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Magazin / Geschichte / Narrating the Nation / Artikel | 06.05.2008

Der Kommunismus in ostmitteleuropäischen Nationalgeschichten

von Attila Pók


"Proletarier aller Länder, vereinigt euch!” - Klassen- und internationale Solidarität sollte in kommunistischen Ländern bedeutender sein als die nationale Zugehörigkeit. In der politischen Praxis war diese Losung häufig nicht stimmig.


Kommunistische Politik und kommunistische Ideologie beanspruchen "Internationalismus".[1] Nach kommunistischer Auffassung und der politischen Rhetorik sind die Klassensolidarität und die internationale Solidarität der Proletarier viel bedeutsamer als ihre jeweiligen nationalen Zugehörigkeiten. Jahrzehntelang erschien auf den Titelseiten der Tageszeitungen kommunistischer Parteien die Losung: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"

Foto: photocase.de


In der "brüderlichen Gemeinschaft" der Länder des sowjetischen Blocks in Ostmitteleuropa waren ernsthafte Versuche engerer "internationalistischer" Zusammenarbeit unerwünscht. Symbolische "Freundschaftstreffen", Reisen mit "Freundschaftszügen", spektakuläre Ereignisse wie beispielsweise die "Weltjugendtreffen" oder internationale Treffen "fortschrittlicher" Intellektueller hatten mit wahrem Internationalismus wenig zu tun.

In der politischen Praxis, besonders bei Agitation und Propaganda (Agitprop), wurde dagegen die nationale Karte oft und mit Nachdruck ausgespielt. Imperialisten und Kapitalisten aller Art wurden als Feinde der Nationen dargestellt. Das führte zu einer sehr selektiven Geschichtsauffassung: Die Deutschen beispielsweise galten in vielen offiziellen und semioffiziellen kommunistischen Narrativen als die traditionellen und seit dem frühen Mittelalter gefährlichsten Feinde der ostmitteleuropäischen Nationen - abgesehen natürlich von den Bürgerinnen und Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik, dem ersten demokratischen und friedliebenden Staat auf deutschem Boden. In derselben Propaganda war der russische Imperialismus ein Kennzeichen des Zarenreiches, während die Sowjetunion als Garant der Freiheit der sozialistischen Länder und Nationen erschien. Die Sowjetunion war der wichtigste Unterstützer (mit Wort und Tat) der Freiheitskämpfe aller unterdrückten Völker auf allen Kontinenten. Die kommunistische Propaganda in nationalen Farben erschien glaubwürdiger als der abstrakte Internationalismus der weltweit ausgebeuteten Arbeiter. "Derselbe sozialistische Inhalt in vielen nationalen Formen", lautete eine oft gehörte Parole.

Geschichtskämpfe seit 1988/91

Der unablässige Hinweis auf die historische Notwendigkeit des weltweiten Sieges des Kommunismus unter der Leitung der Sowjetunion war ein wesentlicher Bestandteil der kommunistischen Propagandaarbeit. Nach vielen Jahrzehnten unter dem Einfluss dieser Propaganda stellte die Interpretation des Zusammenbruches des sowjetischen Imperiums eine immense Herausforderung für die Intellektuellen der ostmitteleuropäischen Völker dar. Konflikte über die Bewertung historischer Ereignisse spielten eine Schlüsselrolle beim Übergang zur Demokratie. Auf der Alltagsebene führte das häufig dazu, dass die Behandlung der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg vorläufig vom Geschichtsunterricht in den Schulen ausgenommen wurde. In der Sowjetunion wurden bereits im Mai 1988 die Prüfungen in Geschichte vorübergehend ausgesetzt.[2]

In allen Ländern des ehemaligen sowjetischen Blocks haben Fragen der Nationalgeschichte, die historische Positionierung der völlig unerwarteten Ereignisse einen prominenten Platz in den tagespolitischen Auseinandersetzungen eingenommen. Überall wurde beklagt, dass die von der Sowjetunion unterstützten Kommunisten und ihre Ideologie die schönsten und heldenhaftesten nationalen Traditionen verdrängt hätten. Parallel dazu kam es zur Aufklärung sowjetischer Gewalttaten gegenüber den ostmitteleuropäischen Nationen, etwa die Ermordung polnischer Offiziere in Katyn im April/Mai 1940 oder der Terror (massenhafte Vergewaltigungen und Deportationen von Zivilisten) in den von der Sowjetarmee besetzten Gebieten während der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Auch in diesem Sinne erschien der Kommunismus als Zerstörer der wertvollsten nationalen Traditionen. Viele Politiker forderten die Wiederentdeckung und den Wiederaufbau der so lange verleugneten Nationalgeschichten.

