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Magazin / Geschichte / Euro / Essay | 19.02.2008

Der Euro zeigt es: Die Geschichte belohnt die Mutigen

von Eckart D. Stratenschulte


Seit 2002 wird in zwölf EU-Staaten mit dem Euro gezahlt. Anfangs noch skeptisch, hat man sich mittlerweile daran gewöhnt, ein Stück Europa im Portemonnaie zu tragen. Wie es von der Idee einer gemeinsamen Währung 1970 zu ihrer Verwirklichung 1998 kam, beschreibt Eckart Stratenschulte in seinem Essay.


Nun ist er also auch im östlichen Mittelmeer angekommen: der Euro. Zwar ist die Gemeinschaftswährung der Europäischen Union nach wie vor nicht das offizielle Zahlungsmittel in allen EU-Ländern, aber seit dem Beitritt Maltas und Zyperns am 1. Januar 2008 wenigstens wieder das Geld in der Mehrzahl der Länder der Europäischen Union.

Foto: AP


Es ist jetzt zehn Jahre her, dass der entscheidende Schritt zur Etablierung des Euro gegangen wurde. Im Mai 1998 wurden die Konvergenzkriterien und die Teilnehmer am Projekt Euro festgelegt, am Silvestertag dann die Wechselkurse der verschiedenen nationalen Währungen zueinander und damit zur neuen Währung Euro fixiert. Ab 1. Januar 1999 galt der dann im bargeldlosen Verkehr in elf Staaten und an Neujahr 2002 bekamen die Bürger in zwölf EU-Staaten das neue Geld in die Hand. Griechenland hatte es gerade noch geschafft, auf den Zug aufzuspringen – mit ein bisschen Schummelei, wie wir heute wissen. Mittlerweile sind Slowenien 2007 und die beiden genannten Mittelmeerinseln 2008 hinzugekommen.

Eine Währung ist das Rückgrat der Volkswirtschaft. Und die Bedenken gegenüber dem Euro, dass er zu schwach sei, um unsere Ökonomie zu tragen, waren groß. Dass der Euro gleich nach seiner Einführung gegenüber dem US-Dollar stark an Wert verlor, schien den Kritikern Recht zu geben. Angesichts des mittlerweile eingetretenen Kursverfalls des amerikanischen Geldes und zahlreicher Turbulenzen auf den internationalen Währungsmärkten, in denen der Euro sich gut geschlagen hat, ist diese Kritik jedoch der Befürchtung gewichen, der Euro sei zu stark. Europaweit streiten Währungsexperten und Wirtschaftsweise über diese Fragen. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass der Euro im Kern eine politische Maßnahme war und ist.

Pläne über eine gemeinsame Währung – und sei es durch eine feste Verbindung der nationalen Währungen zueinander – gab es in der Europäischen Gemeinschaft und späteren Europäischen Union schon lange. Mit dem Werner-Plan, benannt nach dem damaligen luxemburgischen Ministerpräsidenten Pierre Werner, wurde bereits 1970 ein konkreter Fahrplan für eine Wirtschafts- und Währungsunion vorgelegt. Tatsächlich geschehen ist jedoch nichts.

Der Paukenschlag zur Realisierung einer gemeinsamen Währung war dann der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989.
Mit der sich abzeichnenden deutschen Einheit wurden die Grundlagen der Europäischen Gemeinschaft erschüttert. Die Europäischen Gemeinschaften waren ja nicht aus überbordender Liebe zueinander entstanden, sondern entwickelten sich auf der Basis eines tiefen Misstrauens, entstanden durch zwei Weltkriege. Voraussetzung dieser supranationalen Gemeinschaft war, dass nicht ein Staat die anderen dominieren konnte, schon gar nicht Deutschland. Durch die Größenverhältnisse war das bis 1990 gegeben, denn die Bundesrepublik Deutschland spielte bevölkerungsmäßig in derselben Liga wie Frankreich, Großbritannien oder Italien. Nach einer deutschen Einheit, das war allen klar, würde es allerdings eine klare Nummer Eins geben, und zwar ausgerechnet den Verursacher und Verlierer des Zweiten Weltkriegs: Deutschland.

