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Gesellschaft

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GESELLSCHAFT

Der Standard - Österreich | 10.02.2012

Kinder-Versuche sind Erbe der NS-Medizin

In Österreich sind Fälle von medizinischen Experimenten in Kinderheimen aus den 1960er Jahren bekannt geworden. Berichten von Betroffenen zufolge sollen Heimkinder mit Elektroschocks, Tier-Medikamenten und Malaria-Erregern behandelt worden sein gegen Jähzorn, Bettnässen oder sexuellen Antrieb. Das Erbe der NS-Medizin und ein autoritärer Katholizismus haben solche Misshandlungen ermöglicht, erklärt die linksliberale Tageszeitung Der Standard: "In den Sechzigerjahren waren die Ärzte, die unter dem Nationalsozialismus studiert hatten und deren Lehrer zum Teil sadistische Monster waren, auf der Höhe ihrer Laufbahn. Nicht nur Ärzte, auch (Hochschul-) Lehrer, staatliche Erzieher, Beamte in der Verwaltung hatten die menschenverachtende Ideologie verinnerlicht. ... Aber unter den 'wissenschaftlichen' NS-Sadismus gemischt war auch die traditionell katholische autoritäre Mentalität. Thomas Bernhard nannte das die 'katholisch-nationalsozialistische' Erziehung, unter der er selbst zu leiden hatte. Das Furchtbare daran: Eine 'strenge' Erziehung war allgemein gesellschaftlich akzeptiert." (10.02.2012)

Vilniaus diena - Litauen | 09.02.2012

Der Homo sovieticus hat in Litauen überlebt

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat beim EU-Gipfel am 31. Januar acht EU-Mitglieder aufgefordert, etwas gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu unternehmen, darunter auch Litauen. Die Online-Ausgabe der Tageszeitung Vilniaus diena bedauert, dass litauische Politiker erst Druck von oben brauchen: "Dank an den EU-Kommissionspräsidenten Barroso, der die Peitsche Richtung Litauen geschwungen und gezeigt hat, dass im Land so ein großes Problem wie die Jugendarbeitslosigkeit existiert. ... Barroso wird so, ohne es zu wollen, einem Funktionär des ehemaligen Zentralkomitees aus Moskau ähnlich, der mit nur einem Telefonanruf eine für die Partei, den Sozialismus oder den eigenen Clan wichtige Angelegenheit erledigt. Und wir benehmen uns wie ein echter Homo sovieticus, der nur arbeitet, um Lob von der höchsten Stelle zu bekommen: Nachdem Barroso das Problem aufgezeigt hatte, rief die litauische Präsidentin sofort den litauischen Minister für Arbeit und Soziales zu sich. Und am Mittwoch kündigte dieser an, dass die zuständigen Institutionen in einer Woche Vorschläge zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit ausarbeiten werden." (09.02.2012)

Gazeta Wyborcza - Polen | 10.02.2012

Polens Bischöfe schweigen weiter zu Missbrauch

Im Vatikan ist am Donnerstag eine Konferenz zu Ende gegangen, die sich mit Missbrauchsfällen in Einrichtungen der katholischen Kirche auseinandersetzte. Die polnische Geistlichen schweigen aber trotzdem weiter, kritisiert die liberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza: "Welche Schlüsse ergeben sich aus der Konferenz, die es in dieser Form noch nie gegeben hat, für die polnische Kirche? Vor allem, dass es nicht nur in den Augen der Öffentlichkeit, sondern auch für die Kirche selbst unmoralisch ist, die Fälle unter den Teppich zu kehren, bei denen Priester des Missbrauchs angeklagt sind. Ebenso unmoralisch ist es, deren Aufklärung zu verschleppen, weil man irrtümlich meint, so das Wohl der Einrichtung zu schützen. Die polnischen Geistlichen haben leider noch immer Probleme damit, das zu begreifen. So hat der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Józef Michalik, beharrlich einen Priester aus Tylawa verteidigt, der wegen des Missbrauchs von sechs Mädchen zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden ist, und über den ein Berufsverbot als Lehrer von acht Jahren verhängt worden ist." (10.02.2012)

