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TOP-THEMA | 23.02.2012

Assad mordet ungehindert weiter

Bei einem Artillerie-Angriff syrischer Truppen auf die Oppositionshochburg Homs sind am Mittwoch die zwei westlichen Journalisten Marie Colvin und Rémi Ochlik getötet worden. Machthaber Baschar al-Assad ist für insgesamt 5.000 Tote verantwortlich seit Beginn der Proteste. Doch die westlichen Politiker tun noch immer nichts, bemängeln Kommentatoren und loben den gefährlichen, aber notwendigen Einsatz der Kriegsreporter.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
The Guardian - Großbritannien, Libération - Frankreich, De Morgen - Belgien

The Guardian - Großbritannien

Die in Homs getötete US-amerikanische Kriegsreporterin Marie Colvin war überzeugt von der Wichtigkeit ihrer Arbeit, was die linksliberale Tageszeitung The Guardian anhand einer Rede dokumentiert, die Colvin bei einer Messe für Kriegsversehrte im November 2010 in London gehalten hat: "Über einen Krieg zu berichten, heißt an Orte zu gehen, die von Chaos, Zerstörung und Tod gezeichnet sind, und davon Zeugnis abzulegen. Es bedeutet, die Wahrheit zu finden in einem Propagandasturm, wenn Armeen, Stämme oder Terroristen aufeinander prallen. Und ja, es bedeutet auch Risiken einzugehen. … Unsere Aufgabe ist es, über die Schrecken des Kriegs genau und ohne Vorurteile zu berichten. Wir müssen uns ständig fragen, ob das Risiko die Story wert ist. Was ist Tapferkeit, was Draufgängertum? Journalisten, die über Kämpfe berichten, tragen große Verantwortung und stehen vor schwierigen Entscheidungen. Manchmal zahlen sie den ultimativen Preis." (23.02.2012)

Libération - Frankreich

Der Tod der Reporter macht deutlich, wie wichtig Journalisten im Kampf gegen die Unterdrückung durch einen Diktator sind, analysiert die linksliberale Tageszeitung Libération: "Der Tod von Marie Colvin und Rémi Ochlik offenbart, dass der um seine Macht bangende Baschar al-Assad bewusst auf unabhängige Zeugen seiner Grausamkeit schießt. Die Truppen des syrischen Diktators haben das behelfsmäßige Pressezentrum ins Visier genommen, das dazu diente, über die Schrecken der massiven Bombardierungen der Zivilbevölkerung zu berichten. Der Tod der Journalisten erinnert Medienverächter oder diejenigen, die glauben alles im Internet finden zu können, daran, dass es Menschen gibt, die bereit sind ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um zu informieren. … Ohne ihre Berichterstattung hätte Assad wie viele andere vor ihm sein Volk ungehindert weiter töten und foltern können. Ihre Berichte, ihre Bilder mögen wie schwache Hindernisse für die Barbarei erscheinen. Aber gerade deshalb sind sie umso wichtiger." (23.02.2012)

De Morgen - Belgien

Bei Angriffen auf die syrische Stadt Homs wurden in den vergangenen zwei Tagen mindestens 120 Menschen getötet, darunter auch zwei westliche Journalisten. Die linksliberale Tageszeitung De Morgen wirft dem Westen Passivität vor: "Die politischen Führer verurteilen Assad mit den strengsten Worten und bedauern, dass zivile Opfer gefallen sind. Aber mit Bedauern rettet man keine Menschenleben. Seit der gescheiterten Abstimmung im UN-Sicherheitsrat vor fast einem Monat haben westliche Politiker wenige oder gar keine Initiativen ergriffen, um die Blockade zu durchbrechen. Russland und China sind die Sündenböcke, hinter denen sich jeder verstecken kann. Entschlusslosigkeit und Mangel an Dringlichkeit kennzeichnen die Debatte. Obwohl man doch in so einer Notsituation erwarten kann, dass alle möglichen Schritte überlegt werden, so dass konkrete Aktionen folgen können: Erneut mit Russland verhandeln, Pendeldiplomatie, direkte Gespräche mit Assad, Damaskus militärisch abschotten. Aber es geschieht nichts." (23.02.2012)

