Top-Thema vom Freitag, 15. Dezember 2006
Gespaltenes Belgien
In Belgien strebt der flämische Teil des Landes seit Jahren nach Unabhängigkeit, was von den wallonischen Belgiern mit Sorge betrachtet wird. Nun hat der öffentlich-rechtliche, französischsprachige Fernsehsender RTBF mit einer fiktiven Nachricht über die Unabhängigkeit Flanderns einen Medienskandal ausgelöst.
De Standaard - Belgien
"Wir in Flandern haben die Schnauze voll von der französischsprachigen Presse, die ihren Job nicht richtig erledigt", kritisiert die konservative flämische Zeitung. "Sie schafft es einfach nicht, ein detailliertes Bild von Flandern zu zeichnen. Die 'Sondersendung' des öffentlich-rechtlichen Senders RTBF und die darauf folgenden Reaktionen in manchen frankophonen Zeitungen beweisen das zur Genüge. Für die Glaubwürdigkeit der Medien ist diese unangemessene Provokation tödlich. Es handelt sich ja nicht um Journalistik-Studenten, sondern um einen öffentlichen Kanal, der die Sendung zwei Jahre lang vorbereitet hat... Aber das Schlimmste sind die wiederbelebten Klischees... Wenn man wirklich eine ernsthafte Debatte anstrengen will, dann darf es nicht um die 'Unabhängigkeitsfanatiker' gehen, sondern um eine gute und effektive Organisation eines föderalen belgischen Staates." (15.12.2006)
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Le Soir - Belgien
David Coppi, Kommentator der französischsprachigen Tageszeitung, ist der Meinung, dass die "RTBF-Sendung das Gefühl einer Art von Notstand zum Ausdruck gebracht hat, das die vier [wallonischen Partei-]Vorsitzenden dazu zwingt, sich zusammenzusetzen, Einigkeit zu demonstrieren und die Leute 'zu beruhigen', die - ob sie die Nachricht nun geglaubt haben oder nicht - von den Folgen der RTBF-Sendung etwas mitgenommen waren... Das RTBF macht die institutionelle Debatte mit einem Schlag populär und führt den Extremfall vor Augen: die Teilung des Landes. Das zwingt die Parteichefs, klarer als bisher Position zu einem beunruhigenden Szenario zu beziehen: zur möglichen Unabhängigkeit Flanderns und - falls das denn eintreten sollte - zum Schicksal der Wallonen und frankophonen Brüsseler. Das lässt sich nun nicht mehr umgehen." (15.12.2006)
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Libération - Frankreich
Brüssel-Korrespondent Jean Quatremer meint, dass die Debatte über "das Ende Belgiens" sich ständig wiederholt. "Der Unabhängigkeitswille, der in Flandern - der bevölkerungsreichsten und wohlhabendsten Region des Königreiches - immer stärker wird, ist nichts wirklich Neues. Aber der französischsprachige Teil (Brüssel und Wallonien) hat sich lange Zeit geweigert, die Realität anzuerkennen. Man glaubte, die Einheit des 'alten Belgiens' erhalten zu können, indem man bei jeder Wahl die Kompetenz der Regionen gestärkt hat. Das Problem nach 40 Jahren Föderalismus ist, dass die flämischen Forderungen, vor allem im sozialen Bereich, zu einer regelrechten Zersplitterung des Staates führen. Die Parlamentswahlen im Frühjahr 2007 versprechen also spannend zu werden und sind zweifellos entscheidend für die Zukunft unseres Landes." (15.12.2006)
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El País - Spanien
Brüssel-Korrespondentin Ana Carbajosa denkt über die Folgen der vom belgischen Fernsehen gezündeten "Bombe" nach. "Sechs Monate vor den Parlamentswahlen sind nun die Waffen gezückt. Die nationalistischen Ansprachen häufen sich seit Wochen, vor allem von Seiten der Flamen, die betonen, dass ihre armen Nachbarn im Süden den reichen Norden aussaugen. Diesen Worten folgen nun Taten. Die jüngsten Kommunalwahlen haben den unaufhaltsamen Aufstieg des Vlaams Belang bewiesen, der rechtsextremen und separatistischen flämischen Partei. Der Vlaams Belang tritt offen für die Unabhängigkeit Flanderns ein und hat schon mehrfach versucht, ins Parlament einzuziehen. In vielen Gemeinden hat er mehr als 30 Prozent der Stimmen erhalten... Die belgische Version des 'Kriegs der Welten' hat die Situation nur noch explosiver gemacht." (15.12.2006)
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