De Volkskrant - Niederlande | 09.02.2012

Hoffnung auf Elf-Städte-Tour zerschlagen

Die Veranstalter der Elf-Städte-Tour haben das legendäre Eislaufrennen am Mittwoch abgesagt, weil das Eis zu dünn ist. Zuletzt fand das Rennen über 200 Kilometer zugefrorene Kanäle der niederländischen Provinz Friesland 1997 statt. Die linksliberale Tageszeitung De Volkskrant blickt zurück auf die Hoffnung der Niederländer in den vergangenen Tagen, dass das Eis trägt: "Es ist lange her, dass so leidenschaftlich und kollektiv in diesem Land gehofft wurde. Das zeigte, dass wir doch nicht solche egozentrischen Individualisten geworden sind, für die uns viele halten. Wir wollen nichts lieber als gemeinsam Schnee räumen und gemeinsam auf die Elf-Städte-Tour warten. Wenn eine Regierung auch nur zehn Prozent der kollektiven Begeisterung für diese Tour der Touren erzeugen könnte, kämen wir morgen raus aus der Wirtschaftskrise und unser Land wäre eine Oase fröhlicher Erwartung. ... Es gibt noch ein wenig Hoffnung [auf eine neue Frostperiode]. Wir dürfen weiter auf die Elf-Städte-Tour warten, genau wie Wladimir und Estragon auf Godot. Morgen kommt er." (09.02.2012)

Neatkarīgā - Lettland | 09.02.2012

Keine Angst vor Russisch-Referendum in Lettland

Die Letten stimmen am 18. Februar darüber ab, ob Russisch zweite Amtssprache werden soll. Das Referendum ist vom Nationalbolschewisten Wladimir Linderman initiiert worden und wird als Angriff auf das Lettentum gesehen. Doch die Tageszeitung Neatkarīgā mahnt zu mehr Gelassenheit: "Nehmen wir an, dass ein Teil der Russen und anderer Minderheiten die Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens nicht verschärfen wollen und dieses Mal nicht in den Kampf gegen die lettische Sprache ziehen. Das bedeutet zwar nicht, dass sie gleich mit Nein stimmen, aber wenigstens werden sie sich den Hetzern und Chauvinisten nicht anschließen. Mit anderen Worten, viele werden an diesem Februartag zu Hause zu bleiben, was sowohl Vor- als auch Nachteile hat. ... Das Referendum gleicht einer teuren Schocktherapie, die keinen Präzedenzfall in Osteuropa kennt. Alle Letten und alle, die diesem Staat im Herzen oder mit ihren Wurzeln verbunden sind, müssen es mit Selbstachtung und Selbstbewusstsein durchstehen, ohne Hysterie." (09.02.2012)

Frankfurter Rundschau - Deutschland | 08.02.2012

Zahl der Kältetoten zeigt Verfall Osteuropas

Die seit zwei Wochen anhaltende Kälte hat europaweit bisher 300 Menschen das Leben gekostet, davon allein 135 in der Ukraine, 68 in Polen und 60 in Russland. Diese Zahlen verdeutlichen, wie prekär die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Lage in Osteuropa immer noch ist, meint die linksliberale Frankfurter Rundschau: "Das bitterste Beispiel ist die Ukraine. ... Die Oligarchen haben Milliardenreichtümer angehäuft und protzen mit Luxusjachten und anderen Statussymbolen. Die Bevölkerung dagegen friert und hungert. ... Doch auch im EU- und Wirtschaftswunderland Polen ist noch viel zu tun. ... Mehr als ein Dutzend Menschen sind in ihren Häusern an Kohlenmonoxid-Vergiftungen gestorben, weil die Heizungssysteme defekt waren. ... Das West-Ost-Gefälle in Europa bleibt hoch. Ändern ließe sich das nur, wenn die EU und ihre stärksten Mitglieder wie Deutschland und Frankreich eine weitere Angleichung als vordringliche Aufgabe ernst nähmen." (08.02.2012)

Polityka Online - Polen | 08.02.2012

Vatikan versucht sich an Missbrauchs-Aufklärung

Rund 200 Würdenträger und Kirchenexperten beschäftigen sich noch bis Donnerstag auf einer viertägigen Konferenz im Vatikan mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Das linksliberale Nachrichtenportal Polityka Online findet die Konferenz wichtig, verlangt aber mehr Transparenz: "Null Toleranz gegenüber sexuellem Missbrauch in der Kirche. In diesem Geist sollen die Psychologen und Seelsorger miteinander reden, wenn sie sich mit den Pädophilie-Skandalen beschäftigen. Der Vatikan sendet damit die Botschaft an die Welt, dass er sich ernsthaft mit dieser ekligen Angelegenheit beschäftigt, sich nicht vor der Wahrheit scheut und diese verurteilt. … Doch es ist weiter unklar, ob die Konferenz für Medienvertreter geöffnet wird und Papst Benedikt XVI. will nicht persönlich erscheinen. Seine Präsenz würde die Bedeutung der Konferenz erhöhen und die Botschaft noch glaubwürdiger erscheinen lassen. Diese Zweifel müssten noch bis zum Ende der Konferenz beseitigt werden. Wenn das nicht geschieht, dann bleibt der Eindruck zurück, dass die Veranstaltung nur PR-Charakter hat." (08.02.2012)