TOP-THEMA | 22.02.2012

Kritik am Rettungspaket für Griechen

Nach dem Beschluss des zweiten Rettungspakets für Griechenland am Dienstag mehrt sich die Kritik daran. IWF-Chefin Christine Lagarde möchte erst Reformen sehen, bevor sie Geld dazu gibt, und mehrere Länderparlamente müssen dem Beschluss noch zustimmen. Eine sofortige Insolvenz würde Griechenland und der Euro-Zone viel Leid ersparen, meinen einige Kommentatoren, andere sehen die größte Gefahr in der totalen Kontrolle über Athen.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
NRC Handelsblad - Niederlande, Rzeczpospolita - Polen, euinside - Bulgarien, Lidové noviny - Tschechien, Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

NRC Handelsblad - Niederlande

Mit den Bedingungen des Rettungspakets hat Europa Griechenland faktisch kolonialisiert, warnt die liberale Tageszeitung NRC Handelsblad: "Der Friedensvertrag von Versailles 1919, in dem die Alliierten Deutschland zu untragbaren Reparationszahlungen zwangen, hatte den gegenteiligen Effekt. Daher ist es klug, wenn Länder, die jetzt als Kolonialherren angesehen werden, zurückhaltend auftreten und nicht noch Salz in die Wunde streuen. Der [niederländische] Finanzminister Jan Kees de Jager hat das nicht verstanden. Schon vor den Verhandlungen über die 130 Milliarden Euro plädierte er für die 'permanente Anwesenheit der Troika in Athen'. Das war überflüssig. Griechenland steht bereits unter Kuratel. ... Außerdem findet er es 'nicht klug', wenn in Griechenland im April Wahlen stattfinden. ... Es ist nicht nur eine Frage des Stils, wenn man dem Besiegten noch einen Tritt verpasst. Es liegt auch im Eigeninteresse, die Erniedrigung als Kompromiss darzustellen. Eine zu harte Haltung ist der Nährboden für Rache." (22.02.2012)

Rzeczpospolita - Polen

Griechenland muss im Gegenzug für die Milliardenhilfe strenge Auflagen erfüllen und deren Kontrolle an externe Auditoren abgeben. Damit verliert das Land völlig unnötig seine Eigenstaatlichkeit, mahnt die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita: "Das bedeutet einen Verzicht auf einen wesentlichen Teil der Souveränität - und das außerhalb der Europäischen Verträge. ... Ein strukturierter und organisierter Umbau des Landes würde nämlich bessere Ergebnisse bringen. Dazu hatten allerdings weder die griechischen Politiker noch die Bürger den Mut. Anstatt harter Arbeit haben sie sich entweder für die Halbsklaverei oder den Aufruhr entschieden. Die Union hat Griechenland dazu gezwungen, einverstanden zu sein mit der ständigen externen Kontrolle des Haushalts. ... Man kann über diese Auflagen sagen, was man will, trotzdem ist eins sicher: Kein souveränes Land würde so etwas akzeptieren, selbst dann nicht, wenn es sich sehr für den Ausbau eines gemeinsamen Europa engagiert." (22.02.2012)

euinside - Bulgarien

Das EU-Hilfspaket in Höhe von 130 Milliarden Euro versetze den Pleitestaat Griechenland bestenfalls in ein künstliches Koma, meint das Online-Portal euinside: "Stellen Sie sich einen Patienten vor, der eine lebensrettende Operation braucht bei der alle wissen, dass der Patient - bei Erfolg - danach bestenfalls künstlich am Leben erhalten wird. Etwas ähnliches ist Griechenland gestern passiert. Nach einer rund 13-stündigen 'Operation' ist die Herz-Lungen-Maschine eingeschaltet und der Patient atmet, obwohl in totaler Abhängigkeit von anderen. Das optimistische Szenario besagt nun, dass er in zwei Jahren in der Lage sein könnte, selbst zu atmen und in acht Jahren sogar selbst zu gehen. Über das pessimistische Szenario wollte nach der schweren Nacht in Brüssel vorerst niemand etwas sagen. Am schönsten hat es Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn umschrieben, der übernächtigt, aber erleichtert sagte: 'In den vergangenen zwei Jahren und in dieser Nacht habe ich gelernt, dass Marathon wirklich ein griechisches Wort ist.'" (21.02.2012)

