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Magazin / Gesellschaft / Atomkraft / Debatte | 13.02.2007

Comeback der Atomenergie?

von Danièle Weber


Der russische Öl-Lieferstopp in diesem Jahr, der russische Gasstreit mit der Ukraine im vergangenen Jahr, die alarmierenden Fakten beim Klimawandel haben zur Folge, dass in Europa über Atomenergie wieder neu diskutiert wird.


Als der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vor einem Jahr sein Grünbuch zur Energie präsentierte, plädierte er für "eine Debatte ohne Tabus" über die Zukunft der Atomkraft. Ein Jahr später ging die Kommission mit ihrem am 10. Januar 2007 vorgestellten Paket für Energie- und Klimawandel noch einen Schritt weiter. "Die intensivere Nutzung der Kernenergie könnte auch eine Möglichkeit zur Verringerung der CO2-Emissionen sein", heißt es in der Brüsseler Darstellung des "Europäischen Konzepts für Kernkraft und Nuklearsicherheit".

Ausstieg oder Ausbau? Vor dem Hintergrund des erhöhten CO2-Ausstoßes wird über die Zukunft der Atomkraft erneut kontrovers diskutiert.
Foto: Photocase.com


Vor allem dieses Argument wird in der Diskussion um die Bekämpfung des Klimawandels immer lauter geäußert - nicht nur von Seiten der Atomindustrie. Die Kommission wolle keine Position beziehen, sondern lediglich Daten und Fakten liefern, um "die notwendige Debatte in Gang zu bringen", so Barroso.

Dies ist mit dem vorgelegten Paket gelungen. Derzeit stellen die 152 Kernkraftwerke über 30 Prozent der erzeugten Elektrizität bereit. Um den erwarteten Energiebedarf decken zu können, so die Prognose im EU-Papier, "könnten Investitionen in neue Anlagen oder die Verlängerung der Betriebsdauer bestehender Anlagen beschlossen werden".

Frankreich setzt weiter auf Atomenergie

Das wird in Ländern wie Frankreich, wo 58 Atomkraftwerke über zwei Drittel des Stroms liefern, schon länger so gesehen. Neben Frankreich hat auch Finnland den Bau eines neuen Reaktors beschlossen. Die regierende Zentrumspartei will Atomkraft als Antwort auf den Klimawandel weiter ausbauen. Andere Länder setzen indessen auf Nachrüstung: In den Niederlanden einigte man sich auf die Verlängerung der Betriebslaufzeiten, in Schweden haben alle Betreiber der zehn Reaktoren Leistungssteigerungen und Modernisierungsprogramme angekündigt. Letztere waren nach einem Störfall im Atomkraftwerk Forsmark gefordert worden. "Dass Atomkraft so ambivalent gesehen wird, ist schlecht für die Energiesicherheit. Der Widerstand gegen die Kernforschung hat eine Modernisierung verhindert", schrieb Göteborgs-Posten am 4. August 2006.

Ausstieg aus dem Ausstieg?

Heftige Debatten löste das Kommissionspapier in den Ländern aus, die einen Ausstieg aus der Atomkraft anstreben. Noch wollen Deutschland, Belgien und Spanien an ihrer Politik des Ausstiegs festhalten. Doch in den vergangenen Wochen wuchs der Druck.

Man müsse die Folgen eines Ausstiegs aus der Atomenergie bedenken, sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, nachdem Russland im Januar die Ölleitung "Drubscha" durch Weißrussland geschlossen hatte. "Ich bin vertragstreu an dieser Stelle", versicherte die Kanzlerin jedoch auf einer Pressekonferenz am 11. Januar 2007 nach einer Sitzung im Bundeskabinett. Der Ausstieg war von der rot-grünen Regierung beschlossen worden, er ist aber auch Bestandteil des aktuellen Koalitionsvertrages zwischen Christ- und Sozialdemokraten.

Ganz anders die Stimmung in Osteuropa: Die baltischen Staaten haben sich auf den gemeinsamen Bau eines Reaktors in Litauen geeinigt. Der bulgarische Präsident Georgi Parwanow rief die Europäische Union dazu auf, einer Wiederinbetriebnahme des Atomkraftwerkes Kosloduj zuzustimmen. Sie müsse als "Teil eines gesamteuropäischen Konzeptes" erfolgen, so Parwanow bei einer feierlichen Sitzung im Parlament anlässlich des EU-Beitritts. Der Reaktor sowjetischer Bauart musste beim EU-Beitritt des Landes Anfang dieses Jahres abgeschaltet werden.

