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TOP-THEMA | 29.05.2015

Blatter denkt nicht an Rücktritt

Trotz der Ermittlungen wegen Korruption gegen Fifa-Spitzenfunktionäre will sich Präsident Joseph Blatter am heutigen Freitag in Zürich zur Wiederwahl stellen. Für einen Rücktritt Blatters gibt es auch keinen Grund, finden einige Kommentatoren, schließlich hat er sich nichts zuschulden kommen lassen. Andere glauben, dass nur die Sponsoren in der Lage sind, den scheinbar unantastbaren Weltfußballverband zu verändern.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland, Lidové noviny - Tschechien, The Guardian - Großbritannien, Trouw - Niederlande

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland

Gegner und Kritiker von Blatter versuchen seit Jahren, ihn anzuschwärzen, aber die Vorwürfe erweisen sich als haltlos, meint der Chefredakteur der Schweizer Wochenzeitung Die Weltwoche in einem Gastbeitrag für die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung und fordert mehr Anerkennung für den Fifa-Chef: "Im Getöse der Intrigen geht unter, dass Blatters Fifa die wohl mächtigste Entwicklungshilfeagentur der Welt geworden ist, eine NGO der obersten Hubraumklasse. All die Gutmenschen und Empörten, die jetzt gegen den Schweizer auf die Barrikaden steigen, sollten ihm danken. Seit Blatters Amtsübernahme zahlte die Fifa insgesamt über zwei Milliarden Dollar weltweit für sportlich-soziale Entwicklungsmaßnahmen, unter anderem in Afrika. ... Die Europäer möchten den Weltfußball dominieren. Die chauvinistischen Engländer sind enttäuscht, dass sie die Weltmeisterschaft nicht bekommen haben. Der für seine Kritiker störend erfolgreiche Schweizer bewegt sich auf einem Minenfeld unterschiedlichster Machtinteressen. Deshalb wird er zur Zielscheibe krimineller Unterstellungen." (29.05.2015)

Lidové noviny - Tschechien

Große Werbekunden der Fifa haben sich wenig erfreut über die Korruptionsermittlungen gegen den Weltfußballverband geäußert, schreibt die konservative Lidové noviny, die darin ein hoffnungsvolles Zeichen sieht, da die Fifa so unantastbar wie die Katholische Kirche wirkt: "Die Welt der Fifa-Spitze erinnert an den Vatikan. Ihr mediales Bild ist von Abgeschlossenheit und Geheimniskrämerei geprägt. ... Auch in der Welt der Fifa gilt das Dogma der Unfehlbarkeit. ... Auch in der Fifa gibt es keine Opposition, aber am Ende eine demokratische Wahl der Führung. ... In ihrer 111-jährigen Geschichte standen lediglich acht Männer an der Fifa-Spitze. In derselben Zeit lösten zehn Päpste einander ab. Der Weltfußballverband ist damit noch fester zementiert als die Behörde für den Stellvertreter Christi auf Erden. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. ... Aber die großen Sponsoren der Fifa können etwas ausrichten. Visa hat bereits mit seiner Abkehr gedroht." (29.05.2015)

The Guardian - Großbritannien

Trotz der schweren Vorwürfe gegen die Fifa wäre es zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht, einen Boykott der nächsten Weltmeisterschaft oder einen Ausstieg der Uefa aus der Fifa anzukündigen, mahnt die linksliberale Tageszeitung The Guardian: "Der frühere englische Nationalspieler Gary Lineker hat gefragt, ob wir nicht einfach nur 'neu starten' müssen. Andere haben Vertreter der nationalen Verbände zu einem Boykott der Fußball-WM aufgerufen und die Uefa aufgefordert, aus der Fifa auszusteigen. ... Derartige Boykott-Aufrufe sind als Schnellschuss-Reaktion ungeeignet. Warum gleich an die äußerste Grenze gehen? Boykotte von Sportveranstaltungen sollten zu den Protestoptionen gehören, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, damit zu drohen. Ebenso wichtig ist, ob eigentlich irgendjemand die Spieler, Funktionäre und Fußballvereine, die von einem Boykott betroffen wären, nach deren Meinung gefragt hat." (28.05.2015)

