an der Entscheidung des Nobelkomitees entgegen: "Es verrät viel über die Skepsis des Alten Kontinents, dass die Vergabe des Friedensnobelpreises an die EU dort relativ gleichgültig aufgenommen wurde. Dabei muss man schon sehr ignorant sein, um das, was seit der Schuman-Rede vom 9. Mai 1950 erreicht worden ist, für vernachlässigbar und selbstverständlich zu halten: Die deutsch-französische Aussöhnung, der Friede - um in der Geschichte einen ähnlich langen Zeitraum ohne große Konflikte in Europa auszumachen, muss man viele Jahrhunderte zurückgehen - und schließlich die Integration der Länder des früheren Ostblocks. Natürlich erlebt die Europäische Union viele Höhen und Tiefen. Und trotz allem bleibt sie ein erstaunlicher und noch nie da gewesener Mechanismus: Sie stellt einen Konsens zwischen Ländern her, die von unterschiedlichen Geschichten, Sprachen und Traditionen geprägt sind, und wirkt in höchstem Maße ausgleichend." (15.10.2012)
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Alle verfügbaren Texte von » Dominique Seux
Jyllands-Posten - DänemarkNeuer Mut für eine gemeinsame Zukunft
Der Friedensnobelpreis für die EU war die richtige Entscheidung, befindet die wirtschaftsliberale Tageszeitung Jyllands-Posten und sieht darin auch die Chance auf eine selbstbewusste Zukunft: "Dass der Preis zu einem Zeitpunkt verliehen wurde, an dem viele, vor allem im nordwestlichen Europa, die EU in einer tödlichen Krise sehen, ist kein Zufall. Die Norweger haben erkannt, dass nicht nur Europa, sondern die ganze Welt von der EU profitiert. ... Die Zeiten erfordern mehr Europa, nicht weniger. Das bedeutet aber auch, dass grundlegende Fragen diskutiert werden müssen, auch vor der Wahl des EU-Parlaments 2014: Wollen wir ein Europa, das irgendwann aus 30 bis 40 Staaten besteht, die ständig versuchen, ihre jeweiligen Interessen durchzudrücken? Oder wollen wir ein Europa - sei es sozialdemokratisch, liberal, konservativ oder noch etwas anderes -, das geeint die europäischen Interessen vom Mittelmeer bis zum Arktischen Ozean wahrnimmt? Einheit in der Vielfalt, mehr Selbstbewusstsein, neuer Mut. Darum geht es bei dieser Preisverleihung." (15.10.2012)
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Sme - SlowakeiOhne EU wäre Europa ärmer und gefährlicher
Gute Gründe für die Ehrung der EU mit dem Friedensnobelpreis erkennt auch die liberale Tageszeitung Sme: "Der erste Preis für 60 Jahre Frieden in Europa gebührt sicherlich dem Marshallplan sowie der Militärmacht der USA und der Nato. Das heißt aber nicht, dass nicht auch die Versöhnung Frankreichs und Deutschlands als Grundstein notwendig gewesen wäre. Der gemeinsame Markt und der freie Verkehr für Personen und Kapital haben ebenso ihren Beitrag zum Frieden geleistet. Die Integration der postkommunistischen Länder, die der EU als dem Modell einer besseren Gesellschaft beitraten, hat die Zone des Friedens, der Sicherheit und der Freiheit dann Richtung Osten ausgeweitet. In der aktuellen Krise könnte man diese Argumentation wahrscheinlich belächeln. Doch ungeachtet aller Deformationen, Regulierungen, Harmonisierungen und des Euro-Rettungsschirms wäre das Leben außerhalb dieser Strukturen, die auf gemeinsamen Werten beruhen, grundsätzlich gefährlicher und ärmer." (15.10.2012)
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Alle verfügbaren Texte von » Peter Schutz
România Liberă - RumänienEuropa bräuchte Weckruf statt Preis
