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Magazin / Gesellschaft / Europäische Öffentlichkeit / Interview | 28.01.2008

Das Informationszeitalter überleben


Geert Lovink, Medientheoretiker und Internetkritiker sprach in seiner Rede beim Workshop "Towards a European Public Sphere" von der Vertrauenskrise der Internetnutzer und neuen Architekturen des Wissens. Im Interview mit euro|topics vertieft er seine Standpunkte und erklärt, weshalb günstiger Tourismus, Migranten und Englisch die Zukunft Europas sind.


In den letzten zehn Jahren hat sich das Internet drastisch verändert. Welche Rolle spielen die Nutzer in diesem Prozess?

Wie bei allen anderen Produkten und Dienstleistungen können "Kunden" das Internet einfach ablehnen und nicht kaufen. Sie verfügen über genügend andere Kommunikationsmittel oder sind einfach nicht bereit für das Computerzeitalter, wie es z.B. bei der älteren Generation oder Kleinkindern der Fall ist.

Geert Lovink


Aber darauf wollen Sie wahrscheinlich nicht hinaus. Interessanterweise sprechen wir von Internetnutzern nie als Kunden. Es ist erstaunlich, wie geschickt die "Zugangsbranche" und später die Dotcom- und Web 2.0-Firmen die wirtschaftliche Seite des Internetgeschäfts in den Hintergrund gedrängt haben. Alles dreht sich um den Begriff "kostenlos". Tatsächlich zahlen wir als Internetkunden ca. 20-30 Euro im Monat, sehen diesen Betrag jedoch nie als Abonnementpreis, und denken auch nicht an die Hard- und Softwarekosten, sofern wir überhaupt über die Internetkosten nachdenken.

Vor der Erfindung des benutzerfreundlichen World Wide Web, und bevor der Durchschnittsbürger ungefähr im Jahr 1993 Zugang zum Internet erhielt, gab es genau genommen keine Nutzer. Jeder war praktisch sein eigener Systemadministrator, da man sich mit dem Betriebssystem Unix auskennen musste. Es gab keine grafischen Benutzeroberflächen. Die gesamte Bedienung erfolgte direkt in Form von Code von der Befehlszeile aus. Es gab kaum einen bzw. gar keinen Unterschied zwischen denen, die das technische Netzwerk betrieben, und denen, die es als Infrastruktur nutzten, um sich fern vom Rechner in einen Computer einzuloggen, der sich irgendwo anders in einem anderen Gebäude oder auf einem anderen Kontinent befand.

In der Anfangszeit des öffentlichen Internetzugangs waren eine entsprechende Ausbildung und Kundensupport unerlässlich. Modembanken fielen aus, und ganze Internet Service Provider (ISP) waren stundenlang offline. Mit der Umstellung von Einwahlverbindungen auf Breitband durch die ISP verbesserte sich der Internetzugang. Das Netz wurde nicht nur bedeutend schneller, sondern auch die Betriebssicherheit stieg. Dies wiederum ermöglichte die Verlagerung vom Kunden- zum Benutzerstatus. Zusammen mit der niederländischen Designerin Mieke Gerritzen hat der kalifornische Designkritiker Peter Lunenfeld ein Buch mit dem schlichten Titel "User" herausgegeben. Darin spricht Lunenfeld über die Verlagerung vom Betrachten zum Interagieren. Wir erwarten Aktivität, bzw. "Interpassivität", wie Slavoj Žižek und andere es nennen. Im Zeitalter des Web 2.0 dreht sich alles um frei verfügbaren "nutzergenerierten Inhalt". Jeder ist der Ökonomie des Amateurs unterworfen. Anders als noch vor zehn Jahren betrachtet man den Nutzer nicht mehr als "Augapfel", dessen Aufmerksamkeit die E-Commerce- und Webvertisement-Händler erregen müssen. Die Hauptaufgabe des Nutzers besteht heute darin, so viele Benutzerprofile wie möglich zu generieren und in den Netzwerken anderer Leute umherzustreifen. Ich würde noch nicht einmal sagen, dass Internetnutzer aufgrund des von ihnen generierten Inhalts interessant sind. Der "end luser" ist jemand, dessen soziale Medienspuren ausgenutzt werden.

In Ihrem Vortrag sprechen Sie davon, dass der Begriff des Wissens im Netz gerade neue Bedeutung erlangt. Indes haben viele User nur wenig oder gar kein Vertrauen in Internetquellen. Auf welchem Wege wird das Internet mehr Glaubwürdigkeit erlangen?