Trouw - Niederlande

Die Uefa hat bei einer Wiederwahl von Sepp Blatter mit dem Austritt aus der Fifa gedroht. Ein neuer konkurrierender Verband hätte eine Chance, analysiert die christlich-soziale Tageszeitung Trouw: "Die Idee wurde früher als zu europäisch und daher nicht ernstzunehmend vom Tisch gefegt. Die Loyalität der Fußballländer in Lateinamerika und Afrika gegenüber Blatter sei zu groß, so dass diese bei einem konkurrierenden Verband ihre ohnehin enge Bindung zur Fifa und Blatter nur noch verstärken würden. Doch das Eingreifen des FBI und die Reaktion der Uefa lassen eine Alternative zur Fifa inzwischen weniger theoretisch erscheinen. Die Überlebenschancen einer solchen Alternative scheinen klein zu sein, aber immer noch größer als die Chance, dass die Fifa jemals frei von Korruption sein wird. Zu lange gehören Bestechung und Vetternwirtschaft zur Kultur der Fifa." (29.05.2015)

TOP-THEMA | 28.05.2015

Brüssel beziffert Flüchtlingsquoten

Die EU-Kommission hat am Mittwoch ihre Pläne für Flüchtlingsquoten konkretisiert. 40.000 Menschen sollen aus Griechenland und Italien in andere Länder umgesiedelt werden. Der Widerstand vieler Länder gegen die Aufnahme von Migranten ist egoistisch, kritisieren einige Kommentatoren. Andere meinen, die Zahl der Einwanderer könnte kleine Länder überfordern.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Õhtuleht - Estland, Večer - Slowenien, Lidové noviny - Tschechien, Die Presse - Österreich

Õhtuleht - Estland

Laut Vorschlag der EU-Kommission müsste Estland in einem Jahr mehr als 1000 Flüchtlinge aus dem Mittelmeerraum aufnehmen. Die Boulevardzeitung Õhtuleht fürchtet, dass die Gesellschaft dazu nicht bereit ist: "Die Zahl von Neuankömmlingen in der Größe einer Kleinstadt würde sowohl unser Sozialsystem als auch die Empathie des Volkes herausfordern. Bei der Lösung des Flüchtlingsproblems sollten keine neuen Spannungen und Sorgen in den Mitgliedstaaten geschaffen werden. Leider berücksichtigt der Vorschlag der EU-Kommission nicht im Geringsten die praktische Fähigkeit unseres Landes, die Flüchtlinge aufzunehmen. Die EU-Kommission hat für Estland 1.76 Prozent der Flüchtlinge vorgeschlagen, wobei die Bevölkerung Estlands nur 0.26 Prozent der EU ausmacht. Die sieben Mal höhere Flüchtlingsquote zeigt, dass Brüssel unsere Fähigkeit höher einschätzt als wir selbst." (28.05.2015)

Večer - Slowenien

Slowenien müsste nach der Quotenregelung rund 700 Flüchtlinge aufnehmen. Die liberale Tageszeitung Večer findet das machbar: "Ob der slowenische Staat 700 Flüchtlinge aufnehmen kann, ist natürlich eine rhetorische Frage. In Zeiten der Kriege auf dem Balkan waren wir trotz schlechterem Lebensstandard in der Lage, hundert Mal mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Wenn uns die Politiker erklären wollen, dass die aktuelle Zahl zu hoch für unser angeschlagenes Land ist, dann müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen. In der nächsten Phase wird den Politikern dann nämlich die Sorge um die eigenen Bürger zu viel. Allerdings können einige hundert unglückliche Seelen, die nicht der slowenischen Kultur und nicht dem christlichen Glauben angehören, auch ein erneutes Aufkeimen von politischem Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit hervorrufen. Die slowenische politische Kultur ist dagegen noch lange nicht immun." (28.05.2015)

