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Magazin / Geschichte / Euro / Artikel | 19.02.2008
Eine Krise geht um die Welt
von Oliver Stock
Oliver Stock erläutert, wie zahlungsschwache US-Immobilienbesitzer die Weltwirtschaft ins Wanken bringen. Wie sehen die Folgen der Krise in Europa aus?
Das kommt selten vor: Vorn auf dem schmucklosen Podium des großen Saals der Zürcher Börse, dort wo schon längst nicht mehr auf dem Parkett gehandelt wird, sondern die Räume für Tagungen genutzt werden, steht Marcel Rohner. Ein schlanker Mann, Anfang 40, blass. Er ist Chef der größten Bank Europas, der Schweizer UBS und hat eben den ersten Jahresverlust in der Geschichte des Geldhauses bekannt geben müssen. "Das Ergebnis ist inakzeptabel", presst er hervor und hastet dann durch das Zahlenwerk. Am Ende wird klar: Die einstmals stolze Bank, die jene Solidität ausstrahlte, die das ganze Land in der Welt verkörpert, liegt am Boden. Wie konnte das passieren?

Jenseits des Atlantiks sitzt zu dieser Zeit ein Durchschnittsamerikaner mit seiner Familie am Abendbrotstisch. Nennen wir ihn Alex Brown. Er hat einen mittelmäßig bezahltem Job und kein nennenswertes Vermögen. Er hat sich vor gut einem Jahr seinen Traum vom eigenen Haus erfüllt. Die Bank, die das Darlehen gab, wollte nicht einmal aufwendige Sicherheiten sehen. Damals interessierte sich ja auch kaum jemand dafür, dass ein Alex Brown zusammen mit Hunderttausenden von anderen Amerikanern fragwürdiger Bonität Darlehen für ein Eigenheim erhielt. Merkwürdig war zu dieser Zeit lediglich der Rückgang im Wohnungsbau, den Statistiker aufzeichneten. Er ist oft ein Vorbote, der von einer erlahmenden Konjunktur kündet. Erst als Ende März 2007 der Finanzdienstleister New Century Financial sich unter Gläubigerschutz stellte, sorgte der Begriff "Subprime mortgages" auch in Europa für Nervenflattern. Bei der UBS in Zürich schellten intern die ersten Alarmglocken. Viel zu spät, wie sich herausstellen sollte.
Die UBS hätte auf andere Indizien achten können, etwa auf die, die eine jetzt erschienene Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) detailliert nachzeichnet. Die Autoren stellen fest, dass sich in nur sieben Jahren, zwischen 2000 und 2006, das Volumen der neuen Hypothekarkredite (Kreditform, die durch Eintragung in das Grundbuch gesichert wird.) auf 600 Milliarden Dollar in den USA verdreifacht hat. Der Anteil riskanter Kredite stieg im gleichen Zeitraum von neun auf 20 Prozent.
Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass für diese Entwicklung auch die Geldpolitik der US-Notenbank Fed verantwortlich war, die den Markt jahrelang mit billigem Geld versorgt hatte. Hinzu kam eine verhängnisvolle Tendenz der Banken, ihre Kreditvergabekriterien von der Marktentwicklung abhängig zu machen und nicht von der effektiven Bonität eines Schuldners wie etwa Alex Brown. Die Folge: Je mehr Anträge auf Subprime-Kredite gestellt wurden, desto begehrter war der Markt und desto weniger wurden die Kredite geprüft. Die IWF-Autoren zeigen prompt, dass in Regionen, wo schon viele Subprime-Kredite gewährt wurden, deren Zahl schneller anstieg als in anderen Regionen. Grund dafür könnte nach Ansicht der Autoren sein, dass die Gläubiger auf einen andauernden Immobilienboom gewettet haben.
Solange das funktionierte, hätte Alex Brown auch mal nicht bezahlen können. Die Bank wäre dann in der Lage gewesen, den notleidenden Kredit schnell weiterzuverkaufen. Sie hätte ihn in einem Paket mit besseren Krediten versteckt, eine Ratingagentur hätte dem Paket ihren Stempel mit der Note "Gut" verpasst und ein Abnehmer hätte sich rasch gefunden. Die Bonität der Schuldner – wen interessierte die, solange alle mitspielten? Und alle spielten mit, weil Geld billig war und angelegt werden wollte.
Jedes Mal, so resümiert der US-Investmentbanker Georges Soros, wenn die Kreditexpansion in den vergangenen Jahrzehnten in Schwierigkeiten geriet, intervenierten die Finanzbehörden, pumpten Liquidität in die Wirtschaft, in dem sie die Zinsen senkten. "Damit schuf man ein System, das eine immer größere Kreditexpansion förderte. Es war so erfolgreich, dass die Menschen an die Magie des Marktes zu glauben begannen", schimpft Soros.
Das Ergebnis bespricht Alex Brown mit eisiger Stimme mit seiner Familie am Abendbrotstisch. Die Blase ist geplatzt. Der Wert seines Hauses ist in den Keller gerauscht. In den USA sitzt laut einem Bericht des Marktforschungsinstituts Zillow mehr als ein Drittel aller Immobilienbesitzer, die sich wie Alex Brown Anfang 2007 den Traum vom Eigenheim erfüllen haben, in der Schuldenfalle. Das heißt, bei einer Anzahlung von zehn Prozent ist die Schuldenlast der Hypothek bei diesen Personen mittlerweile größer als der aktuelle Wert der Immobilie.
