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Magazin / Gesellschaft / Migration / Debatte | 23.11.2007

Arbeitsmigration von Ost nach West

von Berthold Forssman


Millionen Menschen aus Osteuropa haben sich in der Hoffnung auf höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen nach Westeuropa aufgemacht. Welche Auswirkungen hat die Abwanderung für die osteuropäischen Länder, welche Folgen für Wirtschaft und Alltag in Westeuropa?


Erlebt Europa eine Art Völkerwanderung, fragte der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk am 20. Juli 2006 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Werden manche Regionen sich völlig entvölkern? So wie der Osten Polens, wie der Süden Italiens?"

Erntehelfer, aber auch immer mehr Hochqualifizierte zieht es nach Westeuropa.
Foto: AP


Der europäische Einigungsprozess hat zunehmend Binnenwanderung zur Folge: Viele Portugiesen arbeiten in Spanien, seit 2007 strömen Rumänen und Bulgaren nach Italien und Spanien, wohingegen Großbritannien und Irland seit 2004 besonders attraktiv für Polen, Letten oder Litauer geworden sind. Der Trend der binneneuropäischen Wanderung geht eindeutig von arm nach reich und von Ost nach West. Laut Eurostat hat allein die Zahl der Rumänen und Bulgaren, die im europäischen Ausland arbeiten, in diesem Jahr die Millionengrenze überschritten. Klaus Brill kam bereits am 25. Oktober 2006 in der Süddeutschen Zeitung zu dem Schluss: "Die Zahlen belegen, dass die heutige Migration in Europa ein unaufhaltsamer historischer Prozess ist, der durch das Ost-West-Gefälle angetrieben wird."

Westeuropa profitiert von Zuwanderung

Trotz aller Warnungen hat die Wirtschaft Westeuropas bislang von der Zuwanderung profitiert. Der britische Unternehmer Roland Rudd wies am 30. August 2006 im britischen Independent darauf hin, dass die große Mehrheit der Forschungen ergibt, dass Migration Vorteile hat: "Laut einer Studie zum Beispiel kann ein Bevölkerungswachstum durch Migration von einem Prozent ein Wachstum des BIP von 1,5 Prozent auslösen." Vor allem Branchen wie Gastronomie, Medizin, Landwirtschaft oder Einzelhandel rekrutieren ihren Bedarf an Arbeitskräften unter den Immigranten aus Osteuropa.

Immer mehr westeuropäische Länder sind inzwischen dem Beispiel von Großbritannien, Irland und Schweden gefolgt und haben ihre Arbeitsmärkte geöffnet, darunter Finnland, Portugal und Spanien. Der belgische Politikwissenschaftler Rik Coolsaet riet am 16. Juni 2006 in der Zeitung Knack zur Gelassenheit: "Immigranten und Einheimische sind keine Konkurrenten um dieselben Arbeitsplätze (soll heißen: sie nehmen uns nicht 'unsere' Arbeitsplätze weg). Natürlich verläuft Immigration nicht problemlos... Die heutige Situation ist nicht schlimmer als früher. Vor einem Jahrhundert wanderte ein Zehntel der Weltbevölkerung, heute sind es nur drei Prozent."

Arbeit – zu welchen Bedingungen?

Neben den wirtschaftlichen Vorteilen werden auch Schattenseiten der Migration deutlich. So drohen die billigen Lohnarbeiter aus dem Osten, die ortsüblichen Westtarife auszuhebeln und soziale Errungenschaften in Frage zu stellen. Die Arbeitskräfte aus Osteuropa werden dabei oft selbst ausgebeutet, stellte Paul Laverty bei den Recherchen für einen Film über das Schicksal polnischer Arbeiter in Großbritannien fest. Er schrieb am 24. September 2007 im Guardian: "Nachdem ich diese Geschichten gehört hatte, schien es auf einmal, als hätten sich all die Gesetze für Gesundheit und Arbeitsschutz in einer Rauchwolke aufgelöst, zusammen mit allen gewerkschaftlichen Errungenschaften aus den letzten 150 Jahren."

Oft übersehen Westeuropäer, dass die Abwanderung für die Staaten Osteuropas enorme Probleme mit sich bringt. Längst kommen nicht mehr nur Erdbeerpflücker und Spargelstecher, Bauarbeiter oder der berühmte polnische Klempner nach Westeuropa, sondern zunehmend auch Hochqualifizierte wie Ärzte, Architekten und Ingenieure. Besorgt stellte Liana Subtirelu am 1. Februar 2007 in der rumänischen Zeitung Gandul fest, dass kein Ende dieser Entwicklung abzusehen ist: "Inzwischen sind in Rumänien Firmen aufgetaucht, die Spezialisten rekrutieren. Die ersten kamen aus Großbritannien und suchten Zahnärzte. Dann kamen Firmen aus Frankreich... Das Gesundheitsministerium scheint wie gelähmt."

Arbeitskräftemangel in Osteuropa

In vielen von Abwanderung betroffenen osteuropäischen Ländern gibt es inzwischen Arbeitskräftemangel, der sich massiv verstärken könnte, wenn 2011 sämtliche EU-Länder ihre Arbeitsmärkte öffnen müssen. Der ehemalige ungarische Bildungsminister Zoltan Pokorni warnte bereits am 23. Dezember 2005 in der ungarischen Zeitung Népszabadság vor den Folgen: "Der Staat wird keine administrativen Mittel mehr in der Hand haben, die Abwanderung seiner besten Arbeitnehmer zu verhindern, kein Visum und keine Landesgrenzen im herkömmlichen Sinne mehr." Manchmal würden Auswanderer bereits als Vaterlandsverräter betrachtet, stellte Monika Bonckute am 26. September 2007 in der litauischen Zeitung Lietuvos rytas fest.