Lidové noviny - Tschechien

Tschechien soll nach dem Vorschlag der EU-Kommission knapp zweitausend Flüchtlinge aufnehmen. Doch nahezu die komplette politische Klasse in Prag lehnt das vehement ab, klagt die konservative Lidové noviny: "Die Parteien rufen beinahe einmütig, Quoten seien keine Lösung. Aber leider sagt niemand, wie eine Lösung aussehen soll. Und das in einem Land, aus dem Exilanten in mehreren großen Wellen flüchteten und das in den vergangenen zehn Jahren von den übrigen europäischen Ländern umgerechnet 15 Milliarden Euro Hilfe bekommen hat. ... Wir sind innerhalb der EU weder ein kleines noch ein armes Land. ... Wenn wir Quoten prinzipiell ablehnen, dann müssen wir auch sagen, welche Lösung wir anbieten. Schicken wir unsere Soldaten ins Mittelmeer? Sind wir bereit, Flüchtlingslager an der afrikanischen Küste aufzubauen? Das sind keine provokativen oder rein rhetorischen Fragen. Sie wären es nur dann, wenn wir uns entschieden hätten, in Europa als blinde Passagiere aufzutreten." (28.05.2015)

Die Presse - Österreich

Die Staaten der EU gehen an die Flüchtlingsproblematik viel zu kurzsichtig heran, kritisiert die liberal-konservative Tageszeitung Die Presse: "Wer weiter denkt - und das sollten auch jene osteuropäischen Länder tun, die sich aktuell gegen die Aufteilung von Flüchtlingen zur Wehr setzen -, muss die politischen Entwicklungen in der Ukraine und in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken im Auge haben. Was, wenn sich dort der Krieg ausweitet, wenn Millionen Menschen aus diesen Ländern Richtung EU fliehen? Dann werden Polen, die Slowakei und Ungarn plötzlich von Flüchtlingswellen überrollt werden und jene Solidarität erbitten, die sie jetzt ablehnen. Heute heißt es, die EU soll sich nicht zu viel in dieser Region einmischen. Möglicherweise wird es dann heißen, die EU habe zu wenig zur Befriedung dieser Länder beigetragen." (28.05.2015)

TOP-THEMA | 27.05.2015

Neue Parteien mischen Spanien auf

Der Erfolg der linken Podemos und der liberalen Ciudadanos bei den Kommunal- und Regionalwahlen am Sonntag hat die Gewichte in der spanischen Parteienlandschaft verschoben. Ändert die Regierung von Premier Mariano Rajoy jetzt nicht radikal ihren Kurs, wird sie die Parlamentswahl im Herbst verlieren, warnen Kommentatoren. Andere bedauern, dass die Wähler Rajoy für seine Reformen bestrafen.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Il Sole 24 Ore - Italien, El País - Spanien, Financial Times - Großbritannien, Le Monde - Frankreich

Il Sole 24 Ore - Italien

Die konservative Volkspartei von Spaniens Premier Mariano Rajoy ist am Sonntag mit 26 Prozent zwar stärkste Kraft geworden, schnitt aber so schlecht ab, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Dass sie so hart abgestraft wurde, zeigt das Schicksal mutiger Politiker, die unliebsame Reformen durchsetzen, bedauert die liberale Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore: "Der Mut zur Unpopularität ist Mangelware in Europa. Der spanische Premier könnte - wie einst [Bundeskanzler] Gerhard Schröder - bei der Parlamentswahl im Herbst der Leidtragende sein und sehen, wie andere die Früchte seiner Reform ernten. Der Autor der wichtigsten Reform des deutschen Sozialsystems der Nachkriegszeit verlor 2005 die Wahl aufgrund der Reform, der sogenannten Agenda 2010. Die Regierung Rajoy hat einen ähnlichen Schritt getan. … Bei einer eventuellen Abwahl der Volkspartei im Herbst dürfen die Jungs von Pablo Iglesias sich glücklich schätzen: Jemand hat die schmutzigste und schwierigste Arbeit bereits für sie erledigt." (27.05.2015)

El País - Spanien

Mehrere führende Regionalpolitiker des konservativen Partido Popular (PP) haben nach der Wahlschlappe am Sonntag ihren Rückzug angekündigt, um Platz für Nachwuchs zu machen. Auch Premier Mariano Rajoy sollte das erwägen, mahnt die linksliberale Tageszeitung El País: "Obwohl seine Partei bei den Wahlen 2,4 Millionen Stimmen verloren hat, will Mariano Rajoy hilflos weitermachen wie bisher. Diese Haltung wird Konsequenzen haben, wie man am Protest aus den eigenen Reihen sieht. ... Die politische Elite muss über die Forderungen nachdenken, die von den städtischen, bevölkerungsreichsten und dynamischsten Zentren Spaniens gestellt werden, und darf die neuen Bewegungen Podemos und Ciudadanos nicht weiterhin nach dem Motto abtun, man müsse sich nicht um Parteien scheren, die erst 'vor einer halben Stunde' entstanden sind. Statt so weiter zu machen, sollte Rajoy bedenken, dass ein Autofahrer einen Unfall wohl kaum verhindert, indem er die Augen verschließt." (27.05.2015)

