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Top-Thema vom Donnerstag, 26. Januar 2012


Euro-Krise bestimmt Davos

Merkel hält nichts von einer Verdreifachung der Euro-Hilfen. (© dapd)

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch davor gewarnt, Deutschland in der Euro-Krise zu schwer zu belasten. Während einige Kommentatoren ihr Recht geben, vermissen andere das politische Projekt Europa und stellen sogar den westlichen Kapitalismus in Frage.


Polityka Online - Polen

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos am Mittwoch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Deutschland den Euro nicht allein retten kann. Das linksliberale Nachrichtenportal Polityka Online stimmt ihr zu: "Deutschland ist zwar das größte Mitglied im Euro-Klub, doch dürfte es trotzdem entschieden zu schwach sein, um im Alleingang die Gemeinschaftswährung zu retten. Das BIP unseres westlichen Nachbarn macht nicht einmal ein Fünftel der gesamten Union aus und etwa ein Viertel der Euro-Zone. Die Hoffnungen, die man in Deutschland setzt, werden langsam irrational. Dieses Land hat mit Sicherheit sehr viel von der Integration profitiert und muss selbstverständlich alle Anstrengungen unternehmen, um den Euro zu retten. Doch kann man nicht von ihm verlangen, jede Last zu schultern, die man ihm aufbürdet. Außerdem liegt es im polnischen Interesse, dass Deutschland [als größter Handelspartner] bei der Übernahme der Kosten für die europäische Krise nicht selbst ernsthafte Probleme bekommt." (26.01.2012)


La Repubblica - Italien

Die Euro-Krise ist das Hauptthema in Davos, doch darf die wirtschaftliche Rettung Europas nicht das politische Europa-Projekt in den Hintergrund drängen, meint der Zeithistoriker Timothy Garton Ash in der linksliberalen Tageszeitung La Repubblica: "Wenn wir die Rettung des Euro erleben, ist das ein Triumph der Angst, nicht der Hoffnung. Hoffnung nährte andere große Momente des Projekts Europa. Diesmal ist es die Angst, die Deutschland und andere dazu veranlasst, eben das Allernotwendigste zu tun. Die Angst, dass der Preis des Scheiterns die Kosten der wenig verlockenden Alternative der Rettung der klammen Länder übersteigen könnte. ... Die Rettung des Euro darf aber nicht als Ersatzhandlung an die Stelle des größeren politischen Projekts treten, das bisher als Herzstück und als Katalysator diente. Die Politik der Angst mag zur Rettung des Euro gereichen. Was Europa jetzt braucht ist eine Politik der Hoffnung." (26.01.2012)


Jyllands-Posten - Dänemark

Statt über die Weltkonjunktur zu reden, starten die Veranstalter des Weltwirtschaftsforums mit einer Grundsatzdebatte über den Kapitalismus. Auch die liberal-konservative Tageszeitung Jyllands-Posten bezweifelt, dass der Westen das bessere Wirtschaftssystem hat: "Die globale Krise zwingt uns dazu, das kapitalistische Modell zu überdenken, denn Finanzinstitutionen, die nicht ausreichend kontrolliert wurden, haben die USA und Europa in eine so tiefe Krise gestürzt, dass es Jahrzehnte dauern kann, die Wirtschaft zu sanieren. Die Wirtschaftskrise ist auch eine politische Krise geworden, weil die Führung fehlt. Mittlerweile beginnt die Krise auch die Demokratie zu schwächen. Sie untergräbt das Vertrauen der Wähler in die Politiker, die glauben, man könne die Krise lösen indem man gewählte Politiker suspendiert und durch Technokraten ersetzt. … Die Krise des Kapitalismus im Westen lässt nach Asien blicken. Das interventionistische Wirtschaftsmodell dort ist oft vom Westen kritisiert worden, aber die Wirtschaft boomt. ... Die kapitalistische Idee ist nicht tot, und auch Asien braucht sie. Aber wenn sie überleben soll, dann ist ein Neudenken erforderlich - und vor allem sichtbare Führerschaft." (26.01.2012)


De Morgen - Belgien

Der belgische Premier Elio Di Rupo nimmt nicht am Weltwirtschaftsforum in Davos teil und wird dafür im eigenen Land kritisiert. Doch der Kolumnist Hugo Camps stellt sich in der linksliberalen Tageszeitung De Morgen hinter den Premier: "Davos. Das ist mir zu sehr ein monegassischer 'Bal de la Rose' der Haute Finance. Ein Ritual, ein Mythos. ... Die Kartöffelchen sind gar, der Steinbutt perfekt gegrillt, das Tiramisu himmlisch - das darf man auch erwarten bei einem Eintrittspreis von schlappen 35.000 Euro. Aber leben wir nach Davos in einer anderen Welt? Ohne Schuldenkrise? Ohne Rezessionsspuk? Wurde der Kapitalismus für das 21. Jahrhundert reformiert? Ach was. Dazu braucht man die Chinesen, Brasilianer und Russen, und die sind dort nicht. Denn sie sind allergisch gegen den ausschweifenden Akademismus, wie es sich für wahre Kapitalisten gehört. Hören wir die breite Mitte in Davos? Die Gegenkräfte der Globalisierung? ... Es ist eine aalglatte Messe." (26.01.2012)


The Times - Großbritannien

Die Hauptthemen des Weltwirtschaftsforums sind der Kollaps mehrerer EU-Staaten und das mögliche Scheitern des Euro, doch die Prognosen für Europa sind längst nicht mehr so düster wie noch vor wenigen Wochen, meint die konservative Tageszeitung The Times: "Und warum? Nicht dank der politischen Führer, die weiter hin- und hergerissen sind zwischen dem Wunsch nach einer größeren Union und der Angst, von ihren Wählern dafür bestraft zu werden. Sondern dank einer Aktion der Europäischen Zentralbank. Im Dezember begann die EZB Banken, die unmittelbar vor einer Kreditklemme standen, Drei-Jahres-Kredite in unbeschränkter Höhe anzubieten. Seitdem pumpt ihr Kreditplan 489 Milliarden Euro in ein System, dass beinahe stillstand. Dieser Plan - vergleichbar mit dem Tarp-Programm zur finanziellen Entlastung in den USA 2008 - erlaubt Banken, ihren dringenden Bedarf zu decken und außerdem die Kreditvergabe an Konsumenten und Geschäftsleute aufrechtzuerhalten." (26.01.2012)


» zur gesamten Presseschau vom Donnerstag, 26. Januar 2012

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