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Magazin / Gesellschaft / Mobilität / Artikel | 07.05.2008
Heute hier, morgen dort
von Christoph Mayerl, Nikola Richter
Eineinhalb Millionen Studenten haben bereits mit Erasmus im Ausland studiert. Jetzt wird das über zwanzigjährige europäische Austauschprogramm finanziell und inhaltlich ausgebaut.
Zu dritt ein Wohnheimzimmer teilen: Das war für Martin Brand eine echt polnische Erfahrung. Der 24-jährige Politikstudent aus Berlin verbrachte 2006 mit einem Erasmus-Stipendium ein Wintersemester an der Jagellonien-Universität in Krakau, für ihn war es "der einfachste und unkomplizierteste Weg, um für eine kurze Zeit an eine ausländische Universität zu gehen".

Mehr als eineinhalb Millionen junge Erwachsene zogen seit 1987 mit dem Austauschprogramm in die europäische Fremde. Zur Auswahl stehen 31 Länder. Neben den 27 EU-Staaten sind Norwegen, Liechtenstein, Island und die Türkei dabei. Am beliebtesten ist Spanien, das jährlich etwa 25 000 Studenten aufnimmt. Es gilt nicht erst seit Cédric Klapischs Erasmus-Komödie "L'auberge Espagnole – Barcelona für ein Jahr" von 2002 als Party-Mekka. Deutschland liegt dagegen auf Platz drei der Beliebtheitsskala, nach Frankreich, aber vor Großbritannien.
Anekdoten und Erfolge
Er wäre gerne nach Großbritannien gegangen, sagt Martin Brand, aber auf einen Platz kamen damals 100 Bewerber. Seine Entscheidung für Polen – persönlich motiviert durch eine polnische Bekannte – bereut er aber nicht: "Mein Horizont hat sich erweitert, ich habe polnische Freunde gefunden und die Sprache mehr oder weniger gelernt." Zu seinen Auslandserfahrungen – "ohne die geht es ja heute nicht" – zählt er die Einblicke in ein anderes bürokratisches System. Als er seinen Studentenausweis verlor, musste er in der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza eine Verlustanzeige schalten lassen. Mit der Anzeigenrechnung in der Hand erhielt er einen neuen Ausweis von der Univerwaltung.
Solche Anekdoten gehören genauso zur europäischen Erfolgsgeschichte Erasmus wie die Tatsache, dass 60 Prozent der ehemaligen Teilnehmer ihren Auslandsaufenthalt als Vorteil bei der Bewerbung um ihren ersten Job ansahen. Und so freut sich Kommissionspräsident José Manuel Barroso über "ein konkretes Europa, ein Europa der Ergebnisse", Angela Merkel feiert "Europa hautnah" und Bildungskommissar Jan Figel' beschwört den Erasmus-Aufenthalt als "Wende im Leben tausender Jugendlicher".
Mitterand fing Feuer
In ihrer Champagnerlaune verschweigen die Politiker gerne, dass es Erasmus ohne die Hartnäckigkeit der Studenten niemals gegeben hätte. 1986 startete das Europäische Studentenforum AEGEE die erste transeuropäische Bürgerkampagne, um die Erasmus-Idee zu verwirklichen. In mehreren Staaten führten Studenten Gespräche mit Politikern, doch trotz des intensiven Lobbyings drohte das Projekt im März 1987 an der Gleichgültigkeit der Europapolitiker zu scheitern. Bis sich AEGEE-Führer Franck Biancheri beim Abendessen mit Francois Mitterand ein Herz nahm und den freundlichen Smalltalk am Tisch beendete. Biancheri wandte sich direkt an den Präsidenten, was einem Affront gleichkam. Doch Mitterand hörte zu – und fing Feuer. Schon am nächsten Tag sagte er den Medien, dass er "es inakzeptabel fände, wenn man nicht ein paar Millionen ECU für dieses Projekt auftreiben könnte". Noch im gleichen Jahr brachen die ersten 3 000 Studenten europaweit auf.
Erasmus wird global
Erasmus öffnet seine Pforten seit vier Jahren aber auch in die ganze Welt. Kern von "Erasmus mundus" ist die Förderung von herausragenden trilateralen europäischen Masterstudiengängen, für die Studierende aus Nicht-EU-Ländern sich um Stipendien bewerben können. Weiterhin ermöglicht es EU-Bürgern, an Partnerhochschulen in der ganzen Welt zu studieren. So sollen weltweit ausländische Talente angeworben und ausgebildet werden, um dem sich abzeichnenden Mangel an qualifizierten Arbeitskräften entgegenzuwirken. Denn bis 2015 wird Europa 12,5 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze auf höchstem und 9,5 Millionen auf mittlerem Qualifikationsniveau dazugewinnen.
Nur für Reiche?
Die Bildungsmobilität hat sich mit Erasmus zwar um ein Vielfaches erhöht, doch es bleibt noch viel zu tun. Weiterhin nehmen immer noch zu wenige Studenten teil. Nur jeder hundertste europäische Student nutzt das Erasmus-Angebot. Zwar werden jedem Teilnehmer die Studiengebühren im Gastland erlassen, viele Studenten aus ärmeren Ländern schrecken aber die Lebenshaltungskosten. Nur 150 Euro gibt es als Zuschuss im Monat, seit 1993 hat sich der Betrag nicht erhöht.
Eine Sonderauswertung zur jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) ergab: Studenten aus wohlhabenden Elternhäusern absolvieren doppelt so häufig einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland wie ihre weniger begüterten Kommilitonen. "Alle Studierenden müssen mobil sein, unabhängig von ihrer Herkunft oder dem Geldbeutel ihrer Eltern", fordert deshalb DSW-Präsident Rolf Dobischat.
Mehr Geld für die Zukunft
Die EU will nun nachbessern. Bis 2012 werden 3,1 Milliarden Euro locker gemacht, drei Millionen Studenten sollen damit in bald 45 Gastländern studieren und andere Kulturen kennen lernen können. Martin Brand erinnert sich noch immer daran, wie er seinem Mitbewohner deutsche Polenwitze erzähte und wie dieser ihn wiederum am 1. November, an Allerheiligen, zum Friedhof mitnahm und ihm Gräber von polnischen Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges zeigte.
Die europäische Wirtschaft kann sich über mehr mobile junge Arbeitskräfte nur freuen, denn derzeit gehen den europäischen Unternehmen durch mangelnde Fremdsprachen- und Landeskenntnisse ihrer Mitarbeiter elf Prozent der Aufträge verloren. Und auch wenn Englisch als Handelssprache weit verbreitet ist, so helfen beispielsweise für Geschäftskontakte mit Lateinamerika eher Spanisch, in Osteuropa eher Russisch, Deutsch oder Polnisch weiter. Und damit ist Martin Brand für die Zukunft gut gerüstet.

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Original in Deutsch
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