Ich kann nur raten, keiner Informationsquelle zu vertrauen, und zwar unabhängig vom jeweiligen Anbieter. Die Lehre des 20. Jahrhunderts sollte in einem enormen Misstrauen gegenüber allen Medienbotschaften bestehen. "Vertrauen Sie niemandem, noch nicht einmal mir". Wann immer wir ein Foto sehen, ob nun in einer Zeitung oder online, sollten wir uns des "Fotofuck"-Potentials bewusst sein. Im Photoshop-Zeitalter sind alle Bilder manipuliert. Das ist die Regel, nicht die Ausnahme. Es steckt kein Fünkchen Wahrheit in Bildern – aber das wussten wir bereits. Wir sollten nicht die Wahrheit auf irgendeinen Experten projizieren, bloß weil der oder die Betreffende ein Buch veröffentlicht hat. Die Vorstellung, dass jemand nur deshalb, weil er einen akademischen Grad hat, eine Medienberühmtheit oder ein Zeitungsjournalist ist, irgendeine höhere Autorität hat und daher unser Vertrauen verdient, ist schlicht und einfach irreführend. Anstatt alte Wissenshierarchien zu reproduzieren, um den Wogen von unbrauchbaren Meldungen zu begegnen, sollten wir unsere Bildung im Medienbereich weiter vertiefen. Durch weit verbreitete Skepsis lässt sich die Ignoranz überwinden - solange wir unsere ablehnende Haltung in die Kunst verwandeln, die richtigen Fragen zu stellen.

Wie können wir das Informationszeitalter überleben? Indem wir den Trend des Investitionsabbaus im Bildungsbereich umkehren. Darüber hinaus müssen wir die Privatisierung des Bildungsbereichs stoppen und ihn wieder zu einer zentralen öffentlichen Infrastruktur machen. Entweder, wir messen der Bildung die strategische Bedeutung zu, die sie verdient, oder aber wir halten den Mund und verwenden nicht einmal mehr Begriffe wie "Wissensgesellschaft". Tun Sie alles in Ihrer Macht Stehende, um zu verhindern, dass das allgemeine Bildungsniveau sinkt. Nur eine Massenreflexion wird uns retten. Das ist etwas anderes als die "Weisheit der Vielen". Und wir sollten die schwierigste aller Aufgaben – worauf können wir vertrauen und worauf nicht – nicht ausgliedern. Ist es nicht verrückt zu glauben, dass Papier vertrauenswürdiger ist als digitale Informationen? Die Tatsache, dass Redakteure in der Vergangenheit Informationen manipuliert haben, sollte uns alarmieren und nicht beruhigen.

Jürgen Habermas beschreibt das Internet als sekundären öffentlichen Bereich. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Habermas' Beschreibung des Internets als informeller öffentlicher Bereich, der sich der höheren Autorität formeller Medien (wie z.B. Verlage, Zeitungen und Magazine) fügen muss, ist letztendlich eine moralische Einschätzung, wie die Welt funktionieren sollte. Ich bin kein Guru, der die Weltherrschaft für dieses oder jenes Protokoll beansprucht. Beide Standpunkte sind durchaus berechtigt. Das Internet kann "sekundär" sein und gleichzeitig an Einfluss gewinnen. Denken Sie daran: Die Vernetzung ist nichts Spektakuläres. Und genau aus diesem Grund sind sich Intellektuelle und Theoretiker der grundlegenden Verschiebung der Machtverhältnisse, die sich derzeit vollzieht, nicht bewusst. Sie sitzen immer noch vor dem Fernseher und sehen sich die Abendnachrichten an. Schön. Vergessen wir nicht, dass sich auch Konzerne und Institutionen noch in der Anpassungsphase befinden. Es ist schwierig, Schritt zu halten. Die Einführung von Computernetzwerken in Unternehmen in den letzten zehn Jahren hat zu einer Veränderung der Arbeitsabläufe geführt, hat aber noch nicht die Ebene der Entscheidungsfindung erreicht. In dieser Zeit des Übergangs und der Konsolidierung erhalten wir verwirrende Antworten auf die Frage, ob die "neuen Medien" Teil der Mainstream-Kultur sind oder nicht. So gesehen ist Habermas' Vorschlag eine diplomatische Geste.