Seither herrscht murphys law, das heißt: Alles geht schief, was schief gehen kann. Was mit Subprime-Hypotheken begann, breitete sich auf spezielle Schuldverschreibungen (CDO) aus, brachte Gemeindeversicherungen, Hypothekenversicherungen und Rückversicherungsunternehmen in Gefahr und drohte den Markt für Kreditfinanztransaktionen (Credit Default Swaps) zu demontieren. Aus dem Engagement der Investmentbanken bei fremdfinanzierten Übernahmen, wo sich unter anderem auch die UBS engagiert hat, wurden Verbindlichkeiten. Der Markt forderungsbesicherter Geldmarktpapiere kam zum Erliegen, und Rettungsfonds, die von den Banken ersonnen wurden, um die Hypotheken aus ihren Bilanzen zu bekommen, gelangten nicht mehr an externe Finanzierungen. Der endgültige Schlag kam, als die Kreditvergabe zwischen den Banken, also das Herzstück jedes Finanzsystems, unterbrochen war, weil die Banken mit ihren Ressourcen haushalten mussten und ihren Geschäftspartnern nicht mehr vertrauen konnten.
Und spätestens damit war die US-Krise über den großen Teich geschwappt. Im kleinen, als Bankenplatz nicht sonderlich beachteten Österreich müssen die großen Spieler auf dem Finanzmarkt, die allesamt ihr Geld mit Krediten für Osteuropa verdienen, seither mit ansehen, wie diese Kredite, die ihre Einlagen bei weitem übersteigen, immer schwieriger zu finanzieren sind.
In der Londoner City ist die Nervosität allenthalben zu spüren. Ob sich Börsenhändler über ihre Bildschirme beugen oder Konsumenten daheim in der Küche die letzten Kontoauszüge in Augenschein nehmen: Die Sorge über die weitere wirtschaftliche Entwicklung steht den Briten ins Gesicht geschrieben. Kreditkrisen, Rezessionsängste und globale Aktieneinbrüche haben unmittelbar Folgen für das Finanzzentrum an der Themse. Von keinem anderen Sektor ist Großbritannien so abhängig. Bei den Banken und Versicherungen der City arbeiten bereits mehr als eine halbe Million Menschen. Sie bilden das wirtschaftliche Rückgrat des Landes. Und nach dem spektakulären Kollaps der Hypothekenbank Northern Rock bekunden immer mehr Finanzinstitute Probleme. Eine Entlassungswelle hat die City bereits erfasst.
Mit einmal fällt auch den Briten auf, dass ihre Achillessehne der überteuerte Immobilienmarkt ist. Nach dem beispiellosen Boom der letzten Jahre deutet sich eine Wende an. Die stark gestiegenen Zinssätze für Bauherrn, Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Hypotheken und der sich abzeichnende Fall der Hauspreise verunsichern viele. Nach Überzeugung des IWF sind britische Immobilien rund 40 Prozent überteuert – und könnten entsprechend stark sinken. Das Königliche Institut der Immobilienbegutachter geht davon aus, dass schon jetzt jeden Tag mehr als 120 Familien ihr Haus oder ihre Wohnung verlieren.
Auch die größte Volkswirtschaft Europas trifft die Krise mit voller Wucht: Deutschland hat als eines der letzten EU-Länder ein undurchsichtiges System aus Landesbanken, die Teil einer überkommenen Deutschland AG sind. Ihr Problem: Sie haben weder ein tragfähiges Geschäftsmodell, noch sitzen in ihren Aufsichtsräten genügend Leute vom Fach. Die Folge: Die Landesbanken haben sich besonders gern an der einstmals wie geschmiert laufenden US-Geldvermehrungsmaschine mit Subrime-Papieren beteiligt. Mittlerweile gewinnen die Schreckensszenarien, die die Landesbanken vor entsetzten Analysten in ihren Präsentationen nachzeichnen, täglich an Dramatik.
Während die Privatbanken wie Deutsche Bank und Commerzbank ihre Verluste noch aus eigener Kraft stemmen, mussten die Rettungspakete für die SachsenLB und WestLB mit Milliarden aus den Landeshaushalten abgesichert werden. Milliardenabschreibungen der BayernLB drohen den Haushalt des Freistaats zu belasten. Und auch bei der kleinen Düsseldorfer IKB geht es ohne Hilfe des Bundes nicht mehr. Am Ende landen die Lasten beim Steuerzahler.
In der Schweiz ist es noch nicht ganz so weit. Dort eilen jetzt Finanzinvestoren aus dem nahen und fernen Osten zur Hilfe und führen der UBS voraussichtlich eine Milliarden-Infusion zu. Der Finanzplatz Zürich wird anschließend anders aussehen. Im Café gegenüber der Börse sitzen bereits die ersten Analysten, die die traurige Vorstellung des UBS-Chefs früher verlassen haben. UBS steht für "United Banks of Switzerland". Wenn die neuen Investoren eingestiegen sind wird es für "United Banks of Singapur stehen" unken die Analysten und leeren ihre zweite Tasse Espresso an diesem Morgen.
geboren 1965, ist seit 2005 Korrespondent des Handelsblattes in der Schweiz.
Von Zürich aus berichtet er über Unternehmen und Börse.
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