Lidové noviny - Tschechien

Das zweite sogenannte Rettungspaket für Athen kann doch niemand mehr ernst nehmen, beschwert sich die konservative Tageszeitung Lidové noviny: "Das offizielle Ziel der Rettungsaktion lautet: Wiederbelebung der Wirtschaft, Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit und Verminderung der Schuldenlast. Herauskommen kann genau das Gegenteil. Wer wird noch in ein Land investieren, das fällt? ... Zurecht wird befürchtet, dass Griechenland nicht in der Lage sein wird, seine Versprechungen zu erfüllen. Die beiden traditionell großen Parteien, die sich seit Generationen an der Macht ablösen und als einzige bereit waren, die Bedingungen für die Rettung zu unterzeichnen, kommen laut Umfragen bei den nächsten Wahlen nur noch auf ein Drittel der Stimmen. Fast scheint es so, als wäre das Paket absichtlich so geschnürt worden, dass es Athen in eine ausweglose Lage bringt, in der nur noch der Abschied aus der Euro-Zone bleibt." (22.02.2012)

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Die sofortige Insolvenz hätte Griechenland und der Euro-Zone besser getan, meint die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung und hält es für wahrscheinlich, "dass Griechenland in nicht allzu ferner Zukunft doch noch zahlungsunfähig werden und aus dem Währungsverbund austreten wird, bis dahin aber unnötig leidet. Oder dass die Griechenland-Hilfe den Euro-Raum allmählich in eine Transferunion verwandelt, deren Bestand durch immer höhere Unterstützungszahlungen gesichert werden muss, ohne dass die benachteiligten Regionen deswegen aus der Misere finden. Beides sind wenig erbauliche Aussichten. Die EU-Politiker haben sich erneut Zeit gekauft. Eine Lösung, welche Athen in die Insolvenz und in echte Umschuldungsverhandlungen entlassen hätte und zumindest zur Sistierung von Griechenlands Euro-Mitgliedschaft geführt hätte, wäre mutiger und vielversprechender gewesen. So aber bleibt nur die kleine Hoffnung auf eine Gesundung Griechenlands, welche fast schon einem Wunder gleichkäme." (22.02.2012)

TOP-THEMA | 21.02.2012

Neue Griechenland-Hilfe solle Euro-Zone kitten

Die Euro-Finanzminister haben am frühen Dienstagmorgen beschlossen, Griechenland neue Kredite in Höhe von 130 Milliarden Euro zu gewähren. Außerdem sollen private Gläubiger dem Schuldenland mehr als die bisher geplanten 100 Milliarden Euro erlassen. Das alles löst zwar das griechische Problem nicht, meinen Kommentatoren, aber ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone wäre noch teurer.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Cinco Días - Spanien, Le Monde - Frankreich, Der Standard - Österreich, Naftemporiki - Griechenland

Cinco Días - Spanien

Das neue Rettungspaket löst die Probleme Griechenlands noch lange nicht, meint die Wirtschaftszeitung Cinco Días: "Gerade nach dem langen Theater, das die europäischen Politiker in den vergangenen Monaten in Bezug auf die Einigung aufgeführt haben, ist die Unterstützung durch die Länder der Euro-Zone natürlich eine gute Nachricht. Nichtsdestotrotz ist das griechische Problem damit bei weitem nicht gelöst. Betrachtet man den griechischen Leidensweg seit Beginn der politischen und wirtschaftlichen Krise sowie Athens katastrophalen Umgang damit, versteht man, dass Griechenland nicht nur eine wirtschaftliche Lösung braucht, sondern auch eine tiefgreifende politische Erneuerung. Im Gegensatz zur wirtschaftlichen Unterstützung wird sich diese jedoch nicht durch eine externe Kontrolle oder durch Finanzspritzen einstellen. Vielmehr benötigt sie einen Reifeprozess und in manchen Fällen sogar die Schaffung neuer Strukturen und Institutionen. Das braucht Zeit." (21.02.2012)