Die Entscheidung des Nobelkomitees enttäuscht den rumänischen Historiker Ovidiu Pecican. In der Tageszeitung România Liberă erklärt er warum: "Streng genommen hat die EU ihre Konflikte in Europa - und zwar die auf dem Balkan - einfach außen vor gelassen. Und mehr als das: Die EU scheint jetzt sogar bereit, mit Griechenland ihre älteste balkanische und orthodoxe Komponente ausschließen zu wollen. Nur, weil das Land nicht mehr mit den wirtschaftlichen Standards mithalten kann und den Erwartungen der Brüsseler Politiker nicht genügt, ist man bereit, sogar die Werte, auf denen die EU aufbaut, zu untergraben. ... Griechenland von Europa zu trennen - und manche Politiker spielen mit diesem Gedanken - würde bedeuten, dass sich Europa von sich selbst entfremden würde, von seiner Existenzberechtigung. ... Anstatt ihr einen Nobelpreis zu verleihen, sollte man die EU vielmehr auf die Diskriminierungen aufmerksam machen, die sie toleriert. Denn was zählt, ist nicht, dass die EU Preise gewinnt, sondern das Vertrauen ihrer Bürger." (15.10.2012)
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Alle verfügbaren Texte von » Ovidiu Pecican
Die Presse - ÖsterreichVerdienste der USA nicht vergessen
Auch wenn die EU enorme Verdienste vorweisen kann und damit den Friedensnobelpreis grundsätzlich verdient hat, hat das Nobelpreiskomitee einige wichtige Aspekte unbeachtet gelassen, kritisiert die liberal-konservative Tageszeitung Die Presse - etwa dass "auch die US-Truppen mit ihrer Befreiung Europas, später ihrer Militärpräsenz, beziehungsweise ein gemeinsamer äußerer Feind, nämlich der Ostblock, mitverantwortlich waren. ... Auch dass das Verdienst für den echten Frieden in Europa, nämlich die Beendigung des Kalten Krieges ..., wohl eher Ronald Reagan, Maggie Thatcher und Karol Wojtyła denn der EU-Kommission zugeschrieben werden muss, blieb vorerst unerwähnt. Und in einem Punkt wurde das Preiskomitee unfreiwillig zynisch: durch die Erwähnung des 'Prozesses der Aussöhnung' auf dem Balkan, der durch die mögliche Aufnahme von Kroatien als Mitglied, die Einleitung von Aufnahmeverhandlungen mit Montenegro und den Kandidatenstatus für Serbien vorangetrieben worden sei. Es war die EU, die lange tatenlos dem Morden und den Vertreibungen in den Balkankriegen zugesehen hatte, bis endlich die USA intervenierten." (13.10.2012)
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Alle verfügbaren Texte von » Rainer Nowak
Postimees - EstlandWarum gab es den Preis nicht schon 2004?
Warum die EU ausgerechnet im Jahr 2012 den Friedensnobelpreis erhält, fragt sich die konservative Tageszeitung Postimees: "Die lange Friedensperiode macht den Nobelpreis für die EU immerhin sinnvoller als den für Barack Obama 2009, als er noch vor der Umsetzung seiner Ideen stand. ... Dennoch: Warum gerade jetzt und nicht etwa 2004 nach der Osterweiterung? ... Der Preis ist symbolisch zu verstehen. Auch in der Krise schlittert Europa nicht dahin, wo es vor 100 Jahren zu handfesten Konflikten gekommen wäre wie derzeit um kleine Inseln zwischen China und Japan. ... Nach Meinung des Komitees ist es das Verdienst von Deutschland und Frankreich, dass die Türkei und der Balkan die Menschenrechte einhalten und die Demokratie einführen. ... Das ist sicher lobenswert, geschieht aber nicht wegen der EU, sondern unabhängig davon. Denn die EU-Außenpolitik wird bestimmt durch einzelne Mitgliedstaaten, die die Außen- und Sicherheitspolitik der EU schwach halten, damit sie nicht mit den Interessen der Mitgliedstaaten in Konkurrenz tritt." (13.10.2012)
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