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Magazin / Gesellschaft / Mobilität / Kommentar | 07.05.2008

Das Erasmus-Klischee

von Gernot Wolfram


Warum es gut ist, manchmal die Harmonie zu durchbrechen. Ein kritischer Kommentar von Gernot Wolfram.


Ich bedauere es bis heute, dass ich mich während meiner Studienzeit nicht für das Erasmus-Programm beworben habe. Warum? Ich war damals skeptisch gegenüber dieser Wohlfühl-Verabredung, von der mir viele Erasmus-Studierende auf so genannten Erasmus-Partys erzählten. Es gab da dieses sanfte Wir-sind-alle-Freunde-Gefühl.

Foto: photocase


Einerseits gefiel es mir sehr, andererseits schien es nur eine Art Harmonie vorzugaukeln. Ich war ein höchst kritischer Anhänger des Erasmus-Klischees: "Alle sind zusammen und verstehen sich bestens." Und bis heute glaube ich, dass die Furcht vor unterschiedlichen Perspektiven, historischen Erfahrungen, Vorurteilen über andere Kulturen selbst in solch grenzüberschreitenden Austauschprogrammen wie Erasmus selten ausgesprochen wird. Dabei bieten genau solche Programme die Chance, diese Probleme auf den Tisch zu bringen. Man kommt keinen Schritt weiter, wenn alle nur darauf bedacht sind, der liebe Gast zu sein. Nur wer auch das Schwierige anspricht, wird wirklich verstanden.

Ein Beispiel: Vor kurzem saß ein junger Mann aus der Republik Mazedonien in einem meiner Seminare für internationale Studenten. Er setzte für die Publikation, an der wir arbeiteten, neben seinen Namen das Wort "Mazedonien". Mir fiel das noch nicht einmal auf. Bei der gemeinsamen Besprechung der Druckfahnen hatte niemand Einwände. Nach der Drucklegung erfuhr ich jedoch zufällig, dass einige griechische Seminarteilnehmer sehr verärgert waren. Ihrer Meinung nach dürfe sich nur die nordgriechische Region Mazedonien nennen, der Kommilitone hätte für sein Land bitteschön die offizielle Bezeichnung FYROM (Former Yugoslav Republic of Macedonia) verwenden sollen.

Warum hatten sie nichts gesagt und alles hinter der Tür abgehandelt? Weil es höflicher ist, weil es die Harmonie nicht stört. Im gegenseitigen Verständnis bringt es dagegen niemanden weiter.

 
Gernot Wolfram
Gernot Wolfram, geboren 1975 in Zittau, Autor und promovierter Kulturwissenschaftler, lebt und arbeitet in Berlin, zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt Herausgabe der "Kulturkarte Balkan: Albanien" (2008), verschiedene ...
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