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Magazin / Geschichte / Das Jahr 1968 / Hintergrund | 26.03.2008
Die Märzereignisse 1968
Unter dem Begriff der "Märzereignisse" in Polen lassen sich verschiedene Tendenzen zusammenfassen. In der Praxis haben sie nur zweierlei gemeinsam: die Zeit (Frühling 1968) und den Ort (Polen).
Im Rückblick auf die "Märzereignisse" konzentriert sich jeder Betrachter heute vor allem auf jene Aspekte, die ihn selbst oder das Milieu, in dem er seinerzeit verkehrte, am meisten betrafen. Es ist deshalb nicht weiter verwunderlich, dass für die 68er-Studenten die damalige Jugendrevolte im Vordergrund steht. An fast allen polnischen Hochschulen kam es zu Protesten, in mehreren Städten zu Straßendemonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Miliz.

Foto: AP
Unterschied zu westlichen Protesten
Häufig werden die "Märzereignisse" – was ihre studentische Komponente betrifft – mit der Jugendprotestwelle im Westen verglichen. Sinnvoll ist allerdings – trotz aller äußerlichen Ähnlichkeiten (Streiks an den Universitäten, Kundgebungen, Straßenkämpfe mit den "Ordnungskräften") – nur der Vergleich mit der Reformbewegung in der Tschechoslowakei. Denn die polnischen Studenten, die sich Freiheit und Unabhängigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatten, kämpften für die gleichen Ziele und beriefen sich auf ähnliche Werte wie ihre tschechischen und slowakischen Kommilitonen.
Dagegen lehnten sich die Studenten im Westen gegen ein anderes Staatssystem auf. Sie mussten nicht erst für Meinungs- und Versammlungsfreiheit kämpfen, da sie zu den Grundrechten eines demokratischen Staates gehörten. Es sei jedoch daran erinnert, dass – ungeachtet aller fundamentalen Unterschiede – die französischen Studenten im Mai 1968 als Zeichen ihrer Verbundenheit mit den polnischen Kommilitonen "Rome, Berlin, Varsovie, Paris!" skandierten und die französische Übersetzung des Offenen Briefes an die Partei von Jacek Kuroń und Karol Modzelewski an der Sorbonne damals einer der meistgelesenen Texte war.
Verleumdungen in den Medien
Die Studenten im Westen konnten sich sicher sein, dass über ihren Protest in den heimischen Medien ausführlich berichtet wurde und diesem sogar mit einer gewissen Portion Wohlwollen begegnet wurde. Damit war in Polen, wo der Staat ein nahezu uneingeschränktes Monopol über die Massenmedien hatte, nicht zu rechnen, mehr noch, die polnischen Studenten mussten sich gegen Desinformationen, Lügen und Verleumdungen in Presse, Radio und Fernsehen selbst zur Wehr setzen. Die Studentenführer im Westen wurden von heute auf morgen zu Volkshelden, die nicht selten beliebter waren als Show- und Sportstars.
Ihre polnischen Kommilitonen, die politischer Hetze und Verfolgung ausgesetzt waren, landeten dagegen im Gefängnis. Die polnischen Studenten, die sich einer linken Phraseologie bedienten, kämpften für eine Demokratisierung und Liberalisierung des kommunistischen Systems sowie für ihr Recht, in der Wahrheit zu leben. Die damaligen Ereignisse trugen auch zur Bildung einer sog. "68er-Generation" bei. Viele Vertreter dieser Generation waren in den Siebzigerjahren in der antikommunistischen Opposition aktiv und gehörten später zum Kreis der Berater und Aktivisten der Gewerkschaftsbewegung "Solidarność".