Die baltischen Länder haben inzwischen Gegenmaßnahmen ergriffen und rekrutieren selbst Arbeitskräfte aus dem Ausland. Allerdings sind die Löhne für Bürger aus den alten EU-Staaten nicht attraktiv genug, weshalb die Anwerbung von Arbeitnehmern aus noch ärmeren EU-Ländern, aus Gus-Staaten wie der Ukraine oder gar aus Fernost erfolgt. Aivars Ozolins warf am 12. September 2006 in der lettischen Zeitung Diena die Frage auf, was Länder wie Lettland Zuwanderern eigentlich zu bieten haben: "Lettland braucht keine Angst vor einem Massenzustrom bulgarischer Automechaniker und Bauarbeiter zu haben, ganz im Gegenteil: Wir können nicht einmal darauf hoffen, dass sich unser immer stärker spürbarer Arbeitskräftemangel durch den Zuzug aus anderen EU-Ländern verringert."

Werbeaktionen zur Rückholung ausgewanderter Arbeitskräfte seien bislang wenig erfolgreich gewesen, stellte die estnische Zeitung Postimees am 11. Oktober 2007 fest: "Der Arbeitskräftemangel ist so stark fühlbar, dass die politischen Führer endlich... einen Appell an die Hunderttausende von Wirtschaftsemigranten richteten." Statt allgemeine Appelle in die Welt zu schicken, so die Zeitung, solle die Regierung mehr Wert auf die Schaffung menschenwürdiger Lebens- und Arbeitsbedingungen im eigenen Land legen.

Die eigene Wirtschaft ankurbeln

Dennoch registrieren die osteuropäischen Staaten auch positive Auswirkungen der Abwanderung. Die Arbeitslosigkeit ist spürbar gesunken, die Löhne steigen, und damit wächst auch die Bereitschaft der Menschen, vor Ort eine Arbeit zu suchen. Letztendlich wird sich das Problem jedoch nur dauerhaft lösen lassen, wenn die osteuropäischen Länder nicht mehr nur durch Niedriglöhne Standortvorteile gegenüber Westeuropa versprechen, sondern ihre technologische Entwicklung vorantreiben und dadurch ihre Produktivität erhöhen.

Die estnische Zeitung Postimees forderte schon am 21. August 2006 dazu auf, die Probleme nicht durch Zuwanderung zu lösen, sondern die vorhandenen Arbeitskräfte besser zu bezahlen: "Der Erfolg der estnischen Firmen beruht nicht auf neuen Geschäftsideen, sondern auf der billigen Arbeitskraft. Und dann hören wir auch noch, dass es nicht möglich sei, das estnische Unternehmertum weiter zu entwickeln, weil es (infolge der starken Auswanderung) an Arbeitskräften fehle. Wenn aber die Leute nur die Wahl haben, ob sie einfache Arbeiten für einen niedrigen Lohn erledigen oder dieselbe Arbeit für mehr Geld anderswo machen, kann man ihnen keinen Vorwurf machen, wenn sie sich für die zweite Möglichkeit entscheiden."

Gibt es einen Annäherungsprozess?

Die Migration hat natürlich auch einen interkulturellen Aspekt. So haben polnische Arbeitnehmer in Großbritannien begonnen, sich in eigenen Gewerkschaften zu organisieren, britische Läden haben polnische Waren ins Sortiment aufgenommen, wie Magdalena Miecznicka am 19. Juli 2007 in Dziennik berichtete: "Die Polen im Ausland sind nicht mehr eine Nation der Sparer, die jeden verdienten Cent in den Strumpf stecken, um ihn dann nach Polen zu schicken. Wenn Borders in Birmingham, Dublin und in der Oxford Street in London polnische Bücher anbietet, ist das ein Zeichen dafür, dass sich die polnischen Emigranten eingelebt haben und sich mehr leisten können als Dosenfleisch. Ihre Mentalität hat sich verändert." Auch die polnischen Soziologen Miroslaw und Piotr Chalubinski sehen die Abwanderung darum positiv. Am 1. August 2006 schrieben sie in der polnischen Gazeta Wyborcza: "Die Migration aus Polen ist für viele Menschen eine Chance, sich aus einer für ihre Entwicklung negativen, manchmal pathologischen Umgebung herauszureißen und ihrem Leben eine sinnvolle Richtung zu geben."

Umgekehrt können nach Ansicht von Witold Gadomski auch die alten EU-Staaten wie Deutschland und Frankreich von ihren osteuropäischen Nachbarn lernen. Er hielt am 5. Mai 2007 in der polnischen Gazeta Wyborcza fest: "Zu einer wirklichen Integration der EU kommt es erst, wenn eine große Wanderung der europäischen Völker beginnt - in einem viel größerem Ausmaß als die heutige Arbeitsmigration aus Mitteleuropa."

 
Berthold Forssman
Dr. Berthold Forssman studierte Skandinavistik, Slawistik und Indogermanistik und arbeitet heute als freier Journalist, Übersetzer, Sprachenlehrer und Autor in Berlin. Er übersetzt unter anderem aus ...
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