Top-Thema vom Montag, 7. Juni 2010
Türkei setzt Vermittlerrolle aufs Spiel
Der Konflikt um den israelischen Angriff auf einen internationalen Schiffskonvoi für Gaza vor einer Woche spitzt sich zu. In Istanbul und anderen Städten haben am Wochenende Tausende demonstriert, die Türkei erwägt rechtliche Schritte gegen Israel. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan muss aufpassen, dass er die historische Vermittlerrolle der Türkei zwischen den Palästinensern und Israel nicht aufs Spiel setzt und den Nahostkonflikt nicht weiter anheizt, meint die Presse.
Berlingske - Dänemark
Der Angriff Israels gegen den Schiffskonvoi für Gaza hat laut der konservativen Tageszeitung Berlingske Tidende dazu geführt, dass in der Türkei islamistische Kräfte zunehmend Gehör finden: "Wenn [Premierminister Recep Tayyip] Erdoğan vorhat, bis zu den Wahlen im nächsten Jahr die islamistische Karte zu spielen, bekommt die Türkei einen politischen Wahlkampf, der entscheidend für die Zukunft des Landes als Bindeglied zwischen dem Westen und dem Nahen Osten wird. Die Türkei hat vorbildlich reagiert, indem sie den Botschafter heimberufen und eine Reihe von Kooperationsabkommen mit Israel eingefroren hat. Aber diese mehr oder weniger normalen Maßnahmen, derer sich Staaten in solchen Krisen bedienen, und die alle nachvollziehen können, wurden von einer beinharten Rhetorik begleitet, die keinen Zweifel daran lässt, dass Erdoğan nicht nur auf Seiten der Palästinenser steht, sondern auch Partei für die weitaus radikaleren Palästinenser ergreift." (07.06.2010)
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Süddeutsche Zeitung - Deutschland
Die Autopsie der Opfer des israelischen Militärangriffs auf ein Hilfsschiff hat in der Türkei erneut für Empörung gesorgt. Demnach starben neun Menschen durch 30 Schüsse. Die linksliberale Süddeutsche Zeitung warnt, dass die Türkei nicht zu lange auf der Welle der nationalistischen Empörung reiten darf, wenn sie ihre Rolle als Beobachter und Vermittler nicht verlieren will: "Was die Türkei bislang so wertvoll machte, auch für die Vereinigten Staaten, auch für die Europäische Union, war die Tatsache, dass sie eben nicht Partei war. Dass sie Kontakt hatte zu Palästinensern wie Israelis. ... Nun könnte die Türkei sich umgekehrt beweisen. Wenn durch die traurigen Ereignisse der letzten Woche das Prestige der Türkei unter den Palästinensern tatsächlich gewachsen ist - dann sollte die Türkei ihren Einfluss nun nutzen, der Hamas endlich die Zugeständnisse abzuringen, die Israel zu Recht verlangt: eine Anerkennung seines Existenzrechts, ein Ende der Raketenangriffe." (07.06.2010)
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The Irish Times - Irland
Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hat in der vergangenen Woche den israelischen Angriff auf das Hilfsschiff für Gaza scharf verurteilt. Erdoğans Kritik ist kein Ausdruck von Antisemitismus, sondern eines neuen türkischen Selbstbewusstseins, meint die Tageszeitung The Irish Times: "Der Hauptgrund, dass die Türkei Israel mehr denn je trotzt, ist, dass sie ein verändertes Land ist. Sie ist wesentlich stolzer auf ihre muslimisch-ottomanische Identität als zuvor. Sie wird nicht mehr länger von ultrasäkularen Generälen regiert, so dass ihre Identität über demokratische Kanäle auch ihre Außenpolitik beeinflusst. Die Türkei ist außerdem eine wachsende Wirtschaftsmacht, was sie zu einem einflussreichen Strippenzieher in der gesamten Region macht. … Das Einzige, was die Beziehungen reparieren könnte, wäre die Auferstehung eines neuen Israel, das Gaza und alle besetzten Gebiete befreit und aufhört, unschuldige Zivilisten zu töten." (07.06.2010)
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