szmtag

22.11.2008

euro|topics illustration
euro|topics
 

Navigation

Magazin / Gesellschaft / Monarchien / Debatte | 28.12.2007

Europas Monarchen müssen sich bewähren

von Sabine Seifert


Acht europäische Länder haben noch heute die konstitutionelle oder die parlamentarische Monarchie als Staatsform. König oder Königin gelten als Garanten von Demokratie und nationaler Einheit. Ist die Monarchie dieser Aufgabe gewachsen?


Die Institution Monarchie mag auf Menschen aus Ländern mit republikanischer Tradition und Verfassung antiquiert wirken, doch sind die Betroffenen meist zufrieden mit dieser Staatsform. "Monarchie ist altmodisch, unlogisch und undemokratisch. Sie passt nicht ins 21. Jahrhundert", brachte es der BBC-Journalist Jeremy Paxman auf den Punkt, als Stephan Frears' Film "The Queen" im März 2007 in die Kinos kam. Gleichzeitig beschreibt Paxman seine Wandlung zum skeptischen Royalisten, denn: "Es ist eine Tatsache, dass viele der glücklichsten und am wenigsten korrupten Gesellschaften Europas Monarchien sind."

Die königliche Familie bei der Parade anlässlich des belgischen Nationalfeiertags.
AP: Foto


Schwedischer Bürgerkönig

Zu diesen Gesellschaften zählen Dänemark, Schweden und Norwegen, die Wohlfahrtsstaat und Wirtschaftswachstum, Monarchie und Demokratie problemlos miteinander vereinbaren. "Die so 'gottlosen', aufgeklärten, Hierarchien verschmähenden Nordeuropäer hängen ganz offenkundig an ihren Monarchen", stellte Anne Rentzsch, Skandinavien-Korrespondentin des österreichischen Standard, am 20. November 2007 fest. "Gerade weil es im Grunde um rein gar nichts geht, eignen sich das holländische und die skandinavischen Königshäuser so wunderbar als Fixpunkte nationaler Identität und Ausgelassenheit", erklärte Tim Schleider schon 1997 in einem Artikel für die Deutsche Allgemeine Sonntagszeitung: "Die Menschen können ihnen zujubeln, eben weil sie wissen, dass dieser Jubel politisch nichts kostet."

Die Monarchen Skandinaviens, so Renztsch, nehmen ihre rein repräsentativen Aufgaben in einer "geglückten Mischung aus Volksnähe und Glamour" wahr. König Carl Gustaf von Schweden sei dabei der machtloseste dieser machtlosen Könige: Die Königskinder gehen auf normale Schulen, die Königsfamilie zahlt normal Steuern, für das bisschen Glamour sorgen nicht immer standesgemäße Hochzeiten und schnelle Autos und selbst der König ist ein (fast normaler) Bürger.

Mats Wiklund von der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter berichtete am 11. Juli 2007 von einer Umfrage, laut derer 64 Prozent aller Schweden es begrüßen würden, wenn ihr König mit 65 Jahren in Rente ginge. Wiklund kommentierte: "Das ist natürlich keine Misstrauenserklärung an die derzeit amtierende Majestät, sondern ein Reflex des schwedischen Gleichheitsdenkens. Carl Gustaf soll es so machen wie alle anderen."

Britische Kronjuwelen

Weniger volksnah gibt sich die britische Königin Elisabeth II, die seit 54 Jahren regiert und sich dennoch großer Popularität erfreut. Großbritannien, das Mutterland der Demokratie, ist eine stabile Monarchie. Der britische Politologe John Gray vertrat am 29. Juli 2007 im Observer die Überzeugung: "Die konstitutionelle Monarchie, wie wir sie heute haben – diese Mischung aus überholten Relikten und postmoderner Seifenoper –, mag einem absurd vorkommen, aber so kommt unsere vielfältige Gesellschaft ohne allzu große Reibungsverluste zurecht."

