Navigation

 

Reflexionen

REFLEXIONEN

Kathimerini - Griechenland | 23.07.2014

Pantelis Boukalas über die ungleichen Toten in der Ukraine und in Gaza

Die öffentlichen Diskurse nach dem Abschuss von Flug MH17 und der israelischen Offensive in Gaza vergleicht Kolumnist Pantelis Boukalas in der konservativen Tageszeitung Kathimerini und kritisiert, dass dem Tod so vieler Menschen nicht in beiden Fällen die gleiche Bedeutung beigemessen wird: "Tote sind Tote. Ob sie nun Malaysier, Niederländer, Palästinenser oder Israelis sind. … Es scheint aber, dass in der internationalen Politik die Ermordeten in der Ukraine und in Gaza nicht auf die gleiche Weise tot sind. Wir unterscheiden zwischen 'unseren' Toten und 'deren' Toten. Der Tod von 'denen' hat nicht die gleiche Bedeutung. Er verlangt nicht nach wütenden Reaktionen der betroffenen Interessengruppen. Und er lässt die Mächtigen auf dieser Erde auch nicht nach einer gemeinsamen Haltung suchen. Ihnen ist es völlig egal, ob ihr Verhalten stringent, das heißt unparteiisch ist, und ob ihre moralische Kriterien konsequent angewendet werden oder im Gegensatz abhängig sind von der Nationalität der Getöteten. Diejenigen, die zum Volk der Toten gehören, haben nichts mehr mit unseren Nationalitäten und Ethnien zu tun. … Es ist ein Alptraum, dass man den Tod der 'Unsrigen' nutzt, um den Tod der 'anderen' herunterzuspielen." (23.07.2014)

Contrepoints - Frankreich | 22.07.2014

Für Jean-Baptiste Noé tut Europa Frankreich gut

Gerade weil Frankreich derzeit schwere Zeiten erlebt, darf nicht vergessen werden, dass das Land seinen Wohlstand der EU verdankt, argumentiert Historiker Jean-Baptiste Noé auf der Webseite contrepoints.org: "Die EU hat Frankreich dazu gezwungen, tiefgreifende Strukturreformen durchzuführen. So hat unser Land in den letzten 30 Jahren eine rasante Entwicklung erlebt und großen Wohlstand erreicht. An unseren wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist nicht die EU schuld, sondern die französische Politik. Brüssel hat uns nicht befohlen, unsere Unternehmen und Heimarbeit dermaßen stark zu besteuern, unser Bildungswesen zu zerstören und der unternehmerischen Freiheit Steine in den Weg zu legen. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass ohne die EU grundlegende Reformen nicht durchgeführt worden wären. Wir sollten den Mut haben, das auch öffentlich zuzugeben und der Bevölkerung klar zu machen, dass die wirtschaftliche Liberalisierung ein Segen war. Andernfalls brauchen wir uns nicht wundern, dass der Front National als neue "soziale" Partei so gute Wahlergebnisse erzielt." (22.07.2014)

El País - Spanien | 18.07.2014

Thomas Cooley und Ramon Marimon warnen vor Verlust einer Generation

Die Krise in Europa gleicht derjenigen, die Japan zu Beginn der 1990er Jahre durchlief, analysieren Thomas Cooley und Ramon Marimon in der linksliberalen Tageszeitung El País. Doch während man in Japan lediglich von einem "verlorenen Jahrzehnt" spricht, wird Europa später eine "verlorene Generation" beklagen, fürchten die Ökonomen: "Die Produktivität war in einigen Teilen Europas schon vor den Krisen niedrig, aber durch sie sank sie weiter und hat sich außer in Deutschland bislang nicht erholt. Im Gegensatz zu Japan gingen in der europäischen Peripherie vor allem Arbeitsplätze verloren. Außerdem scheint Europa nicht ausreichend in Humankapital zu investieren, um die Produktivität zu steigern. Bei der jüngsten Pisa-Studie hatten die 15-Jährigen in der europäischen Peripherie schlechte Ergebnisse in Mathematik und Naturwissenschaften. Gleichzeitig durchlaufen ihre älteren Geschwister mit Arbeitslosigkeit und befristeten Teilzeitanstellungen keine bessere Schule. Zusammengefasst wird der große Verlust des verlorenen Jahrzehnts in der europäischen Peripherie eine verlorene Generation sein. Und das obwohl die europäische Gesellschaft ebenso wie die japanische veraltet ist und auf die junge Generation setzen müsste, um zu wachsen." (18.07.2014)

