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Magazin / Gesellschaft / Roma in Europa / Debatte | 02.10.2007
Roma in Europa
von Dirk Auer
Roma sind mit dem EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens zur größten ethnischen Minderheit in der Europäischen Gemeinschaft geworden. Schätzungsweise acht bis zehn Millionen Roma leben hier – die meisten in Osteuropa. Auf dem Papier sind sie gleichberechtigte Bürger, doch ihre soziale und politische Lage bleibt prekär.
"Ginge es nach Gesundheitsstandards, Ernährungsmängeln, Analphabetentum und Kleinkriminalität, gäbe es die Roma nirgendwo in Europa, sondern irgendwo in Afrika", schrieb angesichts der ersten EU-Erweiterungsrunde Christian Schmidt-Häuer im März 2004 in der Zeit.

Foto: AP
An der Gültigkeit dieser düsteren Beschreibung hat sich bis heute nicht viel geändert. Prinzipiell verpflichtet zwar die Kopenhagener Erklärung von 1993 alle EU-Mitglieder, die nationalen Minderheiten zu schützen. Tatsächlich lebt jedoch insbesondere in den osteuropäischen Ländern die überwiegende Mehrheit der Roma in bitterer Armut und ist von zentralen Bereichen der Gesellschaft wie Bildung, Arbeit und dem regulären Wohnungsmarkt ausgeschlossen.
Ghettoisierung und Segregation
Schon während der Zeit des Kommunismus gehörten Roma zu den am stärksten von Armut und geringen Bildungschancen betroffenen Bevölkerungsgruppen. Die staatliche Politik der Sesshaftmachung und Assimilierung, die kulturelle Besonderheiten als rückständig deklarierte, führte zur Entstehung segregierter Viertel. Doch mit dem Prozess der Transformation zur Marktwirtschaft sollte sich die Situation der Roma noch einmal erheblich verschlechtern. Roma waren die ersten, die aus den maroden Staatsbetrieben entlassen wurden, und die einsetzende Landflucht hatte ein weiteres Anwachsen ghettoisierter Roma-Siedlungen in den Städten zur Folge.
In Tschechien leben nach einer Studie des Prager Arbeits- und Sozialministeriums ein Drittel der Roma in abgeschlossenen Vierteln. "Diese Zahl", stellte Vojtech Blazek am 7. September 2006 in der tschechischen Zeitung Hospodarské Noviny fest, "überrascht auch die Experten, die bislang von einem Dutzend solcher Ghettos ausgingen." Die Kindersterblichkeit in den osteuropäischen Roma-Ghettos ist einem Bericht der Weltbank zufolge mindestens doppelt so hoch wie in der Mehrheitsbevölkerung. Dagegen liegt die Lebenserwartung zehn bis 15 Jahre unter dem gesellschaftlichen Durchschnitt.
Eine zentrale Ursache für die Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt ist die frühzeitige Diskriminierung von Roma-Kindern im Bildungsbereich. Vielfach werden sie in separaten Schulen untergebracht oder gleich Sonderschulen zugewiesen – oft weil die Eltern der Mehrheitsbevölkerung es ablehnen, ihre Kinder zusammen mit Roma-Kindern unterrichten zu lassen. Der ungarische Oppositionschef Viktor Orban hatte dafür im Februar 2006 in einer Rede Verständnis geäußert, aber auch scharfen Protest geerntet.
Roma-Dekade
Als Gegenreaktion auf solche Tendenzen haben die Weltbank und das Open Society Institute im Jahr 2005 die Dekade für Roma-Integration ins Leben gerufen. Sie gehen davon aus, dass Aktionspläne für eine gezielte Verbesserung der Lebensbedingungen von Roma die nationalen Grenzen überschreiten müssen. Das auf zehn Jahre angelegte Programm zielt auf den Abbau von Zugangsschranken für Roma in den Bereichen Bildung, Wohnen, Arbeit und Gesundheit. Für die konkrete Umsetzung sind die Regierungen der Länder Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, Rumänien, Serbien-Montenegro, Slowakei, Tschechien und Ungarn zuständig.
Von einer grundlegenden Verbesserung der Situation kann jedoch bislang keine Rede sein. Aufgeschreckt durch gewalttätige Zusammenstöße zwischen Skinheads und Roma im Sofioter Viertel Krasna Palyana schrieb der Schriftsteller Georgi Gospodinow im August dieses Jahres in der bulgarischen Tageszeitung Dnevnik: "Auch wenn wir seit Jahrzehnten im gleichen Land leben, so haben wir auf die Roma immer herabgeschaut, ihr Platz war irgendwie immer nur in der Ecke."
Die Schizophrenie des Westens
Ähnliche Diskussionen gibt es auch in westeuropäischen Ländern. In Italien wurde Mitte August dieses Jahres heftig über die Lebensbedingungen der Roma gestritten, nachdem bei einem Feuer in einem Lager nahe der Ortschaft Livorno vier Roma-Kinder ums Leben gekommen waren. Die Probleme von Arbeitslosigkeit und Kriminalität, kommentierte Gad Lerner in der italienischen Zeitung La Repubblica am 13. August 2007, führten zu "einer Verallgemeinerung, die in Bezug auf jedes andere Volk unfassbar wäre: Sie gelten alle als schuldig. Aufgrund ihrer Lebensart, aufgrund ihrer kulturellen Tradition." Und der Sprecher der betroffenen Gemeinde Sant'Egidio, Mario Marazziti, klagte einen Tag später in La Stampa: "Der Westen hat die Vernichtung der Zigeuner im Zweiten Weltkrieg noch nicht aufgearbeitet. Aber 300.000 bis eine halbe Millionen von ihnen sind in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht worden (schon die ungenaue Zahl zeigt die Gleichgültigkeit der Historiker)."
