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Magazin / Gesellschaft / Euro-Islam / Hintergrund | 02.05.2007

Der Ort der Religion im säkularen Europa

von José Casanova


Welche Rolle spielen die Religionen im Entstehungsprozess des neuen Europa? Die kulturelle Identität und das Selbstverständnis Europas müssen durch den Erweiterungsprozess neu bestimmt werden. José Casanova zeigt die Probleme auf.


Seit der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahre 1957, die die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft ins Leben riefen und den bis heute andauernden Prozess der europäischen Einigung in Gang brachten, sind die Gesellschaften Westeuropas in einem rasanten, tiefgreifenden und allem Anschein nach unumkehrbaren Säkularisierungsprozess begriffen.

Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee und der Turm der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim
Foto: AP


So gesehen, lässt sich von der Entstehung eines nachchristlichen Europa sprechen. Gleichzeitig aber haben der europäische Integrationsprozess, die Osterweiterung der Europäischen Union und die Ausarbeitung des Entwurfs einer europäischen Verfassung grundlegende Fragen aufgeworfen, die das Selbstverständnis Europas betreffen und insbesondere die Rolle, die das Christentum dabei spielt. Was macht "Europa" aus? Wie und wo sollte man die äußeren, territorialen und die inneren, kulturellen Grenzen Europas ziehen? Besonders umstritten und Ängste weckend sind die Fragen der Aufnahme der Türkei in die EU und der Integration der Einwanderer aus Gebieten außerhalb Europas, bei denen es sich, wie es der Zufall will, zum überwiegenden Teil um Muslime handelt.

Die - wenn auch in unterschiedlichem Tempo - fortschreitende Säkularisierung Europas ist eine unbestreitbare soziale Tatsache.[1] Eine wachsende Mehrheit der europäischen Bevölkerung hat aufgehört, an der traditionellen Religionsausübung (zumindest in regelmäßiger Form) teilzunehmen, wenngleich der Grad privater religiöser Überzeugungen relativ hoch bleibt. In dieser Hinsicht sollte man vielleicht von "Entkirchlichung" und religiöser Individualisierung statt von Säkularisierung sprechen. Grace Davie bezeichnet diesen Zustand Europas als "Glauben ohne Bindung".[2] Dabei verstehen sich freilich die Europäer selbst in den am stärksten säkularisierten Ländern zu großen Teilen immer noch als "christlich", was auf eine latente, unspezifische, unter der Oberfläche fortdauernde christliche kulturelle Identität hindeutet. Von daher behält auch Danièle Hervieu-Léger Recht, wenn sie umgekehrt den Zustand der Europäer als "Bindung ohne Glauben"[3] charakterisiert. "Säkulare" und "christliche" kulturelle Identität sind bei den meisten Europäern auf komplexe und selten artikulierte Weise miteinander verschränkt.

Soziologisch gesehen ist das interessanteste Problem nicht der fortschreitende Niedergang der Religiosität in der Bevölkerung Europas, sondern der Umstand, dass dieser Niedergang durch die Brille des Säkularisierungsparadigmas gesehen wird und deshalb von einem säkularistischen Selbstverständnis begleitet ist, welches den Niedergang als normal und fortschrittlich begreift, das heißt, als die quasi normative Implikation der Tatsache, ein moderner, aufgeklärter Europäer zu sein. Dieses säkulare Selbstverständnis, das die Eliten Europas mit den Leuten von der Straße teilen, macht aus der Religion und der dicht unter der Oberfläche liegenden christlich-europäischen Identität ein kompliziertes und verwirrendes Problem, wenn es darum geht, die äußeren geographischen Grenzen und die interne kulturelle Identität der im Entstehen begriffenen Europäischen Union zu bestimmen.

Welchen Ort die Religion im Entstehungsprozess des neuen Europa hat, möchte ich anhand von vier Fragen erörtern, die derzeit kontrovers diskutiert werden: der Rolle des katholischen Polen, dem Beitritt der Türkei, der Integration außereuropäischer Zuwanderer und dem Platz, der Gott oder dem christlichen Erbe im Text der neuen europäischen Verfassung zugewiesen werden soll.

[1] Vgl. David Martin, London 1978, und Andrew Greeley, London 2003.

[2] Grace Davie, Oxford 1994, und Oxford 2000.

[3] Danièle Hervieu-Léger, "Religion und sozialer Zusammenhalt in Europa", in: 26 (2003).

 

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José Casanova
Professor für Soziologie an der New School for Social Research in New York. Zu seinen Publikationen zählen: "Public Religions in the Modern World"
(1994) und ...
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Übersetzung
Ulrich Enderwitz

Original in Englisch

Erstveröffentlichung in Transit 27/2004 (German version)

© José Casanova
© Transit/IWM

Eurozine

Veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Eurozine

 

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