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Magazin / Geschichte / Israel und Europa / Essay | 14.05.2008
Liebevolle Strenge
von Yiftach Ashkenazy
Der junge israelische Autor Yiftach Ashkenazy fordert im Umgang mit Israel mehr Strenge und Autorität von den Europäern. Ein Essay über Kricketregeln, Joschka Fischer und strenge Liebe.
Sei es die unbefangene Geschichte von Romeo und Julia oder das bewegende Märchen zwischen "Posh Spice" und der Fußballerlegende David Beckham: Eine gute Liebesgeschichte braucht vor allem einen schlechten Anfang. Und so begann meine Liebe für Europa, Deutschland und Joschka Fischer mit einer schlechten Vorlesung über Kricketregeln in einem Kurs über Sport und Nationalismus in meinem ersten Semester an der Universität in Jerusalem.

Das war im April, den man seit T.S. Eliots "Waste Land" als grausamsten Monat kennt, und mein ehrwürdiger Dozent entschied, dass wir, um das Britische Empire wirklich verstehen zu können, die Regeln des faszinierenden Kricketspiels auswendig lernen müssten. In der darauf folgenden Woche ging ich voller Angst vor einem Kricketregel-Test zum Kurs, aber der Seminarplan hatte sich unterdessen geändert. Die Fragen meines Professors konzentrierten sich nicht auf Kricket, sondern auf die viel angenehmere Thematik, wie viele von uns an einem kostenlosen Ausflug nach Deutschland interessiert wären, um Joschka Fischer zu treffen. Überraschenderweise hob fast der gesamte Kurs die Hand. Manche hatten praktische Fragen zur Durchführung der Reise, aber niemand traute sich, die offensichtlichste Frage zu stellen: Langweilte sich der damalige deutsche Außenminister so sehr, dass er freiwillig Zeit und Geld zur Verfügung stellte, um an einer Konferenz mit israelischen Erstsemestern teilzunehmen?
Vergeben und vergessen
Und so kam ich mit einer kleinen Studentengruppe in Berlin an. Wahrscheinlich waren die Deutschen, die wir trafen, gewohnt, echte Diplomaten zu empfangen, so dass sie uns ebenso verwöhnten. Vielleicht wussten sie aber auch einfach nicht, was sie mit uns anfangen sollten, denn sie arrangierten viele Treffen zum europäischen Einigungsprozess. Ich wurde neidisch auf die Europäer, die jahrelange lächerliche nationale Konflikte untereinander und mit ihren Nachbarn einfach hatten abschaffen können. Und so verliebte ich mich zum ersten Mal in Europa, weil ich wünschte, dass diese Fähigkeit – zu vergeben und zu vergessen – eines Tages einen anderen Kontinent erreichen könnte.
Politisch korrekt
Nach einer Woche entdeckte ich die Schwäche dieser barmherzigen Einstellung, denn sie hatte zu neuen politischen Kodes und Verhaltensweisen geführt. Weil jeder lächelte und den anderen hofierte, hatten die Menschen scheinbar ihren Humor verloren. Vielleicht bin ich altmodisch, aber wenn ich mit einem Deutschen über Frankreich rede, möchte ich lieber Witze austauschen als die großartige französische Kultur bewundern. Ich war überzeugt davon, dass nunmehr Beschönigungen den Ton angaben. Bis dann der gute Gott des Fußballs mich mit dem UEFA-Cup bescherte. Während ich in deutschen Kneipen saß und die Spiele anschaute, verschwand jede Höflichkeit. Ich entschied, dass dies mein Traum für den Nahen Osten wäre: ein Frieden über alle Grenzen hinweg, aufgepeppt mit einigen Witzen, die man für seltene Ausbrüche von Nationalismus in Reserve hätte.
Fußball und Frustrationen
Später verstand ich, dass hinter den Kulissen nicht alles so gut funktionierte oder dass vielleicht die Ausbrüche beim Fußball nicht völlig losgelöst von der Realität zu verstehen waren. Es erschien mir plausibel, dass in den wohlhabenden europäischen Staaten die Enttäuschungen vor allem in Fußballkommentaren ausgelebt wurden, dass aber diese Länder in Wirklichkeit mit Problemen wie Immigration und Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatten. Weiterhin schienen viele der ärmeren Länder verbittert zu sein, weil westliche Investoren ihre Industrien und Ressourcen aufgekauft hatten. Als ich zum Beispiel nach Polen fuhr, erlebte ich, wie die das Feindbild EU den intoleranten, fremdenfeindlichen und antisemitischen Rechten den Rücken stärkte. Auch als Außenstehender war ich mir sicher, dass nationalistische Fußballkommentare die kleinsten Probleme der Länder wären, wenn die EU ihre Finanzen zur Verbesserung wirtschaftlicher Strukturen verwenden würde.