Le Monde - Frankreich

Dass sich die Euro-Gruppe derart anstrengt, das wirtschaftliche Fliegengewicht Griechenland zu retten, macht deutlich, wie zerbrechlich das Fundament der Gemeinschaftswährung ist, analysiert die linksliberale Tageszeitung Le Monde: "Die schwierige Phase, die Griechenland derzeit durchlebt, zeigt, dass die Euro-Zone noch auf der Suche nach einer geeigneten Formel ist, die Flexibilität, Disziplin und Solidarität miteinander verbindet. Die Euro-Zone steckt noch in den Kinderschuhen: Sie ist nicht so weit integriert, dass ihr Auseinanderbrechen unvorstellbar wäre. Sie ist aber schon zu weit vorangeschritten, als dass es tolerierbar wäre. In Wahrheit besteht die beste Garantie für ihr Fortbestehen in den Kosten ihres potenziellen Endes. ... Wenn die Euro-Zone jedoch nicht nur eine gescheiterte Ehe sein soll, die weiter existiert wegen der horrenden Kosten, die eine Aufteilung des Vermögens und der Schulden mit sich bringen würde, so muss sie auf etwas sehr viel Positiverem errichtet werden." (20.02.2012)

Der Standard - Österreich

Mit der Einigung in Brüssel sinken die Zinsen nicht nur für Griechenland, sondern auch für den Pleitekandidaten Portugal, erwartet die linksliberale Tageszeitung der Standard, wodurch Deutschland etwas weniger an der Krise verdient: "Die Kreditgeber bei den Eurohilfen werden den Griechen nun doch günstigere Darlehen geben, bei den Zinsen nachlassen. ... Davon profitiert indirekt aber auch [Portugals Premier] Passos Coelho. Die Zinsen für Portugal, das selbst Milliardenhilfen beansprucht, werden bald ähnlich sinken. Das ist auch durchaus gerecht. Denn die bestbewerteten Staaten wie Deutschland verdienten bisher gar nicht so schlecht am 'Hilfsgeschäft': einerseits durch die Zinseinnahmen, andererseits, weil sie wegen der billigeren Marktzinsen als Folge der Südkrise beim eigenen Schuldendienst weniger ausgeben. Deutschland hat sich nach einer Studie von Kölner Wirtschaftsforschern 45 Milliarden Euro erspart, ohne Arbeit, nur durch den Markt. Das zeigt die praktisch unauflösbare Verwobenheit im Euroraum, die oft paradox wirkt." (21.02.2012)

Naftemporiki - Griechenland

Die Zahlungsunfähigkeit Athens ist erst einmal abgewendet, aber sonst ist nichts sicher für die Griechen, betont die konservative Wirtschaftszeitung Naftemporiki: "Die Entscheidung der Euro-Gruppe beendet eine lange Zeit der Unruhe und Unsicherheit bei der Entwicklung unserer Wirtschaft und unserer Beziehungen zu den EU-Partnern. Sie stellt aber nicht sicher, dass nun eine bessere Zeit anbricht in diesem Kapitel unserer Geschichte, das 'Schuldenkrise und noch mehr' heißt. Einfach gesagt: Egal wie sehr wir nach einem Hoffnungsschimmer verlangen, wir sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen und nicht dort nach Licht suchen, wo es derzeit keines gibt. Das einzige, das wir mit Sicherheit erwarten können, sind die nächsten Wahlen. Diese Aussicht wird uns ohne Zweifel dabei helfen, uns besser zu fühlen." (21.02.2012)

TOP-THEMA | 20.02.2012

Auf Wulff folgt der Bürgerrechtler Gauck

Der Bürgerrechtler Joachim Gauck soll Nachfolger des am Freitag zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff werden. Darauf einigten sich am Sonntagabend die Regierungsparteien mit den oppositionellen Sozialdemokraten und Grünen. Die Bundeskanzlerin hat mit Gauck als moralischer Instanz eine kluge Entscheidung getroffen, meinen Kommentatoren, auch wenn er ein unbequemer Präsident wird.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Tages-Anzeiger - Schweiz, NRC Handelsblad - Niederlande, Kurier - Österreich, Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Tages-Anzeiger - Schweiz