Eine "merkwürdige Schizophrenie" in der europäischen Politik gegenüber den Roma stellt die ungarische Soziologin Angela Kocze fest. Die EU mahne einerseits mit Blick auf die neuen Mitgliedsländer die Einhaltung von Minderheitenrechten an, richte diese Forderung aber nicht an die alten Mitgliedsstaaten: "Unter den EU-Mitgliedsstaaten herrscht nicht einmal Konsens darüber, wie der Begriff der nationalen Minderheit definiert werden soll, beziehungsweise ob Einwanderer mit einer eigenen Kultur - Araber, Türken, Kurden oder Roma – dazugehören."
Exodus im Kosovo
Die Lage der Roma in Europa ist aber ausgerechnet in der Region am prekärsten, die seit acht Jahren unter Verwaltung der Vereinten Nationen steht: im Kosovo. Kurz nach Ende des Kosovo-Krieges und zum Teil vor den Augen der bereits stationierten Nato-Truppen setzten nationalistische Albaner ganze Roma-Siedlungen in Brand . Von den ehemals 150.000 Roma leben heute nur noch etwa 30.000 im Kosovo – oft in provisorischen Flüchtlingsunterkünften. Von dieser, laut European Roma Rights Centre "größten Tragödie für die Roma seit dem Zweiten Weltkrieg", ist wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Und sie spielt auch bei den derzeit laufenden internationalen Verhandlungen um den zukünftigen Status der südserbischen Provinz keine Rolle, wie Stephan Müller, ehemaliger OSZE-Minderheitenbeauftragter im Kosovo, am 22. Februar im österreichischen Standard kritisierte.
Kulturelle Anerkennung
Obwohl Roma in Europa struktureller Ausgrenzung und Diskriminierung ausgesetzt waren, wurden ihre Leistungen als Musiker zugleich geachtet:. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus erlebt die Roma-Musik eine neue Welle der Anerkennung. Zeitgenössische Roma-Bands beschränken sich nicht auf Traditionspflege, sondern mixen ihren Stil mit Flamenco, kubanischen Rhythmen und Jazz-Elementen oder arbeiten mit westlichen DJs zusammen, die die Musik der Roma mit House- oder Dub-Remixen kombinieren.
Jenseits von Armut und Diskriminierung wird derzeit insbesondere im Kulturbereich die Frage nach einer Roma-Identität neu gestellt. Bei der Biennale in Venedig gab es in diesem Jahr zum ersten Mal einen Pavillon, in dem Kunst von in mehreren europäischen Ländern lebenden Roma ausgestellt wurde. Mit dabei war der derzeit wohl bekannteste Roma-Künstler Daniel Baker aus Großbritannien. "Ich bin ein Roma, das ist keine Frage, aber ich bin gleichzeitig ein Engländer. So geht es uns allen, oder?", erklärte er am 8. August 2007 im Interview mit Ágnes Bihari für die ungarische Népszabadság: "Ich male nicht auf Leinwände, sondern auf Spiegelflächen. Sie weisen auf den imaginären Ort hin, den die Gesellschaft den Roma zugedacht hat."
Nation ohne Staat
Für die europäischen Mehrheitsgesellschaften waren die Roma immer auch eine Projektionsfläche: Sie verkörperten die Sehnsucht nach bindungslosem Umherziehen und der Flucht aus bürgerlichen Zwängen. So ist es nicht verwunderlich, dass der Journalist Antoine Maurice am 31. August 2006 in der Schweizer Zeitung Tribune de Genève die Roma als Inbegriff eines globalisierten Volkes beschrieb: "Ohne die Sehnsucht nach einem eigenen Staat sind sie als echte Globalisierte Teil verschiedener Kulturen, ohne jemals ihre Zigeuner-Identität zu verlieren."
Die Roma selbst setzen politisch andere Prioritäten. Zunächst einmal heißt das Ziel, gleichberechtigte Bürger Europas zu werden. Strittig ist allerdings, ob sie diesen Kampf in den einzelnen europäischen Staaten führen sollen, in denen sie nationale Minderheiten sind, oder ob sie sich gleich zu einer transnationalen Nation formieren sollen. Können und wollen aber die Roma überhaupt eine Nation werden?
"Bislang zieht kein Roma-Aktivist einen solchen Schritt in Betracht", erklärte der deutsche Historiker Wolfgang Wippermann in einem Beitrag vom 9. Februar 2007 für die deutsche Wochenzeitung Freitag. "Doch die Vorstellung kursiert, einen nicht-territorialen Roma-Staat auszurufen und die Anerkennung der Roma als einer der constituent nations of Europe (also einer europäischen Nation) voranzutreiben. Vielleicht sind die Roma klüger als alle anderen europäischen Völker, indem sie das Stadium der Nation überspringen und gleich zu Europäern werden."

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