Sme - Slowakei | 07.02.2012

Frauen-Abteile in Zügen sind Unsinn

Tschechiens Eisenbahn will eine Idee aus Österreich aufgreifen und künftig zur erhöhten Sicherheit in ihren Zügen spezielle Frauenabteile einführen. Die liberale Tageszeitung Sme gewinnt dem nichts ab: "Laut einem Sprecher der Bahn sei es einigen Frauen unangenehm, in einem geschlossenen Raum mit Männern zusammenzusitzen. Also wird das Abteil mit einem speziellen Piktogramm versehen (ob das wohl einen durchgestrichenen Mann darstellt?), und wenn ein Mann seinen Fuß dort hineinsetzt, wird er vom Zugbegleiter vor die Tür gesetzt. Niemand behauptet, dass Reisen bei Nacht in einem Personenzug eine sichere Sache ist. Natürlich kann einem ein anzüglicher Mitreisender die Fahrt verleiden. Das ist aber kein Grund, Männer prinzipiell zu Kriminellen zu erklären und Frauen als Opfer zu stilisieren. Dann können wir auch Abteile für Weiße einrichten, die sich nicht wohl dabei fühlen, Roma als Mitreisende zu haben. ... Ein Gefühl der Sicherheit bekommen Frauen oder andere Reisende nicht dadurch, dass man sie in ein Sonderabteil verfrachtet. Eher durch die Anwesenheit von mehr Bahnpolizisten." (07.02.2012)

The Times - Großbritannien | 07.02.2012

Fehlende Sprachkenntnisse schaden Briten

Immer weniger britische Schulkinder lernen in der Schule eine Zweitsprache. Das ist in vielerlei Hinsicht ein Nachteil für Großbritannien, meint die liberal-konservative Tageszeitung The Times: "Weil englische Muttersprachler überall auf der Welt verstanden werden, sträuben sie sich fremde Sprachen zu lernen und zu sprechen. Doch diese Kultur der Einsprachigkeit hat ihren Preis. Sie behindert britische Unternehmen auf internationalen Märkten. Sie schränkt die Anwerbung von Briten bei globalen Unternehmen ein. Sie schmälert die britische Stimme in der Diplomatie. Der Lebensstandard und der Einfluss dieses Landes sind geringer, als sie sein könnten, weil Sprachen heute eher ein Spezialfach sind als ein allgemeiner Teil der Bildung. ... Die Kenntnis einer Fremdsprache bedeutet nicht automatisch den Besitz einer zweiten Seele, wie es Karl der Große ausdrückte. Aber sie wird es künftigen Generationen ermöglichen, die Welt durch die Augen von anderen sehen zu können." (07.02.2012)

Lietuvos nacionalinis Radijas ir Televizija - Litauen | 06.02.2012

Litauer misstrauen ihrem Staat

Laut mehrerer Umfragen zufolge ist das Vertrauen der Litauer in staatliche Institutionen stark gesunken. Dies verdeutlicht den schlechten Zustand der Gesellschaft, meint der Politologe Vytautas Dumbliauskas auf dem Online-Portal des litauischen Rundfunks LRT: "Nur noch vier bis fünf Prozent der Befragten vertrauen dem litauischen Parlament - in europäischen Ländern mit einer langen demokratischen Tradition sind es 40 bis 60 Prozent. Noch weniger Menschen vertrauen den politischen Parteien, die keine staatlichen Institutionen sind, aber eine Art Vermittlerrolle zwischen den Bürgern und dem Staat einnehmen. Im Vergleich zu älteren Demokratien vertrauen wir hierzulande viel weniger dem Rechtssystem, der Polizei oder dem Bildungssystem. ... Auch das Vertrauen zwischen den  Menschen ist soziologischen Untersuchungen zufolge sehr gering. ... Ein wichtiges Merkmal von Gesellschaften, in denen sowohl das Vertrauen in Institutionen als auch das zwischenmenschliche Vertrauen gering ist, ist ein schwacher zivilgesellschaftlicher Sektor. Und dies wiederum begünstigt das Wuchern staatlicher Bürokratie. Der Staat wird zu einer gesichtslosen Maschine, der gegenüber sich die Bürger machtlos und enttäuscht fühlen." (06.02.2012)


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