Der designierte Bundespräsident Joachim Gauck sei das genaue Gegenteil seines unmoralischen Vorgängers Christian Wulff, lobt der liberale Tages-Anzeiger: "Er ist nach dem grandiosen Scheitern von Wulff der natürliche Kandidat. Er ist eine moralische Instanz; unbestechlich, prinzipientreu, unabhängig. Nie hat er sich vom DDR-Regime unterkriegen lassen - auch nach der Wende behielt er seinen freien Kopf. Statt politische Karriere zu machen (Gauck ist bis heute parteilos geblieben), übernahm er die Leitung der Stasi-Unterlagenbehörde. Joachim Gauck wirkt so wie die Antithese zu Wulff, dem Politprofi und Karrieristen, dem Schnäppchenjäger, der sich von reichen Freunden einladen liess, sich günstig ein Haus und schicke Autos besorgte - aber sonst kaum etwas zu bieten hatte. Mit Gauck gibt es eine reale Chance, dass das durch die Ereignisse der letzten Wochen so abgehalfterte Amt des Bundespräsidenten in Deutschland neuen Glanz bekommt, neue Tiefe und Bedeutung." (20.02.2012)

NRC Handelsblad - Niederlande

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Sonntag ihren Widerstand gegen die Kandidatur von Joachim Gauck aufgegeben. Nach dem Debakel ihres letzten Wunschkandidaten Christian Wulff ist das eine kluge Entscheidung, meint die liberale Tageszeitung NRC Handelsblad: "Merkel musste sich von dem politischen Ballast befreien, zu dem Wulff für sie und die Christdemokraten geworden war. ... Deutschland ist jetzt erlöst von einem Mann, der keine moralische Autorität mehr hatte. Die Bundesrepublik musste einen Präsidenten suchen, der diese Autorität ausstrahlt. ... Merkel hatte Wulff 2010 mit aller Macht durchgesetzt, obwohl die oppositionellen Sozialdemokraten und Grünen mit dem ostdeutschen parteilosen Pfarrer Joachim Gauck damals eine sehr gute Alternative vorgeschlagen hatten. Aus parteipolitischen Gründen ging Merkel darauf nicht ein. ... Jetzt zeigte sich die Bundeskanzlerin bereit, mit SPD und Grünen einen 'gemeinsamen Kandidaten' zu finden. In Deutschland wird alles, auch die Präsidentschaft, gerne politisiert. Aber diesmal hat Merkel ihr Wort gehalten." (20.02.2012)

Kurier - Österreich

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Joachim Gauck lange abgelehnt als Bundespräsidenten, doch die am Sonntagabend gezeigte Großherzigkeit und der Pragmatismus ihrer Entscheidung stehen Angela Merkel gut, meint die liberale Tageszeitung Kurier: "Ihr Gefühl für die Stimmung im Volk ist oft besser als das für ihre eigene Basis, wo alte Topfunktionäre aus deren katholischen Kerngebieten im Süden keinen zweiten Ostdeutschen und Protestanten an der Spitze des Staates wollten. Auch wenn dessen Botschaft von Optimismus, Freiheitsliebe und einem selbstbewussten Patriotismus ohne Pathos zur Union noch besser passt als zur SPD. Die Opposition darf nun etwas Genugtuung zeigen über ihren späten Sieg. Merkel aber scheint durch den nicht wirklich beschädigt: Großherzigkeit steht auch ihr gut und wird in der Politik belohnt. Kühler Pragmatismus ist ohnehin ihr erprobtes Markenzeichen. Und für politische Emotionen ist künftig Gauck zuständig." (20.02.2012)

Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck wird ein unbequemer Bundespräsident, meint die linksliberale Süddeutsche Zeitung: "Joachim Gauck ist ein geschickter und verbindlicher Mann, seine Stärke ist das predigerhafte Pathos, das aber thematisch sehr schmalspurig ist. Er ist kein einfacher Kandidat, er ist einer, der emotional denkt, emotional redet und bisweilen auch emotional handelt. Er wird ein schwer kalkulierbarer Präsident sein, er wird für Irritationen sorgen. Er ist einer, der vor einiger Zeit Zuneigung zu den ausländerfeindlichen Thesen des Thilo Sarrazin gezeigt hat, er hat dem verkniffenen Buchautor mit freundlichen Worten 'Mut' attestiert; ... Bei anderen Bundespräsidenten war es so: Sie sind gewählt worden und haben dann Popularität gewonnen. Bei Gauck ist es umgekehrt: Er hat als Kandidat gegen Wulff gewaltige Popularität gewonnen - und ist nun dieser gewaltigen Popularität wegen nominiert worden. Es wäre fast ein Wunder, wenn er diese Popularität halten könnte." (20.02.2012)