Medienunternehmer wie Rupert Murdoch werden als Bedrohung für die Freiheit der Medien und des Journalismus empfunden. Sie hingegen warnen vor Google und seinen Konsequenzen . Was ist der Unterschied zwischen Murdoch und Google, und welche besonderen Risiken birgt Google?

Wer sonst könnte diese Frage besser beantworten als der australische Medientheoretiker McKenzie Wark, der 2000 von Sydney nach New York zog. In den 1990ern schrieb er für Murdochs Zeitung The Australian. "Das Problem bei Murdoch ist, dass er den Inhalt seiner Medien kontrolliert, das Problem bei Google ist, dass sie es nicht tun. Google ist Medienkontrolle in seiner reinsten Form. Die Leute diskutieren darüber, wie Google die Seiten anhand seiner Algorithmen sortiert, aber das wirklich Interessante ist ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Inhalt. Googles Ansatz ist rein vektoriell. Sie wollen die Zusammenhänge zwischen Informationen – beliebigen Informationen – kontrollieren und folglich von ihnen profitieren. Sie können ihren Werbekunden eine Zielgruppe verkaufen, die nicht dadurch entsteht, dass interessanter Inhalt generiert wird, sondern dadurch, dass eine Verbindung zwischen einer Zielgruppe und dem, was sie für interessanten Inhalt hält, hergestellt wird. Bei Google hat man das übliche Geschäft von Medienunternehmen in die eigene Zielgruppe ausgelagert. Das ist die in Form der Macht über nichts weiter als ihre eigene Vermittlungsfunktion vollendete Inhaltslosigkeit der Medien." Wie McKenzie andeutet, sehen wir hier eine grundlegende Verschiebung unserer Definition der Medien -- und der Macht der Medien. In der Vergangenheit waren die Menschen auf Inhalte fixiert und haben mithilfe von Ideologiekritik oder Diskursanalyse die Macht der Gesellschafts- und Staatsmedien dekonstruiert. Heutzutage müssen wir uns mit der Architektur, die Netzwerken und Software zugrunde liegt, auseinandersetzen.

Sie erwähnten, dass es durchaus einen europäischen öffentlichen Bereich im Web gibt und dass er Züge einer "Easyjet-Kultur" annimmt. Was meinen Sie damit?

Es herrscht ein reger Austausch zwischen den Städten, der durch Billigfluglinien und europaweit verschickte Kurzmitteilungen, aber auch durch Hochgeschwindigkeitszüge und Autobahnen erleichtert wird. Wir lesen nicht viel darüber (außer in den Reisebeilagen), wie viel Spaß es macht, durch die Clubs zu ziehen und auf Ravepartys in Barcelona, Berlin und London zu gehen. Günstiger Tourismus ist die eigentliche Existenz Europas. Nehmen Sie nun noch das Europa der Wanderarbeiter hinzu, also den imaginären Bereich, den sich alle osteuropäischen Arbeiter unabhängig von ihrem Aufenthaltsort teilen. Wenn Sie von einem "öffentlichen Bereich" sprechen, denken Sie vielleicht an etwas anderes, aber ich will das Projekt Europa nicht auf offiziell anerkannte Intellektuelle reduzieren, die von Literatur als Teil der Auslandsbeziehungen sprechen. Wir müssen uns von den alten Formaten des "kulturellen Austauschs" verabschieden und die Anliegen und Interessen junger Leute einbeziehen. Natürlich stehen wir bei all dem vor dem Problem der Übersetzung. Die älteren Generationen beispielsweise scheuen sich vor einem kreativen Einsatz des Englischen. Für sie ist es nach wie vor ein Problem, dass Englisch die dominierende Weltsprache ist. Alex Foti aus Mailand formuliert es so: "In Europa gibt es eine postnationale Mischjugend, die aus Internet, Erasmus und urbaner Migration hervorgeht. Sie spricht oft "Europidgin", eine Kontinentalversion des Englischen, die MTV-Englisch mit lokalem Argot und aus sämtlichen Vororten der Welt stammenden Hiphop-Profanitäten vermischt. Das junge Europa des 21. Jahrhunderts ist auf radikale Weise pragmatisch: Englisch ist die im Internet, im Geschäftsleben und in der Popkultur vorherrschende Sprache, und die jungen Leute verwenden es auf kreative Weise, ohne sich Gedanken über nativistische Schlachten zu machen, in die alternde, vom Nationalstaat und seinem kulturellen Platz für ihre Macht abhängige Politiker ziehen."

Das Interview führte Julia Rosch.

 

© Bundeszentrale für politische Bildung

 

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