Bereichsmenü: Magazin
Magazin / Gesellschaft / Homophobie / Debatte | 16.08.2007
Homophobie in Osteuropa
von Berthold Forssman
In weiten Teilen Westeuropas scheint Homosexualität gesellschaftlich akzeptiert zu sein. In einigen osteuropäischen Ländern hingegen sind Schwule und Lesben nach wie vor Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt. Kann die EU diesen Tendenzen entgegenwirken?
Die sexuelle Revolution der sechziger Jahre hat in Westeuropa Schritt für Schritt zu einer Entkriminalisierung und zunehmenden Akzeptanz der Homosexualität beigetragen. Spitzenpolitiker wie der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone, der von Paris, Bertrand Delanoë, oder der regierende Bürgermeister Berlins Klaus Wowereit bekennen sich heute zu ihrer sexuellen Orientierung.

Foto: AP
Immer mehr Länder erlauben eingetragene Lebenspartnerschaften, und es gibt prominente Beispiele für die so genannte "Homo-Ehe": die Hochzeit des Showstars Elton John etwa, die, so Patrick Sabatier in der französischen Libération vom 22. Dezember 2005, weder "erstaunlich noch schockierend" sei. Sie zeuge vielmehr davon, dass "das Recht der Homosexuellen, ihr Leben so zu leben wie andere auch, in die Normalität der demokratischen Gesellschaften Einzug erhalten hat".
Gespaltenes Europa
Deutlich problematischer ist die Lage dagegen für Schwule und Lesben in den meisten neuen EU-Staaten, denn Homosexualität wurde im Sozialismus als Krankheit oder gar als Verbrechen gesehen oder einfach totgeschwiegen. Gay-Pride-Paraden, die das neue Selbstbewusstsein der Homosexuellen deutlich zeigen, waren in den vergangenen Jahren oft Grund für Auseinandersetzungen in osteuropäischen Städten. Während der "CSD" (Christopher-Street-Day) in westeuropäischen Großstädten wie Köln, Madrid oder Stockholm inzwischen Volksfestcharakter hat, wurden ähnliche Paraden in Warschau, Riga oder Bukarest verboten, an den Stadtrand verbannt oder zum Schauplatz gewaltsamer Übergriffe.
Wie schwer Osteuropäern der liberale Umgang mit Homosexualität fällt, zeigt ein Kommentar von Priit Pullerits in der estnischen Zeitung Postimees vom 18. Juni 2007. Homosexualität solle besser nicht offen gezeigt werden, meint er: "Der Zweck der [Gay-Pride-]Parade ist das Demonstrieren von Exzentrik... Es geht hier um die lautstarke Verkündung sexueller Inhalte in der Öffentlichkeit. Sexuelle Präferenzen sind aber eine persönliche Angelegenheit, die man seinen Mitbürgern nicht unter die Nase reiben muss."
Einer Eurobarometer-Umfrage aus dem letzten Jahr zufolge befürworten zwar insgesamt 44 Prozent der EU-Bürger die Einführung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, doch ist dabei ein großes Ungleichgewicht zu erkennen: In den Niederlanden oder Schweden sind 82 beziehungsweise 70 Prozent für die europaweite Einführung der Homo-Ehe, in Polen sind es nur 17 Prozent, und das Schlusslicht bildet Lettland mit lediglich 12 Prozent.
Polen: Homosexualität als "ansteckende Krankheit"
Im katholisch geprägten Polen hat sich das geistige und soziale Klima seit Antritt der Regierung Kaczynski vor einem Jahr erheblich verschlechtert. Die Führung in Warschau mache kein Geheimnis aus ihrer homophoben Haltung, erklärte Ulrich Schmidt am 12. Juni 2006 in der Neuen Zürcher Zeitung. Auch Tomek Kitlinski und Stephane Symons kritisierten am 9. August 2006 in der belgischen Zeitung De Morgen die Politik Warschaus: "Die neue polnische Regierung ist extrem nationalistisch. Ihre Maxime ist: Polen den Polen, Frauen an den Herd, die 'Holebi' - Homosexuelle, Lesben und Bisexuelle - ab in die Hölle."
Einen absurden Höhepunkt erreichte diese Politik in den Augen vieler Beobachter beim Streit um die Teletubbies: Ewa Sowinska, Kinderbeauftragte der polnischen Regierung und Mitglied der ultrakonservativen Partei "Liga polnischer Familien" von Bildungsminister Roman Giertych, hatte ernsthafte Bedenken angemeldet: Die rote Handtasche des violetten Jungen Tinky-Winky könne ein Zeichen dafür sein, dass die Fernsehserie "unzulässige sexuelle Inhalte" propagiere.
Thomas Urban sah am 31. Mai 2007 in der Süddeutschen Zeitung dahinter mehr als nur eine Posse: Vielmehr gehe es "um die Idee in den Köpfen der Nationalkatholiken, dass Homosexualität eine Art Krankheit sei, an der man sich anstecken könne. In der Tat gehört der Begriff 'Homosexuellen-Propaganda' zum Standardvokabular nicht nur Giertychs, sondern auch der Kaczynski-Zwillinge."
Lettland: Debatte um einen "aufgezwungenen Lebenstil"
Ähnlich wie in Polen ist auch in Lettland immer wieder das Argument zu hören, Homosexualität sei ein vom Westen propagierter und aufgezwungener Lebensstil. Politiker wie Verkehrsminister Ainars Slesers, Vorsitzender der christlich-fundamentalistischen Partei LPP, seien offen homophob, schrieb Aivars Ozolins am 4. Juni 2007 in der lettischen Zeitungen Diena: "Slesers hält es für seine Hauptaufgabe, staatliche Gelder dafür einzusetzen, Hass und Intoleranz gegenüber Homosexuellen zu schüren und diese als Hauptfeinde des Staates zu diffamieren."