Joschka erwartete uns
Wieder in Berlin trafen wir den Minister in seinem halb-modernen, halb-Drittes-Reich-ähnlichen Büro. Anders als andere wichtige Persönlichkeiten erwartete Joschka uns schon, und, noch beeindruckender, er interessierte sich wirklich für das, was wir zu sagen hatten. Die Diskussion begann. Einige waren höflich und bedankten sich für das Treffen mit ihm, andere gut erzogene Lehrer-Lieblinge baten ihn um seine wertvolle Meinung zum Weltfrieden. Erst als einer meiner rücksichtslosen Freunde versuchte, Joschka in die Ecke zu drängen, indem er auf die Tatsache hinwies, dass sogar die Grünen die nukleare Weiterentwicklung Israels unterstützten, wagte ich meinen Vorstoß.
Unser brutaler Kindergarten
In diesem Sommer sprach Israels Premierminister Ariel Scharon wie immer über Frieden, aber tat alles dafür, um Frieden und jegliche Verhandlung darüber zu vermeiden – die bekannte israelische politische Strategie. Als Linker, ermüdet von Checkpoints, tödlichen Anschlägen und der nicht endenden Besatzung, ergriff ich die Chance und fragte den deutschen Politiker, warum die EU und Deutschland weiterhin großzügige Spenden schickten, auch wenn diese nicht gut verwendet würden. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das einen Erwachsenen anfleht, das Machtwort zu sprechen, den Boykott und andere Maßnahmen zu unterstützen, damit ein bisschen Ruhe und Frieden in unseren gewalttätigen Kindergarten einkehrt.
Wir brauchen strenge Liebe!
Joschka war ein netter Kerl. Und weil er so nett war, erklärte er, dass er als Repräsentant Deutschlands aufgrund offensichtlicher Gründe keine Forderungen an Israel oder Palästina richten könne. Er verschwieg, dass die deutsche Regierung, selbst wenn sie sich für ein bestimmtes Vorgehen entscheiden würde, diese aufgrund der Vielstimmigkeit in Europa kaum würde durchführen könnte. Wie kann sich Europa politischen Nachdruck verschaffen, wenn sich die außenpolitischen Führungskräfte der EU durch widerstreitende Interessen und unterschiedliche Weltsichten gegenseitig lähmen? Ein anderer, noch wichtigerer Punkt ist, dass niemand uns, die wir in der Konfliktzone leben, helfen wird, so lange wir selber nicht schlauer werden. Für mich war klar, dass wir noch mehr Blut vergießen und Schmerz aushalten würden, bis wir diese Utopie verwirklichen könnten. Hätte ich bloß Joschka zurufen können: Wir brauchen mehr Erwachsene im Nahen Osten, die uns beaufsichtigen, zeigt uns eure strenge Liebe!
Die EU: Vorbild für den Nahen Osten
Heute ist die Umsetzung einer solchen strengen Liebe noch unwahrscheinlicher geworden. Eine zunehmende Anzahl von Menschen ist auf unserer Seite, weil sie in unserem regionalen Konflikt ihre eigenen Probleme mit Einwanderern widergespiegelt sieht. Andere identifizieren sich mit den amerikanischen Konservativen und verorten Israel auf der Seite eines kulturellen Konflikts zwischen jüdisch-christlichem Westen und muslimischem Osten. Aber diese Sichtweisen sollten nicht die offizielle Außenpolitik der EU dominieren, denn diese könnte und sollte eine Alternative zur US-amerikanischen sein. Zum Beispiel könnte der Beitritt der Türkei zur EU deutlich machen, dass kulturelle Unterschiede überwunden werden können.
Als ich nach Israel zurückkehrte, war der Krieg in eine neue Phase eingetreten. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass auf das Ende des einen Krieges der Ausbruch eines neuen folgt. Daher hoffe ich immer noch auf eine Freudsche Intervention zwischen uns und den Europäern, damit sie einsehen, dass Unterstützung und Zuneigung keiner Seite wirklich helfen. Nachdem mich Joschka Fischer hatte abblitzen lassen, halfen mir nur elterliche Vorschriften, um mich wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Schlussendlich war dann ein Kricketregel-Test sehr streng zu mir.

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Original in Englisch
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