Financial Times - Großbritannien

Die Protestparteien Podemos und Ciudadanos werden nach ihren Wahlerfolgen zeigen müssen, ob sie auch konstruktiv mitgestalten wollen und können, meint die konservative Tageszeitung Financial Times: "Spaniens Parteien müssen sich damit abfinden, dass die innenpolitische Landschaft immer komplexer wird. Das Land steuert auf eine Parlamentswahl zu, die möglicherweise keine klaren Mehrheitsverhältnisse bringen wird. Daher müssen alle Parteien, die alten wie die neuen, Reife im Umgang miteinander zeigen. Podemos und Ciudadanos werden sich als mögliche Königsmacher entscheiden müssen, ob sie verantwortungsvolle Regierungsparteien sein wollen oder ob sie dazu bestimmt sind, reine Protestbewegungen zu sein. ... Es ist zu hoffen, dass die innenpolitische Aufsplitterung in Spanien nicht zu einem Stillstand führt, der die wertvollen wirtschaftlichen Errungenschaften der jüngsten Zeit untergräbt." (26.05.2015)

Le Monde - Frankreich

Die etablierten Parteien in Spanien und ganz Europa sollten die Erfolge der Protestparteien nicht auf die leichte Schulter nehmen, rät die linksliberale Tageszeitung Le Monde: "Der Syriza-Sieg in Griechenland, die Wahlschlappe von Labour in Großbritannien, die Stimmenzuwächse für den Front National in Frankreich und nun der Erfolg von Podemos in Spanien gehen über eine Ablehnung des harten Sparkurses hinaus. Die Triebfedern der einzelnen Bewegungen sind zwar höchst unterschiedlich - und hier muss man die spanischen Systemkritiker dafür loben, dass sie die fremdenfeindlichen Positionen von FN und Ukip nicht übernommen haben - doch verkörpern sie alle eine starke Protestströmung gegen unsere politischen Systeme. Mariano Rajoy hat sich offenbar dazu entschlossen, sie zu ignorieren. Das ist ein Fehler. Er und alle anderen europäischen Führungspolitiker sollten diese Wahlen des Zorns gründlich analysieren." (26.05.2015)

TOP-THEMA | 26.05.2015

Duda wird neuer Präsident Polens

Mit dem Sieg Andrzej Dudas bei der Präsidentschaftswahl am Sonntag steht nach fünf Jahren wieder ein Politiker der nationalkonservativen PiS an der Spitze Polens. Einige Kommentatoren glauben, Amtsinhaber Bronisław Komorowski ist an seiner Arroganz gescheitert. Für andere verdankt Duda seinen Sieg vor allem der polnischen Jugend.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Neue Zürcher Zeitung - Schweiz, Gość Niedzielny - Polen, Dennik N - Slowakei, The Times - Großbritannien

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Von den Wählern unter 30 haben laut Nachwahlbefragungen sechzig Prozent für Andrzej Duda gestimmt. Die Unzufriedenheit der jungen Generation in Polen ist groß, analysiert die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung: "Unter der glatten Oberfläche des 'Musterschülers' Polen, der ohne Rezession durch die europäischen wirtschaftlichen Turbulenzen der letzten Jahre gekommen ist, gärt es. Die Jungen leiden besonders: Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, und die Stellen sind schlechter geschützt und bezahlt als jene der älteren Arbeitnehmer. ... Bürokratische Hindernisse und ein fehlendes Vertrauen in den Staat tragen dazu bei, dass in den letzten zehn Jahren fast 2,5 Millionen primär junge, gut ausgebildete Polen nach Westeuropa ausgewandert sind. Gelingt es Andrzej Duda und der PiS, Polen zu erneuern und somit auch der Jugend eine bessere Perspektive zu bieten, wäre dies für das Land ohne Zweifel positiv. Allerdings ist zu befürchten, dass der jugendliche Glanz bald wieder durch die rückwärtsgewandte Ideologie der PiS zugedeckt wird." (26.05.2015)