Auch der britische Filmregisseur Stephan Frears, der "The Queen" ein filmisches Denkmal gesetzt hat, kommt zu dem Schluss, dass die Institution Monarchie bei allen Widersprüchen gut funktioniert. In einem Interview mit Daniel Khafif erläuterte er im Januar 2007: "Was das Königshaus in jeder Epoche überleben lässt, sind die Gesetze der geteilten Macht, unserer parlamentarischen Monarchie: Divide et impera! Oder auch Macht durch Schwäche!... Die Königin ist nicht in der Exekutive, sie braucht nicht agieren, sie lässt agieren. Viel bequemer."

Für das Überleben der britischen Monarchie gibt noch weitere Gründe. Historiker vertreten die These, wie Laura Smith-Sparks im April 2006 in einer Sendung der BBC berichtete, die britische Aristokratie habe besonders früh Macht abgetreten, um ihre Privilegien zu retten. Und Tim Schleider wies in seiner Analyse auf eine andere britische Besonderheit hin: "Sieht man mal von einer Lichtgestalt wie Elizabeth I. ab, saßen über weite Strecken derart debile Gestalten auf Britanniens Thron, dass Ober- wie Unterhaus gar nichts anderes übrig blieb, als beständig mehr Verantwortung an sich zu ziehen, sollte das Land nicht gnadenlos im Chaos versinken... Neben dem konservativen Grundgefühl vieler Briten ist übrigens auch dies ein Grund, unbedingt am Königshaus festzuhalten - letztlich steht eben kein Grundgesetz, sondern die Person des Monarchen für die Demokratie."

König verteidigt spanische Demokratie

Als Garant für die Demokratie gilt auch Spaniens König Juan Carlos. Er kam 1975 nach dem Tod des spanischen Diktators Franco auf den Thron und verdankt seinen Ruf vor allem seinem Eingreifen beim Madrider Militärputsch von 1981. Peter Gaupp beschrieb am 12. Dezember 2007 in der Neuen Zürcher Zeitung das spanische Modell: "Zum Pakt der friedlichen 'transición' gehörte, dass der König sich aufs Repräsentieren beschränkte und das Regieren gewählten Politikern überließ." Im Gegenzug durften allerdings seine Person und Funktion nicht in Frage gestellt werden.

In jüngster Zeit weicht dieser Pakt auf: Im Jahr 2007 mehrten sich Stimmen, die fragten, ob dem König wirklich die Rolle des Staats-, und Armeechefs zukommt, wie Diane Cambon am 22. Oktober 2007 im französischen Figaro berichtete. Die Kritik kam von verschiedenen Seiten. Einerseits polemisierte der erzkatholische Radiosender Cope gegen den König, andererseits waren es vor allem regionale Nationalisten, die die Nationalflagge und das Konterfei des Königs öffentlich verbrannten.

Die konservative Tageszeitung ABC sah sich daraufhin berufen, am 27. September 2007 die spanische Monarchie zu verteidigen. "In einem Staat wie Spanien, der schwerwiegende Probleme mit dem Separatismus und einer unklaren Aufteilung seines Territoriums hat, sind solche Angriffe inakzeptabel - vor allem gegen eine Institution, die, mehr als jede andere, die historische Einheit der Nation verkörpert."

Belgien: Der König als Regierungsmacher

Die historische Einheit der Nation zu garantieren, wird auch vom belgischen König Albert II. verlangt. Das institutionelle Gleichgewicht Belgiens ist heikel: Es gibt nicht weniger als sechs Regierungen und Parlamente, auf eine nationale Regierung haben sich die zunehmend zerstrittenen Flamen und Wallonen seit vielen Monaten nicht einigen können. Dafür existieren auf wallonischer wie auf flämischer Seite antiroyalistische Bestrebungen, die mit separatistischen einhergehen. Manche Wallonen zieht es zum republikanischen Frankreich, in Flandern ist es vor allem der rechtsextreme Vlaams Belang, der König Albert II. als Repräsentanten Belgiens unter Beschuss genommen hat.