Angriff auf Künstler und Wissenschaftler
Andererseits werden die "Märzereignisse" von vielen Kulturschaffenden, Wissenschaftlern und Künstlern noch Jahre später hauptsächlich als ein gegen die Intelligenz gerichtetes Pogrom wahrgenommen. In den Medien wurden namentlich Schriftsteller und Wissenschaftler – nicht selten überaus verdiente Persönlichkeiten – brutal angegriffen. Es den Parteifunktionären gleichtuend, wurde den Attackierten in diesen Publikationen sowohl die ideologische und moralische Integrität als auch jegliche berufliche Qualifikation abgesprochen. Während man angesehene Wissenschaftler von den Universitäten entfernte, lancierte man gleichzeitig Karrieristen, die ihren beruflichen Aufstieg nicht ihren Fähigkeiten und ihrem Fleiß verdankten, sondern ihrer politischen Ergebenheit.
Personen wiederum, die im Gefolge der "Märzereignisse" aus Polen emigrierten, erinnern sich am häufigsten an die niederträchtige antisemitische Kampagne, die von offizieller Seite notdürftig als "Antizionismus" kaschiert wurde. Antisemiten gab es immer und wird es sicher noch lange geben, aber in Europa waren solche Parolen nach der Shoah nicht salonfähig. In den demokratischen Staaten nahmen Antisemiten daher gewöhnlich eine gesellschaftliche Randstellung ein – sie publizierten in irgendwelchen Nischenverlagen und propagierten ihre Parolen dort anonym. Im kommunistischen Polen, wo es eine politische Polizei und präventive Zensur gab, war die Publikation antisemitischer Texte zwar verboten, aber – wie sich zeigte – nicht unmöglich.
Politische "Säuberungen"
1968 gelangte der Antisemitismus dank der Kommunisten auf die Titelseiten der Zeitungen sowie in die Hauptnachrichtensendungen im Radio und Fernsehen. Im Übrigen begann man sich im Innenministerium spätestens ab den Sechzigerjahren immer stärker für die jüdische Bevölkerung zu interessieren, und dies obwohl Mitte des Jahrzehnts in Polen nicht mehr als 30.000 Juden beziehungsweise Personen jüdischer Herkunft lebten. Im Frühjahr 1968 fanden politische Säuberungen statt, die fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens erfassten: den Parteiapparat, zentrale und lokale Behörden, die staatliche Verwaltung, das Militär, die Massenmedien, das Bildungswesen, wissenschaftliche und kulturelle Kreise.
Die "Arisierung" des Sicherheitsapparats – wie die Aktion intern auch bezeichnet wurde – hatte man bereits einige Jahre zuvor abgeschlossen. Allein in Warschau wurden von März bis Ende September 1968 fast 800 Personen aus leitenden Stellungen abberufen, während es 1965-67 etwas mehr als 600 derartige Entlassungen gegeben hatte. Man kann also von einer breit angelegten Aktion sprechen.
Emigration der Intellektuellen aus Polen
In einem solchen politischen Klima emigrierten 1968-72 über 15.000 Personen aus Polen. Für die Bedeutung dieser Emigration ausschlaggebend war jedoch nicht so sehr die Anzahl der Ausreisenden als vielmehr die Tatsache, dass unter den 9.570 Erwachsenen, die einen Ausreiseantrag stellten, 1.823 einen Hochschulabschluss besaßen und weitere 944 Studenten waren. Zu der Personengruppe, die damals nach Israel emigrieren wollte (es war das einzige Ausreiseziel, das man angeben konnte, selbst wenn man überhaupt nicht die Absicht hatte, dorthin zu fahren), gehörten 217 ehemalige Universitätsangestellte und 275 Personen, die zuvor in verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen gearbeitet hatten. Es war eine deutlich intellektuell geprägte Emigration.
Die Initiatoren der antisemitischen Kampagne hatten sich sicherlich keine Gedanken gemacht, wie – 25 Jahre nach der Vernichtung des europäischen Judentums durch die deutschen Nazis auf polnischem Boden – eine derartige Aktion von der internationalen Öffentlichkeit aufgenommen würde. Und die Rezeption im Westen war einhellig negativ und löste dort eine Welle von Protesten aus. Aus diesem Grund hatte Polen zu der Zeit in vielen Ländern einen unbestreitbar schlechten Ruf.
Übersetzung
Andreas Volk
Original in Polnisch
© Goethe-Institut, Online-Redaktion
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