Gość Niedzielny - Polen

Die Niederlage hat sich Amtsinhaber Bronisław Komorowski mit seiner Arroganz gegenüber den Wählern selbst zuzuschreiben, analysiert das katholische Portal Gość Niedzielny: "Viele Kommentatoren fragen sich, wie es möglich war, dass ein vernünftiger und berechenbarer Politiker die Wahl verlieren konnte, der noch vor einem halben Jahr über einen so großen Vertrauensvorschuss der Gesellschaft verfügt hat. Er hat verloren, weil er den Wählern erzählte, im Falle seiner Wahlniederlage kehre das Mittelalter zurück. Damit hat er eine ganze Gruppe von Wählern diskreditiert. Komorowski führte eine Negativ-Kampagne gegen den schwächeren Gegner und stützte sich dabei auf die staatlichen Institutionen und den Großteil der Medien. Die Botschaft der Wähler hat er auch nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses nicht verstanden. Dabei ist ein Präsidentenwechsel in einer Demokratie etwas ganz Natürliches." (26.05.2015)

Dennik N - Slowakei

Entsetzt äußert sich die liberale Tageszeitung Dennik N über den Wahlausgang in Polen: "Die Wahl von Andrzej Duda ist eine schlechte Nachricht für die EU, unsere Region und auch für Polen selbst. Wenn Duda ein treuer Gefolgsmann seines Parteichefs Kaczyński bleibt, könnte das der Beginn von tiefgehenden und unschönen Veränderungen sein. ... Duda verkörpert jenen Teil der polnischen Gesellschaft, der neonazistischen Fußballfans und ultrakatholischen Bewegungen nahe steht. ... Ein noch gravierenderes Problem könnten seine Auffassungen zur europäischen Integration, zur gemeinsamen Sicherheit und zu Russland werden. Die sind teilweise noch radikaler als die seines Ziehvaters Jarosław Kaczyński. ... Dass bei den Parlamentswahlen womöglich noch der Rocker Pavel Kukiz gewinnt, sind wahrlich düstere Aussichten. Damit entstünde nördlich der Tatra ein Land mit einer Mentalität nach dem Vorbild Viktor Orbáns, nur viermal größer, reicher und unvergleichlich ambitiöser. Das kann heiter werden." (26.05.2015)

The Times - Großbritannien

Großbritannien sollte es nutzen, dass auch Andrzej Duda die Entwicklung der EU skeptisch sieht, analysiert die konservative Tageszeitung The Times: "Duda hat bereits sein Misstrauen gegenüber einer EU geäußert, die eine 'immer stärker integrierte Union' werde. Er betont, wie wichtig es sei, Macht für die Nationalstaaten zurückzugewinnen. Und er spricht sich klar gegen 'Tendenzen zur Schaffung einer Hierarchie innerhalb der EU' aus, wie er es nennt. ... All diese Anliegen sollten von Großbritannien unterstützt werden. Es kann eine gemeinsame Sprache mit einem Polen gefunden werden, das besorgt ist wegen der Abwanderung seiner jungen Menschen, wegen des Verlusts hochqualifizierter Arbeitskräfte, wegen der Entvölkerung der ländlichen Regionen und der Belastung, die die zurückgebliebenen Familien erleben, wenn die Ernährer nach Großbritannien gehen." (25.05.2015)

TOP-THEMA | 22.05.2015

IS-Milizen bedrohen Palmyra

Die IS-Terrormiliz hat am Mittwoch die syrische Stadt Tadmur mit den antiken Ruinen von Palmyra unter Kontrolle gebracht. Die Welt muss dem Untergang des Weltkulturerbes hilflos zusehen, klagen Kommentatoren. Andere kritisieren, dass der Westen mit einem Haufen Steine mehr Solidarität zeigt als mit hunderttausenden Kriegsopfern.

