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Magazin / Gesellschaft / Euro-Islam / Artikel | 02.05.2007
Kulturdialoge in der politischen Anwendung
von Naika Foroutan
Zivilisationskritik geht immer auch einher mit der Ansicht, die jeweils eigene Kultur sei überlegen. Ein Dialog zwischen den Kulturen braucht daher vor allem eines: Geduld, um den Abbau von Denkbarrieren zu befördern, meint Naika Foroutan
Die Frage nach der politischen Anwendbarkeit von Kulturdialogen ist allgegenwärtig - nicht nur innerhalb der breiten Bevölkerung, wo es den Anschein hat, als ob Kulturdialoge nur ein Gerede von "Gutmenschen" ohne politische Wirkung seien.

Foto: AP
Auch im Feuilleton schwingen sich manche Schreiber auf den Zug, der lauthals verkündet, Kulturdialog führe zu nichts und stehe "in einer langen Reihe von politischen Absichtserklärungen, deren einziges Ziel es ist, virtuelle Debatten zu erzeugen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben, dafür aber politisches und kulturelles Engagement simulieren".[1]
Diese Vorwürfe machen deutlich, wie sehr ein Großteil der Öffentlichkeit in der Ausschließlichkeit der "Kampf-der-Kulturen-Debatte" gefangen ist. Die Kurzsichtigkeit und mangelnde Kenntnis über Funktion und Wirkung des Kulturdialoges wird vollends deutlich, wenn empört abgelehnt wird, dass dieser Dialog auf gleicher Augenhöhe und ohne Vorbedingungen erfolgen solle: "Würde jemand vorschlagen, Kannibalen und Vegetarier, Brandstifter und Feuerwehrleute, Drogendealer und Junkies sollten in einen Dialog miteinander eintreten, würde man ihm zur Ernüchterung kalte Fußbäder verordnen."[2]
Abfällige Bemerkungen wie "Dialog-Industrie", "Dialogitis", "Goethe-Institut-Debatten" und "Phrasen-Allmacht" zeigen, wie wenig der Begriff für die Öffentlichkeit mit seinem Anspruch, Veränderbarkeit im politischen Raum zu erzeugen, einhergeht. Das größte Hindernis für die Akzeptanz des Kulturdialoges ist jedoch Ungeduld. Kulturdialog ist ein Prozess: eine Abfolge sich wiederholender, miteinander verknüpfter Aktivitäten zur Erstellung von Produkten oder Leistungen. Zentral ist wie bei jedem Prozess, dass sich die Abfolge wiederholen muss, damit die Leistung oder das Produkt erstellt werden kann: mehr Sicherheit, Systemstabilität, Aufbau von Integrationsmechanismen, Konfliktregulierung und Abbau von Denkbarrieren im Kulturkampf-Dogma zwischen der Mehrheits- und der Minderheitsgesellschaft (auf nationaler Ebene) und zwischen verfeindeten Zivilisationen (auf internationaler Ebene).
[1] Henryk M. Broder, Dialog? Nein Danke!, in: www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,403133,00. html (20.5.2006).
[2] Ebd. Für den Leser ist logisch, dass in der Assoziationskette die Kannibalen, die Brandstifter und die Drogendealer natürlich die Muslime sind.
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Dr. rer. pol., geb. 1971; lehrt Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen und der FU Berlin. Seminar für Politikwissenschaften, FU Berlin, Arbeitsstelle Politik des Vorderen ...
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Original in Deutsch
Veröffentlicht am 10.07.2006
Erstveröffentlichung in Aus Politik und Zeitgeschichte 28-29/2006
© Bundeszentrale für politische Bildung
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