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Magazin / Geschichte / Narrating the Nation / Artikel | 06.05.2008

Der Kolonialismus im europäischen Gedächtnis

von Andreas Eckert


In immer mehr Ländern beschäftigen sich Wissenschaft und Öffentlichkeit mit den Rückwirkungen der kolonialen Vergangenheit. Andreas Eckert zeigt, wie in einzelnen Ländern mit der Geschichte umgegangen wird.


Anfang der 1990er Jahre beklagte der französische Historiker Benjamin Stora, ein Spezialist für die Geschichte des Algerienkrieges, dass das vielerorts mit Gewalt verknüpfte Ende des französischen Kolonialreichs im Bewusstsein der Bevölkerung des Hexagons, also Frankreichs, kaum mehr präsent sei.[1] Die offizielle Erinnerungspolitik Frankreichs verdrängte in der Tat lange Zeit die Ereignisse in den Kolonien.

Foto: Photocase


Der Algerienkrieg etwa blieb in der staatlichen Sprachregelung eine "Operation zur Aufrechterhaltung der Ordnung", ein Krieg ohne Namen. Vor wenigen Jahren jedoch wurde die Grande Nation mit Macht von ihrer kolonialen Vergangenheit in Nordafrika eingeholt. In "Le Monde" erschien Anfang 2000 der Bericht einer ehemaligen Aktivistin der algerischen Befreiungsbewegung, die eindringlich ihre drei Monate währende Folter durch die französische Armee schilderte. Einige Monate später beschrieb General Paul Aussaresses minutiös die Foltermethoden der Militärs und löste ein gewaltiges öffentliches Echo aus.[2] Ohne Reuegefühle gestand er ein, 24 Gefangene eigenhändig getötet zu haben. Aussaresses und seine Verleger wurden wegen "Rechtfertigung von Kriegsverbrechen" zu Geldstrafen verurteilt.

An wissenschaftlichen Publikationen zum Algerienkrieg hat es seit den 1960er Jahren nicht gemangelt. Sie gerieten jedoch kaum in das Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit. Das änderte sich vor einigen Jahren ebenfalls nachdrücklich. Als Raphaëlle Branche im Dezember 2000 an der Sorbonne ihre Doktorarbeit über Folter und Armee während des Krieges verteidigte, war dieses Ereignis der Tageszeitung "Le Monde" sogar einen Bericht auf der Titelseite wert. Die kurz darauf publizierte Studie[3] zeichnete auf der Basis von Archivdokumenten und Interviews sorgfältig die Praktiken der französischen Streitkräfte nach. Die Historikerin wies mit Nachdruck die Behauptung zurück, die weit verbreitete Anwendung der Folter habe rein militärischen Zwecken gedient. Die Gewalt sei, so Branche, primär Teil einer Politik des gezielten Terrors gewesen, um die Nationalisten zu brechen. Erst in zweiter Linie sei es darum gegangen, Informationen aus den Gefangenen zu pressen.

[1] Vgl. Benjamin Stora, La Gangrène et l'oubli: la mémoire de la guerre d'Algérie, Paris 1991.

[2] Vgl. Paul Aussaresses, Service Spéciaux. Algérie 1955 - 1957, Paris 2001.

[3] Vgl. Raphaëlle Branche, La Torture et l'Armée pendant la Guerre d'Algérie, 1954 - 1962, Paris 2001.

 

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Andreas Eckert
Dr. phil, geb. 1964; Professor für die Geschichte Afrikas an der Humboldt Universität zu Berlin, Institut für Asien- und Afrikawissenschaften, Unter den Linden 6, 10099 ...
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Original in Deutsch

Veröffentlicht am 12.07.2009

Erstveröffentlichung in Aus Politik und Zeitgreschichte APuZ 1-2/2008

© Bundeszentrale für politische Bildung

 

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