"Die Monarchie ist zur Klammer eines auseinanderdriftenden Staates geworden, der König zum wichtigsten, ja letzten wahren Belgier in einem Land, das keine gemeinsame Sprache hat und nicht einmal eine nationale Partei", beschrieb Hannelore Croll am 4. Dezember 2007 in der deutschen Zeitung Die Welt die Situation. Kein Wunder, dass vom König mehr erwartet wird, als über allen Interessen zu stehen - er soll sie zusammenbringen und helfen, eine Regierung auf die Beine zu stellen. Albert II. hat diesen Forderungen bislang kaum entsprochen: "Sein Debüt als Vermittler im aktuellen Polit-Drama ist allerdings kräftig misslungen", schrieb Croll.

Welche Konsequenzen das haben könnte, überlegte der Utrechter Jurist Marc Uyttendaele am 12. November 2007 in der belgischen Zeitung Le Soir und warf Albert II. vor, sich politisch instrumentalisieren zu lassen: "So mancher könnte versucht sein zu sagen, dass man sich eines Königs auch entledigen könnte, der nicht in der Lage ist, sich über die Debatte zu erheben und den streitenden Parteien eine andere Perspektive aufzuzwingen."

Ein gewählter Monarch in Bulgarien

Ob als Identifikationsfigur der Nation oder als Garant der Demokratie - nicht alle europäischen Länder mit monarchistischer Tradition haben sich in der Gegenwart für einen König entschieden. Zwar erwogen einige osteuropäische Länder nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, die Monarchie wieder einzuführen, umgesetzt wurde dies aber nicht. Allerdings kehrten einige exilierte Könige oder ihre Nachfahren in die Politik zurück und gründeten Parteien.

Von ihnen hat es der bulgarische Ex-König Simeon II. alias Simeon Sakskoburggotski in der Politik am weitesten gebracht: 2001 bis 2005 war er gewählter Premierminister seines Landes. Seine Partei, die "Nationale Bewegung Simeon II" (NSDW), war bis Ende 2007 Juniorpartner in der bulgarischen Großen Koalition. Dann allerdings zerstritt sie sich intern und verließ Anfang Dezember 2007 die Regierung.

Emil Spachijski kommentierte den Vorgang am 4. Dezember 2007 in der Tageszeitung Sega ungerührt: "Es hat sich gezeigt, dass nur der König Freiheit genießt, und zwar die Freiheit zu tun, was er will. Sakskoburggotski hat sich als Liberaler getarnt, er denkt und handelt aber wie ein König. Ich bin froh, dass Bulgarien keine Monarchie ist. Simeon Sakskoburggotski hat vier Jahre regiert. Nun gehört er zur Geschichte."

 
Sabine Seifert
Sabine Seifert war Redakteurin bei euro|topics. Sie studierte Gemanistik und Geschichte. Anschließend arbeitete sie als Kulturredakteurin bei der tageszeitung und als freie Journalistin für Radio ...
» zum Autorenindex

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

Weitere Artikel zu den Themen » Innenpolitik, » Europa
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Innenpolitik, » Europa


 

Bookmarken bei   del.icio.us    Digg!    YiGG.de    Webnews!    FURL    LinkARENA    Mister Wong    oneview   

Weitere Inhalte

THEMEN

PRESSESCHAU

Top-Thema vom 21.11.2008

Kleine Agrarreform der EU

Kleine Agrarreform der EU

Die EU-Agrarminister haben die Ausgaben für die gemeinsame Agrarpolitik neu verteilt. Die Direktzahlungen an die Landwirte werden gekürzt und die Milchquote soll sich bis 2015 jährlich erhöhen. Der europäischen Presse gehen die Ergebnisse des Treffens nicht weit genug.

» zur gesamten Presseschau

NEWSLETTER

Um den kostenlosen Newsletter zu abonnieren oder zu kündigen, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein:

TOP-THEMEN DER WOCHE

PRESSESCHAU-KALENDER

Mo Di Mi Do Fr Sa So
          1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30