Ambivalente Bevölkerung

Die öffentliche Meinung über Atomkraft ist innerhalb der EU gespalten. Das zeigt ein Blick auf die Ergebnisse der jüngsten Eurobarometer-Umfrage. Demnach lehnen etwas mehr als ein Drittel der EU-Bürger die Nutzung von Kernenergie ab. Die Meinungen liegen jedoch in den einzelnen Mitgliedstaaten weit auseinander. Ablehnungsquoten von weit über 70 Prozent gibt es etwa in Ländern wie Österreich und Griechenland, wo keine Atomkraftwerke in Betrieb sind. In knapp der Hälfte der Mitgliedstaaten gibt es mehr Gegner als Befürworter der Kernkraft. In neun Ländern überwiegt die Zahl der Unentschiedenen. Am positivsten sehen die Schweden (41 Prozent Zustimmung), die Slowaken (37 Prozent) und die Litauer (37 Prozent) die Atomenergie.

Auch die Expertenwelt ist sich nicht einig. Angesichts "der größten Prüfung, die die Menschheit jemals zu meistern hatte", appelliert der britische Klimaforscher James Lovelock am 9. Januar in der italienischen Zeitung La Stampa an seine "grünen Freunde, ihr Vertrauen in die nachhaltige Entwicklung und die erneuerbaren Energien zu überdenken" und "ihren sturen Widerstand gegen die Atomenergie" aufzugeben.

Mehr staatliche Investitionen?

Die Umweltschützer bleiben jedoch bei ihrer Kritik. Zeitgleich zur Vorstellung des Brüsseler Energiepakets präsentierte Greenpeace eine neue Studie, die besagt, dass die Klimakatastrophe abzuwenden ist - ohne Kohle - und Atomkraftwerke. "Atomkraft ist teuer, gefährlich und von hohen staatlichen Subventionen abhängig. So etwas können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten", so Sven Teske von Greenpeace International gegenüber dem österreichischen Standard.

Vor allem die Frage der Rentabilität von Atomkraftwerken wird von Fachleuten sehr kontrovers diskutiert. Bei allen Chancen, die die Kernkraft biete, stelle die Finanzierung der Anfangsinvestitionen weiterhin eine Herausforderung dar, betonte etwa die Internationale Energie-Agentur (IEA) in ihrem World Energy Outlook für 2006.

"Ohne massive staatliche Interventionen wird es eine Wiederbelebung der Atomtechnik nicht geben", schlussfolgert auch Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe in einem Artikel, der im Februar 2006 im Rahmen der Studie "Mythos Atomkraft" der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlicht wurde.

Wohin mit dem Atommüll?

Erstaunlich wenig Platz nimmt das Problem des Atom-Mülls in der wiederbelebten Diskussion um die Kernkraft ein. In der EU sei lediglich eine Lösung für den schwach radioaktiven Müll gefunden worden, stellt die EU-Kommission in ihrem Atombericht "Nuclear Illustrative Programm" fest. Für die jährlich anfallenden 500 Kubikmeter hoch radioaktiver Abfälle habe "bislang noch kein Land die vorgeschlagene endgültige Lösung verwirklicht. Unter anderem seien die Probleme hierfür "eher sozio-politischer als technischer Art", so die Kommission.

Ausstieg, Wiedereinstieg, Laufzeitverlängerung - Europa ist in Sachen Atomkraft uneins. Ob denn nun die Kommission den Mitgliedstaaten, die den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen haben, rate, ihre Politik zu ändern, wollte ein belgischer Journalist auf der Pressekonferenz in Brüssel im Anschluss an die Vorstellung des Energiepaktes von José Barroso wissen. "Es ist nicht Aufgabe der Kommission, den Staaten zu sagen, ob sie mehr oder weniger oder gar keine Atomkraft in ihrem Energie-Mix haben sollen", so Barrosos Antwort. "In der nuklearen Frage bleibt die Kommission agnostisch".

 
Danièle Weber
Danièle Weber ist gebürtige Luxemburgerin und studierte Agrarwissenschaften und Journalistik in Stuttgart. Seit 1992 ist sie Redakteurin der Luxemburger Wochenzeitung "woxx" und arbeitet außerdem als ...
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