2005 wurde die lettische Verfassung geändert, damit die Ehe auch in Zukunft nur eine Institution für Mann und Frau bleibt. Gegner der homosexuellen Emanzipation argumentierten, man solle Homosexualität wie zu Sowjetzeiten unter Strafe stellen. Homosexuelle seien durch ihre Weigerung, Kinder zu gebären, schuld an der negativen demografischen Entwicklung Lettlands, zitierte Matthias Kolb in der Süddeutschen Zeitung vom 30. Mai 2007 eine gängige homophobe Ansicht aus der lettischen Hauptstadt.
Phoebe A. Greenwood analysierte am 1. Juni 2007 im britischen Guardian: "Homophobie wird zu einem Prüfstein für Politiker, die vom wirtschaftlichen Frust ablenken wollen." In Lettland und in Polen werde Homophobie mit Nationalismus und Anti-EU-Ressentiments verbunden, in Lettland werde sogar behauptet, Homosexualität habe vor dem EU-Beitritt gar nicht existiert.
Intolerantes Osteuropa?
Der Blick Westeuropas auf die neuen Beitrittsländer im Osten lässt diese oft als monolithischen Block erscheinen. Tatsächlich gibt es aber große Unterschiede: So hat beispielsweise das tschechische Parlament im vergangenen Jahr ein Gesetz über eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaften verabschiedet. In Ungarn kam es zwar auch in diesem Jahr zu blutigen Auseinandersetzungen am Rande der Gay-Pride-Parade, aber mit Staatssekretär Gábor Szetey outete sich zum ersten Mal ein hochrangiger Politiker.
Am 12. Juli 2007 forderte das größte estnische Nachrichtenportal Delfi, Estland solle nicht den Fehler begehen, sich das Etikett "homophob" einzuhandeln: "Die Behinderung des 'Pride' stellt Estland auf eine Ebene mit Staaten, in denen Homoparaden verboten werden oder in Gewalt ausarten. Das aber sind ganz gewiss nicht die Länder, mit denen Estland auf einer Stufe stehen möchte. Toleranz gegenüber Homosexuellen gehört zur Demokratie."
Zudem registrieren die Medien auch in Westeuropa wieder eine Zunahme homophober Tendenzen: In einem Dossier in der deutschen Zeit vom 21. Juni 2007 hielt Roland Kirbach fest, dass trotz großer gesellschaftlicher Akzeptanz der Hass auf Homosexuelle in der deutschen Gesellschaft wachse, Simon Barnes schilderte in der britischen Times vom 6. Oktober 2006 den Fußball und den Sport als "homophobe Bastion", und Martin Reichert wies in der deutschen tageszeitung auf antischwule Texte im Rap hin. Als im katholischen Italien ein Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft eingeführt werden sollte, gab es nicht nur politischen Widerstand dagegen, sondern auch eine große Gegendemonstration für die "Werte der Familie".
Signale der EU
Viele Homosexuelle in Osteuropa setzen große Hoffnungen auf die EU , die die Rechte von Minderheiten in allen Mitgliedsländern einfordert. Die Diskriminierung findet nicht mehr nur im Verborgenen statt, sondern wird europaweit beobachtet. So berichtete Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung vom 10. Juni 2006 kurz vor der Warschauer "Parade der Gleichberechtigung": "Kämen nicht Hunderte aus Berlin, Hamburg, London und den USA nach Warschau, würde sich wohl keiner darum scheren. Die europäische Öffentlichkeit hat man sich immer als Podiumsdiskussion ergrauter Philosophen vorgestellt und beklagt, dass es sie nicht gäbe. Jetzt entsteht sie, weil an der Wisla ein paar Schwule demonstrieren und feiern wollen."
Auch das EU-Parlament in Straßburg hat in zwei Resolutionen vom 18. Januar und vom 15. Juni 2006 zur Homophobie in Europa auf die Missstände in Ländern wie Polen und Lettland aufmerksam gemacht. Demonstrationsverbote, Hassreden von Politikern oder Kirchenvertretern oder juristische Maßnahmen gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften werden öffentlich benannt.
Solche Resolutionen werden in diesen Ländern als Eingriff in nationale Kompetenzen betrachtet. So gehören homophobe Äußerungen häufig auch zur Demonstration des nationalen Selbstbewusstseins gegenüber der EU. Die "Parade der Gleichheit" in Warschau 2006 wurde mit Rufen wie "Stoppt die Eurosodomie" und "Nein zur EU" gestört.
Dennoch dürfte es nicht zuletzt den Maßnahmen der EU zu verdanken gewesen sein, dass in Riga in diesem Jahr eine Parade stattfinden konnte und sie in Warschau relativ ungestört verlief, selbst wenn dies keinen endgültigen Durchbruch darstellt. Bereits im vergangenen Jahr schrieb Ulrich Schmidt in der Neuen Zürcher Zeitung vom 12. Juni 2006: "Der Einfluss des übrigen Europa ist spürbar geworden, und er wird künftig noch stärker werden. Tatsache ist, dass Polens Demokratie nicht gefährdet ist, dass die Medien frei sind und dass das Land keinen seiner Nachbarn gefährdet. Man wird wachsam bleiben müssen, und vor allem Minderheiten werden gut daran tun, ihre Rechte eifersüchtig zu hüten."

» zum Autorenindex
Original in Deutsch
© Bundeszentrale für politische Bildung
Weitere Artikel zu den Themen » EU-Politik, » Minderheiten, » Polen, » Lettland, » Europa
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » EU-Politik, » Minderheiten, » Polen, » Lettland, » Europa


