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Magazin / Gesellschaft / Euro-Islam / Rede | 02.05.2007
Redefreiheit in der pluralistischen Gesellschaft
von Kenan Malik
Im Namen von "Toleranz" und "Respekt" behaupten die Liberalen gerne, freie Meinungsäußerung sei zwar eine gute Sache, in einer pluralistischen Gesellschaft aber müsse sie eingeschränkt werden. Für Kenan Malik stellt eine solche Argumentation den Begriff von Respekt auf den Kopf. Gerade weil wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, brauchen wir größtmögliche Redefreiheit.
Eröffnungsrede zum 19. Treffen europäischer Kulturzeitschriften
Wo sollten die Grenzen der Redefreiheit in einer pluralistischen Gesellschaft liegen? Diese Frage stellt man sich in den letzten Jahren mit immer größerem Nachdruck. Als ich vor zehn Jahren auf einer Eurozine-Konferenz sprach, mutete diese Frage trotz der Kontroverse um die Satanischen Verse etwas akademisch an.

Foto: stock.xchng
Die Ereignisse des letzten Jahrzehnts – von 9/11 bis zu den Unruhen in Frankreich, von den Bombenanschlägen in London und Madrid bis zu den wütenden Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen in Jyllands-Posten – haben die Multikulturalismus-Debatte verändert und sie in eine mörderische Realität verwandelt. Das alles hat auch zu einem Umdenken bei den Liberalen geführt.
Vor zwanzig Jahren traten die meisten von ihnen für die Veröffentlichung von Salman Rushdies Satanischen Versen ein, obwohl diese für viele Muslime eine Beleidigung darstellten. Heute argumentieren viele, dass dies zwar prinzipiell richtig sein möge, in der Praxis aber müsse man den religiösen und kulturellen Empfindsamkeiten Rechnung tragen, da es sich um tief verwurzelte Überzeugungen handele. Ian Jack, der Herausgeber der Zeitschrift Granta, vertrat in der Sache der Mohammed-Karikaturen die Meinung, man müsse "das Recht des Individuums, etwas auszustellen oder zu publizieren" gegen "die unermessliche Beleidigung (...), die die Ausübung eines solchen Rechtes verursachen würde" abwägen. Und für einen Liberalen wie Jack ist es wichtiger, kulturellen Schmerz in einer multikulturellen Gesellschaft zu vermeiden, als das abstrakte Recht der freien Meinungsäußerung hochzuhalten.
Das Problem dieser Debatte liegt zum Teil darin, dass beide Seiten zwei verschiedene Begriffe von Multikulturalismus miteinander verschmelzen – Multikulturalismus als gelebte Erfahrung und Multikulturalismus als politischer Prozess. Die meisten Menschen, die Multikulturalismus für eine gute Sache halten, meinen damit, dass es gut ist, in einer weniger insularen, weniger homogenen, dafür aber lebendigeren und kosmopolitischeren Gesellschaft zu leben. Es geht dabei also um kulturelle Vielfalt, Masseneinwanderung, offene Grenzen und eine offene Geisteshaltung.
Jene, die Multikulturalismus als politischen Prozess befürworten, meinen etwas anderes. Multikulturalismus bedürfe der öffentlichen Anerkennung und einer Affirmation von kulturellen Differenzen. Wir leben in einer Welt, so ihre Argumentation, in der tief verwurzelte Konflikte zwischen Kulturen existieren, die unterschiedliche, häufig nicht miteinander vereinbare Werte repräsentieren, die aber in ihrem eigenen Kontext ihre Gültigkeit besitzen. Soziale Gerechtigkeit erfordere nicht bloß, dass Individuen politisch gleich behandelt, sondern dass auch ihre kulturellen Überzeugungen als gleichberechtigt anerkannt und in der öffentlichen Sphäre tatsächlich institutionalisiert werden. Die amerikanische Philosophin Iris Young meinte dazu: "Gruppen können nur dann sozial gleichberechtigt sein, wenn ihre spezifische Erfahrung, ihre Kultur und ihr gesellschaftlicher Beitrag öffentlich anerkannt und bejaht werden."
Dieses Verschmelzen von gelebter Erfahrung und politischem Prozess hat sich als höchst unerfreulich erwiesen. Zum einen hat es vielen aus dem rechten Spektrum – und nicht nur diesen – erlaubt, die Probleme sozialer Kohäsion als Resultat der Masseneinwanderung darzustellen und Minderheiten zum Problem zu stilisieren. Zum anderen hat es viele Liberale dazu gezwungen, die traditionellen Vorstellungen von Freiheit zugunsten der Verteidigung der Vielfalt aufzugeben.
Ich halte es für gefährlich, diese beiden Konzepte voneinander zu trennen. Das Paradox des Multikulturalismus als politischen Prozesses besteht darin, dass er vieles von dem untergräbt, was an Vielfalt als gelebter Erfahrung wertvoll ist. Wenn wir von Vielfalt sprechen, meinen wir, dass es auf der Welt chaotisch zugeht, es überall Zusammenstöße und Konflikte gibt. Das ist durchaus in Ordnung, denn solche Zusammenstöße und Konflikte bilden die Grundlage für politisches und kulturelles Engagement.