Es erstaunt daher nicht, dass sich unsere europäischen Partner keineswegs für die Perspektive eines vereinten Deutschland begeisterten. Die Reaktionen waren jedoch unterschiedlich. Während die britische Premierministerin Margaret Thatcher die deutsche Vereinigung verhindern wollte, betonten der französische Präsident François Mitterrand sowie der (ebenfalls französische) Präsident der Europäischen Kommission, Jacques Delors, nun müsse die europäische Integration vertieft und Deutschland stärker eingebunden werden. Das stärkste Mittel deutscher Einflussnahme auf europäische Belange war die D-Mark. Deutschlands Machtmittel Währung an die Leine gemeinsamer Kontrolle zu legen, war die politische Motivation für das Euro-Projekt, das keineswegs zufällig einen Monat nach dem Berliner Mauerfall auf dem Gipfel der EG-Staats- und Regierungschefs in Straßburg beschlossen wurde.

Eine bleibende Leistung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl sowie des größten Teils der politischen Elite der Bundesrepublik Deutschland ist es, diesen Zusammenhang gesehen und akzeptiert zu haben. Die Bundesregierung hat Deutschland in den Euro geführt, obwohl eine klare Mehrheit der Deutschen an der D-Mark festhalten wollte. Den meisten Menschen in Deutschland waren die Hintergründe nicht bewusst und die politischen Strategen hielten es auch für unmöglich, sie deutlich zu machen. Stattdessen wurde die Öffentlichkeit mit eher albernen Beispielen ersparter Umtauschgebühren bei einer Reise durch alle zwölf Euro-Länder abgefüttert. Der Euro ist ein großer Vorteil für die europäischen Touristen, aber deshalb wurde er nicht eingeführt.

Durch die erkennbare Bereitschaft Deutschlands, sich mittels des Euro stärker in die Europäische Union einbinden zu lassen, hatte dieser seine erste positive Leistung bereits erbracht, bevor ein einziger Geldschein gedruckt war. Retrospektiv lässt sich wohl sagen, dass sich die Tatsache, dass die EG/EU nicht an der deutschen Vereinigung gescheitert ist, wesentlich dem Euro zugeschrieben werden kann.

Seitdem hat der Euro einen wesentlichen Beitrag zur Ausbildung einer europäischen Identität geleistet. Die Bürger der 15 Länder, die derzeit über das gemeinsame Geld verfügen, empfinden nicht nur die ökonomischen Vorteile, sondern auch die daraus entstehende Zusammengehörigkeit. Die Funktion der Identitätsbildung durch den Euro wird auch von den Staaten anerkannt, die aus freien Stücken der Euro-Zone fernbleiben. In Großbritannien, Dänemark und Schweden steht man der Gemeinschaftswährung ja genau deshalb kritisch gegenüber, weil man um die Souveränität und Einzigartigkeit des eigenen Staats und Volkes fürchtet. Zumindest in Dänemark scheint man diese Überlegung mittlerweile jedoch auf den Prüfstand zu stellen, nicht zuletzt vermutlich, weil sich gezeigt hat, dass die Iren Iren und die Portugiesen Portugiesen geblieben sind, auch wenn sie in gleicher Münze zahlen.

Die identitätsstiftende Wirkung des Euro besteht allerdings nicht nur darin, dass nun alle das gleiche Geld haben, sondern dass die Euro-Staaten dadurch ihr Schicksal miteinander verbunden haben. Änderungen des Leitzinses, die die gemeinsam getragene Europäische Zentralbank (EZB) vornimmt, haben unmittelbaren Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen in allen unseren Ländern. Und was unsere private Alterssicherung eines Tages wert ist, hängt wesentlich von der jährlichen Inflationsrate ab, die wiederum von der EZB kontrolliert wird. Wir haben in der Euro-Zone also nicht nur das Gleiche, sondern etwas Gemeinsames. Diese Gemeinsamkeit ist es, die zusammenführt.

Auch in den Ländern, die den Euro (noch) nicht eingeführt haben, ist er die Leitwährung. Er ist damit so etwas wie die Visitenkarte der Europäischen Union – auch weit über unseren Kontinent hinaus.
Der Euro ist – das lässt sich zehn Jahre nach den konkreten Beschlüssen zu seiner Einführung sagen – politisch und wirtschaftlich ein Erfolg und hat seine Kritiker ins Unrecht gesetzt. Einen ähnlichen Vorbehalt wie gegenüber dem Euro hatte es übrigens auch 40 Jahre früher, bei der Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, gegeben. Selbst Fachleute wie der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard standen der EWG ablehnend gegenüber und sagten ihr ökonomisches Scheitern voraus. Aber es zeigt sich: Die Geschichte belohnt die Mutigen!


 
Eckart D. Stratenschulte
Eckart D. Stratenschulte ist Leiter der Europäischen Akademie. Darüber hinaus ist er Lehrbeauftragter am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität für Fragen der europäischen ...
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