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Magazin / Geschichte / Euro / Debatte | 19.02.2008
Die Symbolkraft des Euro
von Sabine Seifert
15 von 27 EU-Staaten gehören zur Eurozone. Während Großbritannien, Dänemark und Schweden als "alte" EU-Staaten nach wie vor nicht dabei sind, drängt es vor allem die osteuropäischen Neumitglieder, der Währungsunion beizutreten. Wie steht es um die einigende Kraft des Euro?
Seit dem 1. Januar 2002 ist der Euro als Bargeld im Umlauf und in diesen sechs Jahren neben dem Dollar zur wichtigsten Währung im Weltwährungssystem aufgestiegen. Der Euro hat sich – ökonomisch betrachtet – bewährt. Doch wie steht es um seine Akzeptanz bei den Menschen, die ihn täglich benutzen?

In Italien und Frankreich wird nach wie vor jeder Artikel zusätzlich in Franc oder Lira ausgepreist. Ein Indiz dafür, dass der Euro im Bewusstsein der Menschen noch nicht ganz angekommen ist. Gleichzeitig profitieren Europas Bürger bei Reisen innerhalb Europas: Geldumtausch und Umrechnen in fremde Währungen sind überflüssig geworden.
"Der Euro ist gewiss ein technischer Erfolg, der den Handel erleichtert und das Zugehörigkeitsgefühl zu einem gemeinsamen Raum fördert", resümierte der französische Journalist Pierre Haski am 28. Dezember 2006 in der französischen Libération nach fünf Jahren Gemeinschaftswährung: "Aber er hatte auch nicht diese Hebelwirkung für den europäischen Einigungsprozess, wie ihn sich seine Gründerväter versprochen hatten." Während der Euro seit seiner Einführung trotz anfänglicher Schwäche zu einem ökonomischen Erfolg geworden ist, ist das Vertrauen der Europäer in ihn nicht gestiegen – im Gegenteil, sagen die Eurobarometer-Umfragen aus dem Jahr 2006. Ein Trend, der sich nun, bei besserer Wirtschaftslage und starkem Eurokurs, umkehren könnte.
Gefühlte Teuerung
Von Anfang an verband sich in allen betroffenen Ländern die Einführung des Euro mit der Angst vor steigender Inflation. Die Menschen mussten sich von ihrer gewohnten Währung verabschieden, die Teuerungsrate, die vermutlich auch bei Beibehaltung der nationalen Währungen aufgetreten wäre, wurde von ihnen stärker als normal empfunden – in Deutschland wurde der Euro zum 'Teuro'. Als im Januar 2008 Zypern und Malta den Euro einführten, kamen dort neben aller Begeisterung, nun endlich zum Euroclub zu gehören, die gleichen Ängste hoch: Angst vor Preissteigerungen, Inflation, ausländischen Investoren.
Die Cyprus Mail berichtete am 5. Januar 2008 über erste Erfahrungen mit dem Euro: "Als der Euro in Umlauf kam, gab es sofort Geschichten über die unglaubliche Profitgier skrupelloser Menschen... Doch in Wirklichkeit waren das Einzelfälle. Der Zugang zum riesigen europäischen Markt, den die Währungseinführung ermöglicht, wird voraussichtlich zu sinkenden Preisen führen." Der Malta Independent, eine englischsprachige Tageszeitung, sprach sich dafür aus, alte Gewohnheiten über Bord zu werfen: "Je schneller wir lernen, den Wert des Euro zu schätzen und die Lira zu 'vergessen', umso schneller werden wir uns an die neue Währung gewöhnen."
Die Euro-Skeptiker
Die Angst, die eigene Wirtschaft zu sehr vom Wohlergehen und den Entscheidungen anderer abhängig zu machen, hat selbst einige der "alten" EU-Mitglieder dazu gebracht, den Euro abzulehnen. Dänemark und Großbritannien ließen sich vertraglich von der EU die Möglichkeit auf ein "Opting out" zusichern: Beide Länder machen bis heute von ihrem Recht Gebrauch, dem Euroraum nicht beizutreten. Auch die Schweden sprachen sich im September 2003 bei einer Volksabstimmung mit 56,1 Prozent der Stimmen für die Beibehaltung der schwedischen Krone aus. In Dänemark ist neuerdings die Front der Euro-Skeptiker ins Wanken gekommen: Regierungschef Anders Fogh Rasmussen kündigte im November 2007 ein Referendum zum Euro an.
Im Land des Wirtschaftsliberalismus, Großbritannien, ist die Skepsis gegenüber EU und Euro ohnehin stärker. Britische Politiker und Geschäftsleute fürchteten, als die Einführung des Euro diskutierte wurde, der stabile Kurs des britischen Pfund könne durch einen schwächelnden Euro gefährdet werden. Inzwischen hat die europäische Wirtschaft aufgeholt, der Euro-Kurs steigt immer höher und die britische Wirtschaft erhielt zwischenzeitlich einen Dämpfer, als infolge der Kreditbankenkrise die britische Northern Rock vor dem Aus stand. Der liberale Independent kommentierte am 2. Januar 2008: "Die Eurozone wird in den kommenden Jahren kontinuierlich wachsen und damit stärker werden. Die Entscheidung unserer Regierung, gemeinsam mit Dänemark und Schweden draußen zu bleiben, erscheint zunehmend seltsam. Die Regulatoren der Gemeinschaftswährung scheinen ihren Job besser erledigt zu haben als unsere eigenen Finanzbehörden."