Der Standard - Österreich | 17.07.2014

Florian Scheuba fordert Blauhelm-Einsatz im Fifa-Headquarter

Die Fifa unter Sepp Blatter ist eine multikriminelle Bande und agiert wie eine Besatzungsmacht, schimpft Kabarettist Florian Scheuba nach der WM im linksliberalen Standard und schlägt eine UN-Mission vor, um dem Fußballweltverband Einhalt zu gebieten: "Ganz bestimmt gibt es sogar bei der Fifa Anständige, die vermutlich von den korrupten Eliten in Geiselhaft genommen wurden. Ein unhaltbarer Zustand, zu dessen Beendung wir uns ein Beispiel am Vorgehen der Fifa selbst nehmen sollten. Diese hat es praktisch geschafft, in den Veranstalterländern von Weltmeisterschaften während der Turniere ein eigenes Staatsgebiet zu errichten, in dem die herrschenden Gesetze (Steuerpflicht, freier Warenverkehr, Einreisebestimmungen etc.) außer Kraft gesetzt sind. Sie agiert also wie eine Besatzungsmacht. Unter diesem Aspekt erscheint es angemessen, die Fifa zu enteignen und ihre Zentrale in Zürich durch Friedenstruppen der Vereinten Nationen einzunehmen. Der humanitäre Charakter einer derartigen Mission wäre unzweifelhaft, ist sie doch als Geiselbefreiung zu bewerten, in deren Verlauf nicht nur etwaige unkorrumpierbare Fifa-Mitarbeiter befreit würden, sondern auch der Fußballsport an sich." (17.07.2014)

T24 - Türkei | 16.07.2014

Für Mustafa Akyol regiert Erdoğan so intolerant wie die Kemalisten

Die Intoleranz gegenüber Andersdenkenden der AKP-Regierung erinnert an die Verbohrtheit der Atatürk-Anhänger, die 90 Jahre lang die Türkei regiert haben, analysiert Kolumnist Mustafa Akyol in der liberalen Internetzeitung T24: "Die AKP hat diejenigen befreit, die unter dem Kemalismus ausgegrenzt wurden, aber beginnt nun entsprechend ihrer eigenen Ideologie andere Gruppen auszugrenzen. Das beste Beispiel ist das Alevitentum. Ein Leben mit Alkohol, eine laizistische moderne Weltsicht stößt an die Grenzen der AKP. [Premier] Erdoğan schwebt in der Gefahr ein Führer zu werden, der nur Freiheiten akzeptiert und erweitert, die ihn nicht stören. Doch er muss Reformen durchführen in Bereichen, die nicht in sein Weltbild passen. Eine davon ist, die Cemevis der Aleviten als Gotteshäuser zu akzeptieren. Die AKP muss Menschen das Recht zugestehen, öffentlich Alkohol zu trinken, Miniröcke zu tragen, tätowiert zu sein und als gleichberechtigte Bürger keine Nachteile zu haben, staatliche Jobs zu bekommen." (16.07.2014)

Gazeta Wyborcza - Polen | 14.07.2014

Marek Beylin über den sinkenden Einfluss der Kirche in Polen

Die Kirche in Polen hat die Entlassung des Chefarztes einer staatlichen Klinik durch die Warschauer Bürgermeisterin scharf kritisiert. Dieser Fall zeigt einmal mehr, dass die Geistlichen zunehmend an sozialem Einfluss verlieren, freut sich der Historiker Marek Beylin in der liberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza: "Die Kirche verliert schon seit Jahren sämtliche Konflikte, die sie begonnen hat, um sich an der Macht zu halten. Wer erinnert sich noch daran, wie sehr sie gegen die künstliche Befruchtung protestiert hat. Tausende Verbote, Erklärungen und Kommentare der Geistlichen in den Medien haben die Polen nicht davon überzeugt, dass diese Form der Befruchtung nicht akzeptabel ist. ... Ähnlich war es beim Widerstand gegen die Europarat-Konvention gegen Gewalt gegen Frauen. Die Regierung hat sie unterzeichnet. Und erst die Proteste der Kirche haben bewirkt, dass vielen Polen erstmals bewusst wurde, dass es ein solches Problem mit der Gewalt gibt. ... Und nun gehört auch die Affäre um den Mediziner dazu. Dadurch, dass sie das unmenschliche Verhalten des Mediziners verteidigen, bekommen sie erst recht das Image eines großen Inquisitors. Damit schwächen sie weiter ihren sozialen Einfluss." (14.07.2014)

Il Sole 24 Ore - Italien | 08.07.2014

Kenneth Rogoff fordert Schuldenerlass für Europas Krisenstaaten

Ein Schuldenerlass für die Euro-Krisenstaaten ist unvermeidbar, erklärt der US-Ökonom Kenneth Rogoff in der liberalen Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore: "Weder ein reiner Sparkurs noch bloße Keynesianische Wachstumsanreize können die Länder vor der Falle einer hohen Staatsverschuldung retten. In der Vergangenheit haben üblicherweise andere Maßnahmen, darunter Umschuldung, Inflation und Vermögensbesteuerung, eine bedeutende Rolle gespielt. Früher oder später wird die EU auf das gesamte Schuldenabbau-Arsenal zurückgreifen müssen, vor allem wenn sie die kränkelnden Volkswirtschaften der peripheren Länder der Euro-Zone sanieren will. Die expansive Geldpolitik der EZB mag ausreichen, um kurzfristige Wachstumsanreize zu finanzieren. Doch sie reicht nicht aus, um langfristig die Probleme der Schuldentragfähigkeit zu lösen. Die EZB wird sich bald damit auseinandersetzen müssen, dass strukturelle Reformen und Haushaltsdisziplin das europäische Schuldenproblem nicht lösen werden. ... Es ist daher an der Zeit, einen Schuldenerlass für die gesamte periphere Euro-Zone in Erwägung zu ziehen." (08.07.2014)