Im Zuge dieser Entwicklung kam es zu spektakulären Ereignissen, welche die postkommunistischen Auffassungen von nationalen Geschichten betonen sollten, etwa symbolische (Neu-)Bestattungen, die Entfernung alter, die Errichtung neuer historischer Denkmäler und die Wahl neuer Nationalfeiertage. In Jugoslawien bedeuteten die Erinnerungen an den 600. Todestag von Prinz Lazar im Jahr 1989 eine Rückkehr zu den serbischen Reichgründungsmythen, die an die Stelle des Kultes um die "jugoslawischen" Partisanen des Zweiten Weltkriegs traten. Die Rückkehr des Herzes des 1941 unter bis heute nicht geklärten Umständen gestorbenen bulgarischen Zaren Boris in sein Heimatland war ein symbolischer Bruch mit dem kommunistischen Erbe in Bulgarien. Die erneute Bestattung des ungarischen Admirals Miklós Horthy, "Reichsverweser" des Landes zwischen 1920 und 1944, verwies auf die Kontinuität zwischen den prä- und den postkommunistischen Zeiten. Die feierliche Beerdigung der polnischen Generäle der "Heimatarmee", Tadeusz Bór-Komorowski und W?adis?aw Sikorski, symbolisierte die Infragestellung der Legitimität des kommunistischen Regimes in Polen. Es verschwanden viele den sowjetischen "Befreiern" gewidmete Denkmäler; neue erinnerten an antikommunistische Nationalhelden wie Józef Pi?sudski in Polen, Jozef Tiso in der Slowakei, Ion Antonescu in Rumänien, Pál Teleki in Ungarn oder an außenpolitische Gewaltakte der Sowjetunion (1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei).

Alle diese Maßnahmen waren heftige Reaktionen auf den kommunistischen Versuch eines vollständigen Bruches mit den Traditionen der so genannten reaktionären Vergangenheit der von der Sowjetunion beherrschten Völker, auf den Versuch, die neue "brüderliche Gemeinschaft" der sozialistischen Länder auf ihre gemeinsamen "progressiven", klassenkämpferischen Traditionen aufzubauen. In den offiziellen kommunistischen, nationalgeschichtlichen Meisternarrativen der politischen Rede und der einheitlichen Schulbücher stand immer der Kampf gegen die ethnisch-nationalen, fremden Ausbeuter im Mittelpunkt. Nach dieser Rhetorik waren die besten Patrioten diejenigen Persönlichkeiten, die nationale und klassenkämpferische Ziele parallel und miteinander verknüpft verfolgt haben.

Schon vor dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, als Folge der Milderung des sowjetischen ideologischen Drucks erschienen - weniger in der Wissenschaft, umso mehr in der Publizistik und in der Alltagssprache - lange verdrängte Visionen von den heroischen Leistungen und tragischen Opfern der ostmitteleuropäischen Eliten der Zwischenkriegszeit. Nach der Zeitenwende von 1989/90 beschleunigte sich dieser Prozess. Zugespitzt könnte man sagen, dass die Chancen einer Persönlichkeit, Bewegung, Institution oder Partei, einen prominenten Platz im neu zu errichtenden nationalen Pantheon zu erhalten, umso größer waren, je antikommunistischer sie eingeschätzt wurde. Das war auch eine Reaktion auf die kommunistische ideologische Praxis, alle Antikommunisten ohne Unterschied als "Faschisten" zu brandmarken.[3] Die große Gefahr bestand nun darin, dass wegen ihrer antikommunistischen Haltung gelegentlich auch Vertreter der extremen Rechten ebenfalls sehr positive Bewertungen erhielten.

[1] Die Argumentation dieses Aufsatzes profitierte erheblich vom großen Quellenmaterial des Buches von Helmut Altrichter (Hrsg.), Gegen Erinnerung. Geschichte als politisches Argument, München 2006, und von den Forschungsergebnissen im Rahmen eines Projektes der European Science Foundation: Representations of the Past: The Writing of National Histories in Europe, geleitet von Stefan Berger/Manchester, UK; vgl. auch den Text von Berger in diesem Heft.

[2] Vgl. H. Altrichter (ebd.), S. IX.

[3] Vgl. Tony Judt, Postwar. A History of Europe since 1945, New York 2005, S. 215.

 

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Attila Pók
Dr. phil., geb. 1950; Generalsekretär des Vereins Ungarischer Historiker; stellvertretender Direktor des Instituts für Geschichte der Ungarischen Akademie der Wissenschaften; Professor für Zeitgeschichte am Europa-Institut ...
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Original in Ungarisch

Veröffentlicht am 31.12.2007

Erstveröffentlichung in Aus Politik und Zeitgreschichte 1-2/2008

© Bundeszentrale für politische Bildung

 

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