TOP-THEMA | 17.02.2012

Griechenlands Präsident attackiert Schäuble

Der griechische Präsident Karolos Papoulias hat bei einem Treffen mit Generälen am Mittwochabend den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble sowie die Niederlande und Finnland angegriffen. Sie hatten zuvor gemahnt, dass Athen kein Fass ohne Boden werden dürfe. Auch wenn sich manche Europäer zu sehr in griechische Belange einmischen, sollte man laut Kommentatoren den Hass mit solchen Ausbrüchen nicht noch schüren.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Lidové noviny - Tschechien, Kathimerini - Griechenland, ABC - Spanien

Lidové noviny - Tschechien

Im Poker um neue Finanzhilfen für die Regierung in Athen liegen in Deutschland und Griechenland mittlerweile die Nerven blank, konstatiert die konservative Tageszeitung Lidové noviny und fordert etwas mehr Zurückhaltung: "Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble schlägt öffentlich in einem Radio-Interview vor, die für April geplanten Wahlen in Griechenland zu verschieben und in Athen eine rein technokratische Regierung ohne Politiker zu installieren. Man könne nicht länger Geld in ein Fass ohne Boden stecken. Damit brachte er den griechischen Präsidenten Karolos Papoulias zu einem Wutanfall. ... In Berlin und Athen verliert man die Geduld. ... Was kommt nun als nächstes? Werden jetzt die Präsidentschaftswahlen in Frankreich abgesagt, weil Nicolas Sarkozy womöglich durch den Sozialisten Hollande abgelöst wird, dem der deutsche Stil der Haushaltsaufsicht nicht passt?" (17.02.2012)

Kathimerini - Griechenland

Deutschland ist nicht nur die Heimat von Politikern wie Schäuble und Merkel, die gerade angefeindet werden in Griechenland, sondern auch von Goethe, Marx, Brecht und Thomas Mann, erinnert die Kolumnistin Xenia Kounalaki ihre Landsleute und ruft in der konservativen Tageszeitung Kathimerini dazu auf, die Wut gegen Deutsche nicht zu verallgemeinern: "Diejenigen, die mit der deutschen Kultur vertraut sind, deutsche Freunde und familiäre sowie andere emotionale Verbindungen mit Deutschland haben, können diese Raserei nicht verstehen. Wenn man die Aussagen von Finanzminister Wolfgang Schäuble oder die ärgerlichen Artikel der Bild-Zeitung mit dem ganzen deutschen Volk oder der ganzen deutschen Presse gleichsetzt, ist das eine genauso unfaire Verallgemeinerung wie das Stereotyp des faulen Griechen, der den ganzen Tag im Café sitzt und über seine Verhältnisse lebt. … Es ist einfach lächerlich, wie manche versuchen, die Tradition eines ganzen Landes auf so unglückliche Vergleiche zu reduzieren wie heutiges Deutschland - Viertes Reich, Goebbels - Schäuble, Hitler - Μerkel." (16.02.2012)

ABC - Spanien

Dass in Griechenland selbst ein Deutschlandfreund und -kenner wie der Präsident Karolos Papoulias den deutschen Finanzminister so hart attackiert, macht der konservativen Tageszeitung ABC Angst: "Natürlich stimmt es auch, dass die deutsche Boulevardpresse Unsinn über 'das Volk der Faulheit' verbreitet und ihm empfiehlt, 'die Inseln zu verkaufen' oder 'die Akropolis zu versteigern'. Die deutschen Politiker forderten diesbezüglich aber stets Respekt und Zurückhaltung. Manche griechische Politiker hingegen ließen sich auf das Spiel der Presse ein und badeten in der Hass-Orgie gegen die Deutschen. Die Bilder von brennenden Deutschlandflaggen oder Merkel-Karikaturen in SS-Uniform fördern nicht gerade die deutsche Solidarität. Der primitive Hass könnte über die europäische Freundschaft siegen, deren sichtbarste Personifizierung Papoulias ist. Die EU wurde nach zwei großen Kriegen geschmiedet, um den Hass zu verbannen. Lassen wir es nicht zu, dass wir erneut den Hass gegen die anderen schüren, um von unserer eigenen Verantwortung und Unzulänglichkeit abzulenken." (17.02.2012)


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