Top-Thema vom Montag, 15. März 2010
Missbrauch lähmt Vatikan
Die Skandale um Missbrauch in der katholischen Kirche weiten sich aus. Inzwischen sind Fälle aus den 1990er Jahren bekannt geworden. Doch der Vatikan reagiert Kommentatoren zufolge immer noch zu langsam. Das Misstrauen gegenüber der Kirche wächst und die Kritik am Zölibat wird lauter.
Le Soir - Belgien
Der Vatikan hat nach eigenen Angaben in den vergangenen neun Jahren von rund 3.000 Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche erfahren. Dem Vertreter der päpstlichen Glaubenskongregation Charles Scicluna zufolge sollen zehn Prozent pädophile Übergriffe Geistlicher gewesen sein, der größte Teil hingegen "gleichgeschlechtliche Kontakte" zwischen Geistlichen und Schülern, die bereits über 15 Jahre alt waren. So viel Schamlosigkeit kann die Tageszeitung Le Soir gar nicht glauben: "Wie der Vatikan sittenwidrige Verhältnisse von Kirchenvertretern zu Jugendlichen über 15 verharmlost ... darf uns nicht kalt lassen. Entweder findet Monsignore Scicluna, dass pädophile Priester aufgrund des Alters ihrer Opfer von mildernden Umständen profitieren sollen, oder er gibt zu verstehen, dass die von den Priestern begangenen Fleischessünden als Ergebnis einer Anbändelung von ihren jungen Opfern zu betrachten sind . ... Jenseits dieser Fragen ist die katholische Kirche von nun an dazu gezwungen anzuerkennen, dass Sexualität ... zu den Bedürfnissen ihrer Priester zählt. ... Die Kirche muss sich nicht nur der Frage nach der Ehe der Prälaten stellen, die lediglich eine Vertragsbeziehung mit einem Partner darstellt, sondern vor allem nach dem Problem der erzwungenen (und heuchlerischen) Abstinenz der Kleriker. Es hat sich gezeigt, dass solch sklavische Regeln nicht einzuhalten sind." (15.03.2010)
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Süddeutsche Zeitung - Deutschland
Mit Wissen von Papst Benedikt XVI. wurde 1980 ein bekanntermaßen pädophiler Pfarrer in einer Münchener Gemeinde eingesetzt, wo er sich Jahre später erneut an Minderjährigen sexuell verging. Der Papst muss jetzt drängende Fragen beantworten, fordert die linksliberale Süddeutsche Zeitung, egal wie sich der Fall entwickelt: "Benedikt XVI. hat sexuellen Missbrauch auf das schärfste verurteilt, man kann ihn insofern nicht als Vertuscher oder Leugner hinstellen. Und trotzdem hat das Thema ihn erreicht; jetzt geht es um das Vertrauen, das mehr als eine Milliarde Katholiken in der Welt in den Pontifex setzen können - oder nicht. ... Die Kirche ist nicht in die Vertrauenskrise geraten, weil sie ein Verein von Missbrauchern ist. Sie ist in der Krise, weil sie sich immer noch stärker selbst bemitleidet, statt den Opfern zu helfen, zum Beispiel mit einem Entschädigungsfonds. Sie ist in der Krise, weil sie nicht zugeben will, dass der Priester- und Ordensberuf Männer mit sexuellem Identitätsproblem anzieht. Es ist eine Krise, die das gesamte Land angeht, weil in der Kirche bislang eine Nähe und Wärme möglich war, die anderswo in der Gesellschaft knapp geworden ist. Dieses knappe Gut könnte sie nun verspielen. Auch da ist nun der Papst gefragt." (14.03.2010)
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Alle verfügbaren Texte von » Matthias Drobinski
Helsingin Sanomat - Finnland
Die Zahl der Deutschen, die über sexuellen Missbrauch durch Priester in ihrer Kindheit berichten, wächst. Ebenso wächst die Kritik an der katholischen Kirche und das Misstrauen ihr gegenüber, schreibt die Tageszeitung Helsingin Sanomat: "Glücklicherweise hat sich das Klima in der Gesellschaft gewandelt. Der Katholizismus spielt in Deutschland, dem Heimatland des gegenwärtigen Papstes Benedikt XVI., zwar eine starke Rolle. So war es unerhört, als Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Vorsitzende der Christdemokraten und somit auch politische Führerin der Christen Deutschlands, den Papst vor einer Weile kritisiert hat wegen seiner Einstellung zu einem Bischof, der den Holocaust leugnet. Und nun wagt es eine zweite 'unverschämte' Politikerin, [Sabine] Leutheusser-Schnarrenberger, der Kirche an die Gurgel zu gehen. Die Aussagen der Justizministerin zeugen eigentlich von nichts anderem, als was der Großteil der Deutschen laut Meinungsumfragen im Moment fühlt: ein tiefes Misstrauen gegenüber der katholischen Kirche." (15.03.2010)
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Trouw - Niederlande
In den Niederlanden sind ebenfalls Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern durch römisch-katholische Geistliche bekannt geworden. Das Land diskutiert seitdem über den Zölibat, doch der ist nicht die einzige Ursache des Missbrauchs, meint die christlich orientierte Tageszeitung Trouw: "Wo Macht nicht gerecht verteilt ist, wird sie missbraucht - leider. Jedes Machtverhältnis kann den Machthaber in Versuchung führen, seine Position zu missbrauchen. Sexueller Missbrauch kommt daher in allen möglichen Institutionen, Organisationen und Kreisen vor. Die römisch-katholischen Einrichtungen sind nicht die einzigen. ... Man kann gute Fragen stellen zur verpflichtenden Enthaltung von physischer Intimität, aber den Zölibat als Ursache sexueller Verbrechen anzuführen, ist zu einfach. Er kann eine Rolle spielen, aber die Abschaffung des Zölibats bedeutet nicht das Ende des Missbrauchs, wenn die Basis dafür - das ungleiche Machtverhältnis - bleibt." (15.03.2010)
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