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Top-Thema vom Freitag, 8. April 2011


Leitzins spaltet Europa


Als erste große westliche Notenbank hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinswende eingeleitet. Sie beschloss am Donnerstag, zum ersten Mal nach Ausbruch der Finanzkrise die Leitzinsen zu erhöhen - von 1,0 auf 1,25 Prozent. Das unterstützt den Aufschwung der starken Wirtschaftsnationen in der EU, freuen sich die einen, andere bemängeln gravierende Nachteile für die angeschlagenen Länder.


De Telegraaf - Niederlande

Die Erhöhung des Leitzinses ist ein kluger Schritt der EZB, meint die Boulevardzeitung De Telegraaf: "Diese kleine Erhöhung kann die sich langsam erholende niederländische Wirtschaft prima verkraften. Außerdem stärkt die Maßnahme die Stellung des Euro und ist ein Zeichen der Stärke gegenüber den seit der Krise kritischen Finanzmärkten. Aber vor allem ist es gut, dass der französische EZB-Chef nicht dem Druck der mit großen Problemen kämpfenden südeuropäischen Euroländer erlegen ist. ... Stattdessen konfrontiert der höhere Zinssatz Bruchpiloten wie Portugal und Griechenland knallhart mit der Realität. Diese Länder dürfen die Eurozone nicht bremsen, sondern müssen nun selbst ihre Probleme lösen." (08.04.2011)


Financial Times Deutschland - Deutschland

Die Zinserhöhung der EZB bringt niemandem etwas, meint die wirtschaftsliberale Financial Times Deutschland: "Deutschland bräuchte eigentlich einen höheren Leitzins, die Krisenländer einen niedrigeren, und der Mittelwert ist ein lauer Kompromiss, der dem einen nichts nützt, den anderen aber schadet. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, gibt EZB-Chef Jean-Claude Trichet die Verantwortung für die kriselnden Euro-Staaten an die Politik zurück. Die EZB will künftig weniger Staatsanleihen aufkaufen, lediglich die unbegrenzte Geldversorgung für Geschäftsbanken erinnert noch daran, dass sie im Krisenmodus operiert. Ordnungspolitisch ist es zwar sauber, wenn der Rettungsfonds EFSF an die Stelle der EZB tritt, um die Krisenländer mit frischem Geld zu stützen. Doch sein Nachteil ist, dass er von der langwierigen politischen Abstimmung in der EU abhängt. ... Sollte Spanien entgegen allen Anzeichen einer Besserung seiner Lage nun doch noch ins Trudeln geraten, wäre ohne die EZB schnelle Hilfe schwierig." (08.04.2011)


Público - Spanien

Die Anhebung des Leitzinses um einen Viertelpunkt nützt der deutschen und schadet der spanischen Wirtschaft, kritisiert die linke Tageszeitung Público. Auch wenn EZB-Chef Jean-Claude Trichet sie noch so wortreich verteidigt: "In einem Anfall von angeblich sozialer Fürsorge behauptete er, dass die Kontrolle der Inflation 'besonders wichtig für die Armen' sei und die 'effektivste Form' Arbeit zu schaffen. In Wirklichkeit hat Trichet aber den Interessen Deutschlands gedient, einem Land, das sich in einer stabilisierten Wachstumsphase befindet und das durch eine steigende Inflation seine Exportmacht bedroht sieht. Aber für Länder wie Spanien, die um einen Ausweg aus der Krise ringen und deren Wirtschaft vor allem von der Dynamik des Binnenkonsums abhängen, bedeutet die Leitzinserhöhung einen harten Rückschlag, der sich nach Expertenmeinung negativ auf die Arbeitslosigkeit auswirkt und den Zinsdruck der Hypothekenlast auf die ohnehin gebeutelten Bürger erhöht. Die Geldpolitik darf keine von bestimmten Machtzentren diktierte und anschließend in wissenschaftliche Dogmen verpackte Politik sein." (08.04.2011)


Hospodářské noviny - Tschechien

Die Anhebung des Zinssatzes durch die Europäische Zentralbank ist nach Auffassung der Wirtschaftszeitung Hospodářské noviny das falsche Signal zur falschen Zeit: "Die Zentralbank erhöhte den Zinssatz paradoxerweise nur ein paar Stunden, nachdem Portugal wegen der teurer werdenden Kredite um Hilfe gebeten hatte. Generell geraten immer mehr Länder des Euroraums in Probleme. Die Änderung des Zinssatzes bedeutet, dass sich für die Schuldner die Kredite in einer für sie ungünstigen Situation verteuern. ... Die Entscheidung der EZB weckt den Verdacht, dass die Bank mehr danach entscheidet, was für Deutschland von Vorteil ist, weniger für die Eurostaaten als Ganzes. Es geht nicht so sehr um die aktuelle Anhebung des Zinssatzes um einen Viertelprozentpunkt, sondern vielmehr um das Signal, in welche Richtung sich die Geldpolitik bewegt. Die Kombination aus teurerem Geld und restriktiven Haushalts-Einsparungen der verschuldeten Länder vertieft die Spaltung der Union in zwei Teile. Und wie lange werden die 'verantwortungsbewussteren' Länder noch für die restlichen zahlen wollen?" (08.04.2011)


» zur gesamten Presseschau vom Freitag, 8. April 2011

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