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Top-Thema vom Dienstag, 6. April 2010


Papst brüskiert seine Anhänger


Papst Benedikt XVI. hat sich am Osterwochenende in Rom nicht zu den Fällen sexuellen Missbrauchs geäußert. Er reagiert damit unangemessen auf die Vorwürfe gegen die katholische Kirche und stößt so die Gemeinschaft der Gläubigen vor den Kopf, meint die europäische Presse.


Die Presse - Österreich

Der Vatikan reagiert vollkommen unangemessen auf die Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche, schreibt Die Presse mit Blick auf das Osterwochenende: "Die Via della Conciliazione in Rom endet in einer anderen Welt. In einer, in der Menschen ohne Wenn und Aber hinter dem Papst stehen und in der die Begeisterung für die Kirche so groß ist wie die Hingabe zu Jesus. ... Nein, um die Menschen, die aus aller Welt auf den Petersplatz nach Rom kommen, muss sich die Kirche nicht sorgen. Wenn sie sich aber weiter so geriert, wenn der Vatikan statt mit klärenden Worten, wie man sie von den Kirchenoberen in Österreich und Deutschland hört, mit solcher Arroganz und Ignoranz auf die schwerste Krise der jüngeren Kirchengeschichte reagiert wie am vergangenen Wochenende, dann werden diese Menschen auf dem Petersplatz bald alles sein, was der katholischen Kirche an Anhängern noch bleibt." (06.04.2010)


Il Fatto Quotidiano - Italien

Die Kirche begeht den Fehler, die Gemeinschaft der Gläubigen als anonyme Masse, und nicht als Gesprächspartner zu sehen, meint die linke Tageszeitung Il Fatto Quotidiano: "Am Horizont zeichnet sich noch keine Auferstehung ab. Im Gegenteil, der Himmel wird immer düsterer. Es ist ein beängstigender Leidensweg für die katholische Kirche. ... Der Papst handelt in klösterlicher und kaiserlicher Einsamkeit. ... Vor allem scheint ihm der Gedanke fremd zu sein, dass die gläubige Öffentlichkeit nicht nur ein Zuschauer ist, an den man sich mit Reden, Enzyklika und Belehrungen wendet, sondern aktiver Gesprächspartner, der Fragen stellt und Antworten verlangt. Der Papst Ratzinger, der klarer denkt als viele seiner Verteidiger, darf sich nicht vom Professor Ratzinger und seiner Tendenz unterdrücken lassen, die Probleme abstrakt anzugehen und zu glauben, dass es damit getan sei, einmal gebieterisch einzuschreiten." (05.04.2010)


Trouw - Niederlande

Bei der Ostermesse zeigte sich Papst Benedikt XVI von allen Vorwürfen unberührt und ohne jegliches Mitleid, kritisiert die christlich orientierte Tageszeitung Trouw: "Um Mitleid mit Opfern zu zeigen, muss man das Leid der ganzen Menschheit aufnehmen können. Der Blick von Joseph Alois Ratzinger war leer, sein Herz verbarrikadiert. ... Die Kirche müsse sich nicht um das chiacchiericcio scheren, sagte Kardinal Angelo Sodano. Das Verb chiacchierare heißt soviel wie klatschen, tratschen, schwätzen. Das musste den Opfern von sexuellem Missbrauch reichen. Die Kirche ist kein Chat-Institut und die Ostermesse kein Internetforum, auf dem jeder seine Meinung äußern darf. Rom ist unfehlbar. Und wenn es nicht so zu sein scheint, dann kann Rom die sich verschwörende Welt immer noch der Intrige beschuldigen. Urbi gegen orbi." (06.04.2010)


Sme - Slowakei

Die Antwort der katholischen Kirche während der Osterfeiertage auf die Fragen der Öffentlichkeit nach den Missbrauchsskandalen war ernüchternd und enttäuschend, meint die liberale Tageszeitung Sme: "Schade, dass sich auch Papst Benedikt XVI. nicht in die lebhafte Debatte eingeschaltet hat. Worte gegen den Drogenmissbrauch, gegen Krieg und Terrorismus sind zweifellos notwendig. Die Welt aber hat mehr erwartet. Der Papst erinnert an einen Menschen, der seinen Nachbarn darauf aufmerksam macht, dass dessen Rasen verdorrt, und dabei ignoriert, dass ihm das Dach des eigenen Hauses auf den Kopf zu fallen droht." (06.04.2010)


» zur gesamten Presseschau vom Dienstag, 6. April 2010

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