De Volkskrant - Niederlande | 07.07.2014

Für René Cuperus ist deutsch-französische Freundschaft nicht entscheidend

Das Europäische Projekt fußt zu Unrecht auf dem Mythos der deutsch-französischen Freundschaft als Friedensgarant schlechthin, warnt der Kulturhistoriker René Cuperus in der linksliberalen Tageszeitung De Volkskrant: "Die europäische Einheit, bei der sich alles um die deutsch-französische Erbfeindschaft dreht, ist die Antwort auf den Ersten Weltkrieg - auf Ypern und Verdun. Aber sie ist keine oder eine unzureichende Antwort auf den Zweiten Weltkrieg. Auf Stalingrad und Katyn. ... Für einen dauerhaften Frieden in Europa ist das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland viel entscheidender als das zwischen Deutschen und Franzosen. Die Europäische Union gründet auf den Lektionen aus dem Ersten Weltkrieg, ignoriert jedoch die Warnungen aus dem Zweiten Weltkrieg. ... Der russische Beitrag zur Niederlage von Hitler-Deutschland wird noch immer nicht gebührend gewürdigt. Obwohl es die Russen waren, die nach Berlin vordrangen. ... Die deutsch-russische Freundschaft wird über die friedliche Zukunft Europas entscheiden." (07.07.2014)

Dagens Nyheter - Schweden | 06.07.2014

Richard Swartz über Russlands bequemen Faschismus-Begriff

Als "Faschisten" hat Russlands Präsident Wladimir Putin die Kiewer Regierung bezeichnet. Doch Putin sollte mit dem Faschismus-Vorwurf vorsichtig umgehen, denn in Russland gibt es weit mehr Faschisten als in der Ukraine, konstatiert Richard Swartz in der liberalen Tageszeitung Dagens Nyheter: "Nur nennt man sie dort nicht so, weil der Faschismus-Stempel dem Feind vorbehalten ist, der sich per Definition im Ausland zu befinden und einer anderen Nation anzugehören hat als der russischen. ... Nach dem Begriff Nationalsozialismus muss man in Dokumenten aus der Sowjetzeit mit der Lupe suchen. Eine solche Terminologie hätte nämlich peinlich werden können. ... Besser waren da ungefährliche Begriffe wie Faschismus oder Hitlerismus. ... Sie haben auch den Kommunismus überlebt, weil Russland sich - im Gegensatz zu Deutschland - nicht mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat. ... Die Vergangenheit ist daher zu einer Art Gerümpel- und Vorratskeller geworden, aus dem der Putinismus nach Belieben Begriffe, Schlagworte und Stempel hervorholen kann, ohne dass irgendjemand wirklich weiß, was sie bedeuten. Die große europäische Lektion in Sachen Geschichte hat Russland nämlich übersprungen." (06.07.2014)

The Economist - Großbritannien | 03.07.2014

Über die verlorengegangenen Werte der Araber

Religiöser Extremismus ist nur ein Symptom der Krisen im Nahen und Mittleren Osten, die Wurzel der Probleme ist das Fehlen von Demokratie, offenen Märkten und Pluralismus, analysiert das wirtschaftsliberale Wochenmagazin The Economist: "Nur die Araber selbst können den Niedergang ihrer Zivilisation umkehren. Im Moment besteht darauf kaum Hoffnung. Die Extremisten bieten keine. Das Mantra der Monarchen und Militärs lautet 'Stabilität'. In einer Zeit des Chaos klingt das verständlicherweise reizvoll, doch Unterdrückung und Stagnation sind nicht die Lösung. Sie haben schon früher nicht zum Ziel geführt, sie sind in der Tat Wurzel des Problems. Der Arabische Frühling mag im Moment vorüber sein, die starken Kräfte, die ihn ermöglichten, sind aber immer noch vorhanden. Die Erfindung der Sozialen Netzwerke, die eine Revolution der Haltung entfacht haben, kann nicht rückgängig gemacht werden. Die Männer in ihren Palästen und ihre Unterstützer im Westen müssen verstehen, dass Reform Voraussetzung für Stabilität ist. ... Pluralismus, Bildung, offene Märkte - das waren einst arabische Werte und sie könnten es wieder sein." (03.07.2014)


Weitere Inhalte