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Mladá fronta Dnes - Tschechien, nrc.next - Niederlande, El Mundo - Spanien, Berliner Zeitung - Deutschland

Mladá fronta Dnes - Tschechien

Die antike syrische Oasenstadt Palmyra wird untergehen, ohne dass der Westen etwas dagegen tun kann, klagt die liberale Mladá fronta Dnes: "Die Videos im Internet werden uns das Herz zerreißen. Wir werden sehen, wie IS-Milizen Kolonnaden, Säulen und Steinbögen liquidieren - alles, was sie in ihrer Primitivität als Zeichen eines Götzendiensts ansehen. Doch der Westen ist nicht bereit, mit Bodentruppen einzugreifen. Die Amerikaner - aber auch die Tschechen - wollen nicht sehen, wie ihre Soldaten im Nahen Osten sterben. Es bleiben nur Angriffe aus der Luft. Die Amerikaner wären zu präzisen Angriffen in der Lage. Doch damit würden sie dem Militärdiktator Assad helfen, der Palmyra bislang kontrollierte. Mit anderen Worten, die Düsenjäger würden zur Luftwaffe für den Mann, der Chemiewaffen einsetzte und an dessen Brutalität Syrien zerbrach. Deshalb wird Palmyra nicht gerettet werden, sondern schon bald nur noch auf Fotos existieren." (22.05.2015)

nrc.next - Niederlande

Die weltweite Aufregung über die Eroberung von Palmyra durch IS ist grotesk, kritisiert Schriftsteller Ilja Leonard Pfeijffer in der liberalen Tageszeitung nrc.next: "Wenn die Heimatlosen und Flüchtlinge uns um Hilfe fragen, schließen wir unsere Augen, unsere Ohren und unsere Grenzen. Aber wenn ein Haufen fotogener Steine belagert wird, schreien wir Zeter und Mordio. Ich weiß auch, woher das kommt: Palmyra gehört uns. ... Die Römer haben die Stadt gebaut, daher geht es um unsere historischen Wurzeln. Sie ist Teil unserer Kultur, und wir wollen zeigen, dass uns das wichtig ist. ... Mit dem Haufen Steine fühlen wir uns persönlich verbunden. Die toten und heimatlosen Syrer und Iraker dagegen sind uns total fremd, lassen uns gleichgültig oder machen uns Angst. Offensichtlich ist es einfacher, mit Säulen in der Wüste solidarisch zu sein, als mit hunderttausenden Kriegsopfern." (22.05.2015)

El Mundo - Spanien

Die Terrorgruppe IS gefährdet die Sicherheit der Welt und muss mit vereinten Kräften bekämpft werden, drängt die konservative Tageszeitung El Mundo: "Ein terroristischer Staat konsolidiert sich und zerstört die seit fast einem Jahrhundert stabilen Grenzen einer Region. Er finanziert sich durch Plünderungen überfallener Städte und den Verkauf geraubten Erdöls auf dem Schwarzmarkt. Er exerziert eine schonungslose ethnische und religiöse Vernichtungspolitik und verbreitet den islamistischen Terrorismus in der ganzen Welt. Dies sollte als Grund ausreichen, mit vereinten Kräften gegen diesen Staat zu kämpfen. Der IS ist allein durch seine Existenz nicht nur eine Gefahr für die Region, sondern bedroht die internationale Sicherheit." (22.05.2015)

Berliner Zeitung - Deutschland

Nichts und niemand scheint den IS aufhalten zu können, beobachtet die linksliberale Berliner Zeitung und blickt düster in die Zukunft der Region: "Ramadi wurde von den Terroristen schier überrannt, obwohl die USA dies mit etlichen Luftschlägen zu verhindern suchten. ... Nicht besser ist die Lage in Syrien, wo sich die Regierungsstreitkräfte vor dem IS aus Palmyra zurückziehen mussten. Während das Militär lediglich die Interessen Baschar Al-Assads verteidigt und die Opposition sich im besten Fall auf temporär begrenzte Bündnisse gegen den IS einigen kann, bauen die Terroristen ihre Machtbasis kontinuierlich aus. Im Irak schien das eine Weile anders zu sein, da sowohl die Kurden als auch sunnitische Stämme in Abstimmung mit den Amerikanern entschieden gegen den IS kämpften. Nach der Niederlage von Ramadi könnten die Stammesführer geneigt sein, sich dem sunnitischen IS anzuschließen und gegen die schiitische Machtelite in Bagdad zu stellen. Alle Hoffnung auf einen Sieg gegen den IS darf man dann getrost begraben. Der Zerfall von Irak und Syrien scheint unaufhaltbar." (22.05.2015)


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