Unerwünschte Osteuropäer?
Es scheint absurd: Auf der einen Seite gibt es also EU-Länder, die nicht an der Währungsunion teilhaben wollen, auf der anderen Seite gibt es gerade unter den ost- und mitteleuropäischen Neumitgliedern Staaten, die unbedingt zur Eurozone aufschließen wollen. Als erstes ex-kommunistisches Land ist Slowenien am 1. Januar 2007 der Währungsunion beigetreten. Mary Dejevsky schrieb damals im Independent: "Niemand trauert der ausrangierten nationalen Währung hinterher. Für die Slowenen war der Euro etwas, das sich aus der EU-Mitgliedschaft ergab. Die Währung steht, ebenso wie die Flagge, für wahres Europäertum."
Unter den neuen ost- und mitteleuropäischen EU-Mitgliedern sind es die kleineren, dynamischen Länder wie Estland, Lettland und Litauen, die beim Euro vorpreschen. Sie haben ihre Landeswährungen bereits an den Wechselkurs des Euro gebunden. Für die größeren Volkswirtschaften Polen, Ungarn oder Tschechien steht aufgrund ihrer schlechteren Wirtschaftslage oder hohen Staatsverschuldung die Euro-Einführung noch in einiger Ferne.
Sowohl Litauen als auch die Slowakei erhielten allerdings von der Europäischen Zentralbank für das von ihnen avisierte Beitrittsdatum zum Euroraum – 1. Januar 2007 bzw. 1. Januar 2009 - eine Absage. Litauen verfehlte die Inflationskriterien um nur 0,1 Prozent. Die Slowakei könne, so die EZB, der Inflation womöglich nicht "nachhaltig" entgegensteuern. Die Entscheidung der EZB stieß nicht nur in den betroffenen Ländern auf Kritik. Jan Machacek meinte am 29. Juni 2007 in der tschechischen Hospodarské Noviny: "Das ist ein klares Signal: Im elitären Euroklub sind die 'Ostler' momentan unerwünscht."
Zweierlei Maß
Jedes Land, das Aufnahme in die Gemeinschaftswährung beantragt, muss dafür Sorge tragen, dass seine Wirtschaft den im Maastrichter Vertrag festgelegten Konvergenzkriterien entspricht und eine stabile Wirtschaft aufweist. Im November 2004 wurde bekannt, dass das Euro-Land Griechenland zu keinem Zeitpunkt die Konvergenzkrierien erfüllt hatte. Die Wirtschaftsexperten Willem Buiter und Anne Sibert wiesen in der Financial Times vom 4. Mai 2006 auf die Doppelmoral der "alten" EU-Kernstaaten hin, die, "wenn sie noch keine Mitglieder der Eurozone wären, heute nicht mehr beitreten dürften, weil sie die finanzpolitischen Kriterien nicht erfüllen." Buiter und Sibert plädieren für eine Lockerung der Inflationskriterien.
Während die EU ihre Eurokandidaten eine harte Aufnahmeprozedur durchlaufen lässt, haben einige Nicht-EU-Mitglieder einseitig den Euro eingeführt: darunter Montenegro – das damit seinen EU-Kandidatenstatus gefährden könnte und vom EU-Ministerrat gerügt wurde. Martin Woker fragte am 18. Oktober 2007 in der Neuen Zürcher Zeitung provokant, was die Montenegriner denn für Alternativen hätten: "Eine eigene Währung erfinden? Zu teuer... Denkbar wäre einzig die Übernahme der in Kosovo zirkulierenden Währung. In Pristina haben die Bankomaten Kosovos europäische Integration längst vollzogen und spucken aus, was der gesamte Balkan sich wünscht: den Euro."
Streit um Euro-Symbolik
So hat der Euro längst in ganz Europa und darüber hinaus Einzug gehalten. Doch Schein ist nicht gleich Schein, Euromünze nicht gleich Euromünze. Auf der Münze sind vorne die zwölf Sterne, der Euro-Schriftzug und eine europäische Landkarte zu sehen, hinten – je nach Land verschieden – nationale Symbole wie Politikerköpfe, Künstlerportraits oder Bauwerke. Der Euro dient so auch als Projektionsfläche für nationale wie europäische Ambitionen, was mitunter absurde Züge annimmt.
Michael Moravec berichtete am 27. September 2007 im österreichischen Standard verblüfft über den Vorschlag der EU-Kommission für eine neue Euro-Münze, die den ganzen Kontinent Europa abbilden und den letzten Erweiterungen Rechnung tragen soll: "Die Türkei wurde ausradiert und Zypern um einige hundert Kilometer nach Westen in die Nähe Kretas versetzt, um noch nach Europa zu passen."
Mit Bulgarien kam am 1. Januar 2007 erstmals ein Land in die EU, das das kyrillische Alphabet benutzt. Bulgarien bestand – auch als Nicht-Euroland – darauf, den Schriftzug des Euro in kyrillischer Schrift auf den Euroscheinen abzubilden. Die bulgarische Zeitung Klassa schrieb am 18. Oktober 2007 entsetzt: "Wir sind Zeugen der törichtsten Schlacht, die die bulgarische Politik je geschlagen hat. Ewro oder Euro: Gibt es da einen Unterschied? Nein."

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