Top-Thema vom Mittwoch, 13. Mai 2009
Prozess für mutmaßlichen Kriegsverbrecher
Nach seiner Auslieferung aus den USA ist der mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk am Dienstag in Deutschland angekommen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 89-jährigen gebürtigen Ukrainer vor, 1943 als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden geleistet zu haben. Jetzt soll ihm der Prozess gemacht werden.
Sme - Slowakei
Die liberale Tageszeitung Sme begrüßt die Auslieferung des mutmaßlichen NS-Verbrechers John Demjanjuk nach Deutschland sowie seinen bevorstehenden Prozess: "Als die amerikanischen Behörden Demjanjuk im April aufsuchten, protestierten seine Verwandten gegen seine drohende Auslieferung. Sein Sohn erklärte, sein Vater leide an Leukämie. Sein Anwalt nannte die Auslieferung nach Deutschland 'Folter'. ... Aber anders als seine Opfer konnte Demjanjuk alt werden. ... Dass Demjanjuk beinahe selbst ein Opfer der Nazis wurde, rechtfertigt nicht, dass er freiwillig als Wärter Männer, Frauen und Kinder erniedrigte, tyrannisierte und in die Gaskammern schickte. Im Unterschied zu seinen Opfern darf er sich nun dagegen verteidigen, dass er zu Recht die Liste der meist gesuchten Kriegsverbrecher anführt. Der Prozess gegen ihn und die Aussagen von Zeugen sind die beste Antwort auf diejenigen, die den Holocaust leugnen." (13.05.2009)
» zum ganzen Artikel (externer Link, slowakisch)
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Geschichte, » Deutschland
Alle verfügbaren Texte von » Miriam Zsilleová
The Independent - Großbritannien
Mit Blick auf den Fall des mutmaßlichen NS-Verbrechers John Demjanjuk lobt der Auslandskorrespondent der liberalen Tageszeitung The Independent Tony Paterson die deutsche Justiz: "Es ist ... das Verdienst der deutschen Justizbehörden, dass Demjanjuk zur Rechenschaft gezogen wird. In der Vergangenheit haben sie es versäumt, gegen viele deutsche Nazis Anklage zu erheben. Aber im Fall Demjanjuk waren sie diejenigen, die letztlich Beweise ausgegraben haben, die jetzt zu seiner Verurteilung führen könnten. Dennoch sangen gestern nur wenige deutsche Kommentatoren ihr Lob. Es überraschte vielleicht wenig, dass ein Großteil des Kommentars vom deutschen Zentralrat der Juden stammte. Der Generalsekretär der Organisation Stephan Kramer sagte, es sei so gut wie irrelevant, ob Demjanjuk für seine Verbrechen eingesperrt werde. 'Wichtig ist, dass wir eine Diskussion über die deutsche Nachkriegsjustiz bekommen werden und wie sie mit den NS-Verbrechern umgegangen ist', sagte er. Viele nichtjüdische Deutsche würden ihm zustimmen." (13.05.2009)
» zum ganzen Artikel (externer Link, englisch)
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Geschichte, » Deutschland
Alle verfügbaren Texte von » Tony Paterson
Süddeutsche Zeitung - Deutschland
Bei dem Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk in München gehe es um Schuld, nicht um Strafe, schreibt die Tageszeitung Süddeutsche Zeitung: "Der Prozess gegen John Demjanjuk wird wohl der letzte der NS-Prozesse sein. Diese letzten Prozesse waren und sind furchtbar: nicht deswegen, weil die Nazi-Schergen heute so furchtbar alt sind, sondern deswegen, weil die deutsche Strafjustiz gestern und vorgestern so furchtbar säumig und so furchtbar nachsichtig war. Ist also nun das Verfahren gegen den alten Demjanjuk ein Versuch, die alten Versäumnisse der Justiz auszugleichen? Wenn es so wäre, wäre es ein untauglicher Versuch. Die Schuld der Nachkriegsjustiz lässt sich nicht mehr tilgen. Aber: Die Justiz von heute kann wenigstens die Schuld der Demjanjuks noch feststellen. Nur darum geht es bei diesem Strafprozess - um die Schuld an zigtausendfachem Mord." (13.05.2009)
» zum ganzen Artikel (externer Link, deutsch)
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Geschichte, » Deutschland, » Ukraine, » USA
Alle verfügbaren Texte von » Heribert Prantl
Trouw - Niederlande
Der mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk soll unter anderem mitverantwortlich für den Mord an rund 27.000 niederländischen Juden sein. Der Prozess gegen ihn sei auch wichtig für die Angehörigen der Opfer, schreibt der Professor für Holocaust- und Genozidstudien an der Universität von Amsterdam, Johannes Houwink ten Cate, in der Tageszeitung Trouw: "Ob er verurteilt wird oder nicht, der Prozess soll feststellen, ob Demjanjuk im Vernichtungslager Sobibór war und welche Verantwortung er getragen hat. Er führt auch zu mehr Aufmerksamkeit für den Massenmord in Sobibór, da viele ... denken, dass alle Juden aus den besetzten Niederlanden in Auschwitz ermordet wurden. Der Prozess (und mehr noch das deutsche Strafrecht) bietet schließlich den direkten Angehörigen die Möglichkeit, als Mitkläger mit ungefähr gleichen Rechten neben dem Staatsanwalt aufzutreten. Schon jetzt haben sich weltweit mehr als zwölf direkte Angehörige gemeldet. Sie wollen keine Rache, sondern Gerechtigkeit. Wenn diese Angehörigen der Opfer den Prozess wünschen und als Mitkläger auftreten wollen, wer will ihnen dann diese Möglichkeit absprechen?" (13.05.2009)
» zum ganzen Artikel (externer Link, niederländisch)
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Geschichte, » Deutschland, » Niederlande
Alle verfügbaren Texte von » Johannes Houwink ten Cate
» zur gesamten Presseschau vom Mittwoch, 13. Mai 2009