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Magazin / Gesellschaft / Mobilität / Interview | 07.05.2008

"Die fünfte Freizügigkeit"


Eine der wichtigsten Aufgaben der Europäischen Union ist es, allen europäischen Bürgern Bewegungsfreiheit innerhalb des EU-Gebiets zu ermöglichen. eurotopics-Redakteurin Nikola Richter befragte Ján Figel', den EU-Kommissar für allgemeine und berufliche Bildung, Kultur und Jugend, zur Lage der Bildungsmobilität in Europa.


euro|topics: Welche Bürger der EU sind besonders mobil, und warum?

Es ist schwierig, die unterschiedlichen Einstellungen zur Mobilität beispielsweise in Irland und Griechenland zu erklären. Wir haben möglicherweise einen besseren Einblick in die Studentenmobilität durch die Zahlen der Studenten, die am Erasmus-Programm teilnehmen. Im akademischen Jahr 2006/07 kamen die meisten Erasmus-Studenten aus Deutschland (23.884), Frankreich (22.981), Spanien (22.322) und Italien (17.195). Hinsichtlich des Anteils an der gesamten Studentenschaft sind jedoch die Studierenden aus Liechtenstein (6,9 Prozent) und Luxemburg (6.3 Prozent) die mobilsten, gefolgt von Österreich (1,6 Prozent), Tschechien (1,5 Prozent), Malta (1,4 Prozent) und Belgien (1,3 Prozent). Im Jahr 2006/07 nahmen ungefähr 0,8 Prozent aller Studierenden der EU31 am Erasmus-Programm teil.

Ján Figel'
Foto: Europäische Kommission


euro|topics: Warum sind Studenten kleinerer Länder mobiler?

Der Grund ist wahrscheinlich die Größe des nationalen Hochschulsystems, welche die Studenten dazu veranlasst, im Ausland zu studieren – in beiden Ländern mit den höchsten Mobilitätsraten gibt nur jeweils eine Universität. Die Studenten dieser Länder sind internationaler eingestellt, da die meisten davon ihr gesamtes Studium im Ausland ablegen. Hinsichtlich der größeren Länder könnten der hohe Bekanntheitsgrad des Erasmus-Programms, größeres Interesse am Studieren im Ausland auf Seiten der Studenten und mehr Unterstützung durch die Heimatuniversitäten mögliche Gründe für ein Auslandsstudium sein.

euro|topics: Warum sollte Bildung übertragbar und vergleichbar sein?

Die Vielfalt der Bildungs- und Ausbildungssysteme ist ein so wesentliches Merkmal der Europäischen Union, dass eine europaweite Angleichung niemals wirklich auf der Tagesordnung stand. Andererseits ist Mobilität ein ungemein wichtiges Merkmal der europäischen Bildungs- und Ausbildungstradition, das die Verbreitung von Ideen und Methoden ermöglicht – wiederum entscheidend für kulturelle Kreativität, wissenschaftliche Innovation und Technologietransfer. Dieser Umstand wurde von den Staats- und Regierungschefs der EU im vergangenen März durch den Ruf nach einer "fünften Freizügigkeit" anerkannt: der Freizügigkeit des Wissens. Die "Vier Freizügigkeiten" – freier Güter-, Kapital-, Dienstleistungs- und Personenverkehr – sind in den Verträgen der Europäischen Gemeinschaft verankert. Mit der fünften Freizügigkeit wollte der EU-Ministerrat ein Maßnahmenpaket bilden, das den Forschern das Leben einfacher macht und den Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Unternehmen verstärkt.

euro|topics: Junge Europäer sehen sich immer noch mit Hürden konfrontiert, wenn sie im Ausland arbeiten oder studieren wollen.

Es ist für junge Europäer schwierig, ihre Lernerfolge und Noten adäquat in einem anderen Land anerkannt zu bekommen. Also kann es sein, dass sie im Ausland keinen Job finden oder dass sie sich dagegen entscheiden, im Ausland zu studieren, weil sie Angst haben, ihr Abschluss würde nicht anerkannt. Neben großen Mobilitätsprogramen wie Erasmus, die jungen Lernenden einen klaren Rahmen und finanzielle Unterstützung für Mobilität bereitstellen, sollen daher andere Initiativen den Bürgern helfen, ihre Qualifikationen und Kompetenzen europaweit leichter verstehbar und einschätzbar zu machen – etwa Europass, der schon verabschiedete Europäische Qualifizierungsrahmen (EQF) oder das vorgeschlagene Europäisches Leistungspunktesystem für die Berufsbildung (ECVET).

euro|topics: Wie können Zeugnisse und Ausbildungsabschlüsse europaweit verglichen werden?

Das Europäische Parlament und der Rat haben vor kurzem den Europäischen Qualifizierungsrahmen (EQF) angenommen, dem eine Art Übersetzungsfunktion zwischen den – manchmal sehr unterschiedlichen – Ausbildungssystemen der Mitgliedstaaten zukommt. Er umfasst acht Abschlussniveaus, die von der Grundstufe bis zum fortgeschrittenen Doktorantenniveau reichen. Bis 2010 werden alle nationalen Qualifizierungsstufen an diese Ebenen angepasst. In der Folge werden ab 2012 alle neu akkreditierten Abschlüsse innerhalb der EU einen Verweis auf eines der acht Abschlussniveaus bekommen.

euro|topics: Und wie wird Bildung gemessen?

Der EQF konzentriert sich auf Lernerfolge – also auf das, was eine Person wirklich weiß und tun kann. Dies unterscheidet sich vom traditionellen Ansatz, der sich eher an der Länge des Studiums einer Person oder der Institution an der das Studium stattfand orientiert. Durch die Betonung von Lernerfolgen kann der EQF eine gemeinsame Sprache zwischen verschiedenen Bildungssystemen werden. Wenn ein dänischer Bewerber beispielsweise ein Zertifikat auf Abschlussniveau 6 hat, so sollte eine tschechische Universität seine Bewerbung für einen Kurs, der auf Niveau 7 ist, nicht aus formellen Gründen ablehnen, wie es heutzutage noch häufig der Fall ist.

euro|topics: Der Bologna-Prozess läuft nun schon neun Jahre, aber immer noch ist es schwierig, nach einem Abschluss das Land zu wechseln, um woanders einen Doktor zu machen.

Die Komplexität der nationalen Bildungssysteme soll reduziert werden, indem diese vergleichbarer und kompatibler gemacht werden. Genau das möchte der Bologna Prozess erreichen. Dies ist zwar ein langes und anspruchsvolles Unterfangen, aber die teilnehmenden Länder haben in den vergangenen Jahren bedeutende Fortschritte gemacht. Übrigens hat der Bologna-Prozess 46 Mitgliedstaaten – mit anderen Worten: Der Bologna-Prozess überschreitet die Grenzen der EU bei weitem und zeigt, dass diese EU-Initiative zur Reform des Hochschulsystems viele weitere Länder inspiriert hat.

 

Original in Englisch

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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