Die Liberalen stellen sich nur sehr selten die Frage "Warum sollten wir Vielfalt schätzen?" Vielfalt ist nicht an sich wichtig, sondern weil sie uns ermöglicht, unseren Horizont zu erweitern, unterschiedliche Werte, Überzeugungen und Lebensstile zu vergleichen und einander gegenüberzustellen, sie zu beurteilen und zu entscheiden, welche besser und welche schlechter sind. Anders gesagt, Vielfalt ist wichtig, weil sie uns gestattet, uns auf einen politischen Dialog einzulassen, der eine universelle Interpretation von Staatsbürgerschaft ermöglichen könnte.
Gerade aber diese Debatten und Urteile sind es, die der Multikulturalismus als politischer Prozess im Namen von "Toleranz" und "Respekt" zu unterdrücken versucht. Das wirklich Wertvolle an der Vielfalt – die Zusammenstöße und Konflikte, die sie hervorbringt – ist das, was viele Anhänger des Multikulturalismus am meisten fürchten.
Dies ist einer der Gründe, warum sich so viele der jüngsten hitzigen Diskussionen über den Multikulturalismus um die Frage der Redefreiheit gedreht haben. Vom dänischen Karikaturenstreit bis zur Rede des Papstes liegt ihnen die Angst zugrunde, dass die uneingeschränkte Redefreiheit unlösbare Konflikte hervorrufe und daher eingeschränkt werden müsse. Die Liberalen haben beinahe axiomatisch die Idee akzeptiert, dass Redefreiheit an und für sich zwar gut sei, in einer pluralistischen Gesellschaft aber notwendigerweise weniger frei sein dürfe. Wenn inhomogene Gesellschaften funktionieren und gerecht sein sollen, müssen wir uns anderen Völkern, Kulturen und Standpunkten gegenüber respektvoll verhalten. Dies können wir aber nur, wenn wir gegenüber solchen Menschen intolerant sind, deren Ansichten andere kränken oder die damit tief verwurzelte moralische Grenzen überschreiten. Der britische Soziologe Tariq Modood meinte dazu: "Wenn Menschen im selben politischen Raum konfliktfrei miteinander leben sollen, muss jeder den Rahmen, innerhalb dessen er die Grundanschauungen einer anderen Kultur kritisieren darf, einengen." Eines der Paradoxa der pluralistischen Gesellschaft dürfte darin bestehen, dass die Erhaltung der Vielfalt uns dazu zwingt, der Meinungsvielfalt weniger Raum zu geben.
Ich halte das Gegenteil für richtig. Gerade weil wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, brauchen wir das größte Maß an Redefreiheit. In homogenen Gesellschaften, wo jeder wie der andere denkt, würde es keinen Sinn machen, andere zu kränken. In der realen Welt der pluralistischen Gesellschaften ist es unvermeidlich und wichtig, dass Menschen an die Empfindlichkeiten von anderen rühren. Unvermeidbar, weil dort, wo verschiedene tiefe Überzeugungen existieren, Konflikte unvermeidbar sind. Und wir sollten uns mit diesen Zusammenstößen auseinandersetzen, statt sie zu unterdrücken. Wichtig, weil jede Art gesellschaftlichen Wandels oder sozialen Fortschritts bedeutet, tief verwurzelte Empfindungen zu verletzen. Das Recht, "die Grundanschauungen des anderen einer Kritik zu unterziehen" ist der Kern jeder offenen, pluralistischen Gesellschaft. "Freiheit hat nur dann einen Sinn, wenn dazu auch das Recht gehört, anderen Menschen Dinge zu sagen, die sie nicht hören wollen", so einst George Orwell.
Aber sollten wir nicht auch dafür Sorge tragen, dass Minderheiten nicht vorsätzlich verunglimpft werden können? Obliegt es nicht jeder zivilisierten Gesellschaft, die Schwachen und Verletzlichen zu schützen? Sicherlich. Aber fragen Sie sich selbst: Wer profitiert am meisten von der Zensur? Nicht die Schwachen und die Verletzlichen, sondern vielmehr jene, die die Macht haben, Zensur aus zu üben – als auch ihrer bedürfen. Wer für Zensur eintritt, strapaziert oft das Argument, nur einige wenige könnten frei ihre Meinung äußern: die Medienbarone oder die Ministerien. Das Gegenteil ist der Fall. Die Macht der Zensur liegt in den Händen von einigen wenigen, die Fähigkeit zur freien Meinungsäußerung aber bei uns allen.
Dass wir in einer verkehrten Welt leben, zeigt sich, wenn einerseits viele Liberale Zensur als progressives Instrument verstehen und andererseits die Befürworter der freien Meinungsäußerung Minderheiten als größten Hemmschuh der Freiheit sehen. Ich habe vor kurzem an einer Diskussion über Muslime und Redefreiheit im britischen Fernsehen teilgenommen. Dabei trat ich für die freie Meinungsäußerung als Freund, nicht als Feind von Minderheiten, auch der Muslime, ein. Kein leichtes Unterfangen, denn die Diskussion polarisierte die Anhänger der Redefreiheit, die Muslime als das Problem sahen (das Publikum hatte letztlich über die Frage zu entscheiden "Stellen Muslime eine Bedrohung für die Redefreiheit dar?") und jene, die die Rechte der Muslime verteidigen wollten und umgekehrt Redefreiheit als das Problem verstanden.
Kenan Malik ist freier Schriftsteller, Vortragender und schreibt für Fernsehen und Rundfunk. Zu seinen Publikationen zählen: The Meaning of Race: Race, History and Culture in ...
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Übersetzung
Andrea Marenzeller
Original in Englisch
© Kenan Malik
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Veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Eurozine
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