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Magazin / Gesellschaft / Fußball / Artikel | 04.06.2008

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von Juri Silvestrow


Die nächste Europameisterschaft wird 2012 von Polen und der Ukraine ausgetragen und ist damit die erste in Osteuropa. Eine ukrainische Perspektive auf das Großereignis.


Polen und die Ukraine pflegen, nach Phasen der nachbarschaftlichen Konflikte, wieder partnerschaftliche Beziehungen. Polen war der erste Staat, der die Ukraine im Jahr 1991 nach ihrer Unabhängigkeit anerkannt hat. Seit der Osterweiterung der Europäischen Union spielt Polen den Anwalt der Ukraine in Sachen europäischer Integration. Es ist daher nachvollziehbar, dass beide Länder die Austragung der Fußball-Europameisterschaft 2012 gemeinsam beantragt haben.

Foto: AP


Jetzt dürfen sich beide Länder in echter Partnerschaft üben: Im April 2007 erhielten Polen und die Ukraine die Zusage für die gemeinsame Austragung der EURO 2012, die damit zum ersten Mal in Osteuropa stattfinden wird.

Schritt nach Europa

So gut wie alle ukrainischen Politiker sind sich einig, dass die Ukraine, die auf eine EU-Mitgliedschaft hofft, damit einen soliden Schritt in Richtung Europa macht. Der amtierende Präsident Viktor Juschtschenko betonte, die EURO 2012 sei eine einmalige Chance für die europäische Integration der Ukraine. Alle Beamten der Ukraine seien aufgerufen, ihre Arbeit zur Vorbereitung der Europameisterschaft als Beitrag zur EU-Integration zu betrachten. Jewgenji Tscherwonenko, der Vorsitzende der ukrainischen Nationalagentur für die EURO 2012, ist sich sicher: "Die EM wird die Ukraine verändern. Danach werden wir ein Land mit neuen modernen Straßen, Flughäfen und Hotels sein. Dafür benötigen wir große Investitionen." Laut einer soziologischen Umfrage durch das polnische Meinungsforschungsinstitut TNS Obop im April 2008 geht ein Drittel der Ukrainer davon aus, dass die EURO 2012 zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beitragen wird.

Neue Infrastruktur

In den sechs ukrainischen Austragungsstädten für die EM-Endrunde – Kiew, Dnjepropetrowsk, Donezk, Lwiw sowie Odessa und Charkiw als Reservevarianten – müssen nun Stadien, Flughäfen, Hotels, Straßen und andere Einrichtungen auf EM-Niveau gebracht werden. Die Kosten für den Ausbau der Infrastruktur werden auf 20 Milliarden Euro geschätzt. Sie sollen zu 20 Prozent vom ukrainischen Staat und zu 80 Prozent von in- und ausländischen Unternehmen getragen werden. Über eine Milliarde Euro soll in die Modernisierung der Flughäfen gesteckt werden. Etwa fünf Milliarden werden für den Bau neuer Straßen gebraucht, eine weitere Milliarde für neue Eisenbahnnetze.

Kritischer Rückstand

Die infrastrukturellen Maßnahmen kommen jedoch auch ein Jahr nach der Vergabe nur sehr schleppend voran. Das Schienennetz ist marode, für eine Zugfahrt von 300 Kilometern benötigt man bis zu acht Stunden. Auch beim Bau der geplanten 3000 Kilometer Autobahnen und Schnellstraßen sind bislang nur wenig Fortschritte zu sehen. Ein Grund für den Verzug sind ähnlich wie in Polen die innenpolitischen Probleme. Die UEFA bemerkte dazu im Januar 2008 in einer offiziellen Erklärung: "Es ist offensichtlich, dass es im Jahr 2007 in beiden Ländern eine gewisse politische Instabilität gegeben hat. Es steht außer Frage, dass der Start von investitionsintensiven Projekten wie der Bau von Stadien, Flughäfen und Autobahnen unter dieser Instabilität gelitten hat." In der Ukraine sind nun drei Gremien für die EM zuständig, die bisher kaum eine gemeinsame Sprache finden und jeweils über die Vergabe der Geldmittel die Hoheit besitzen wollen: ein Koordinierungskomitee mit Präsident Juschtschenko an der Spitze, ein Organisationskomitee unter Premierministerin Timoschenko und eine für EURO 2012 geschaffene Nationalagentur. UEFA-Präsident Michel Platini setzte dem Land deshalb eine erste Frist, die schleppenden Infrastrukturmaßnahmen bis Sommer 2008 voranzutreiben.

Wer investiert wo?

Besser als die Modernisierung der Infrastruktur läuft allerdings der Stadionbau. Verschiedene europäische Unternehmen engagieren sich bei den EM-Vorbereitungen. So konstruiert das deutsche Bauunternehmen "Hochtief" ein multifunktionales Stadion mit 31.000 Plätzen in Dnipropetrowsk, das etwa 40 Millionen Euro kostet und im August 2008 eingeweiht werden soll. Das Stadion in Lwiw wird von der österreichischen Firma "Alpine Holding" für 85 Millionen Euro modernisiert und wird 28.000 Fans fassen. Das zentrale Stadion von Kiew, das für 85.000 Zuschauer ausgelegt ist, wird von einem taiwanesischen Unternehmen saniert. Allerdings wurden hier die Sicherheitsbestimmungen beim Stadionbau grob missachtet. Vor dem Haupteingang des Kiewer Stadions entstand ein großes Einkaufszentrum, das die Fluchtwege versperrte. Erst auf Intervention der UEFA veranlasste Präsidenten Juschtschenko den Abriss des noch halbfertigen Gebäudes.

Hoffnung auf Europa

Die Ukraine hofft durch eine funktionierende Ausrichtung des Turniers ein Stückchen näher an Europa heranzurücken. Gerade in Westeuropa ist das Land ein weißer Fleck auf der Landkarte. Das soll sich durch Millionen von Fans und eine hohe Medienpräsenz ändern. Und auch zu Polen sollen die partnerschaftlichen Beziehungen noch enger werden. Die gemeinsame Organisation einer der größten Sportveranstaltungen der Welt kann dafür eine gute Voraussetzung sein.

 
Juri Silvestrow
Juri Silvestrow, geboren 1960 in Ingulez, Ukraine, ist freier Journalist und Dolmetscher. Er lebt in Kiew. Von 2000 bis 2003 war er Presseattaché der Botschaft ...
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