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Magazin / Gesellschaft / Roma in Europa / Artikel | 02.10.2007
"Zigeuner" und Juden in der Literatur nach 1945
von Mona Körte
Der "Zigeuner" und der Jude sind gängige Projektionsfiguren für das "Andere" oder das unverstandene "Fremde" einer Gesellschaft. Die ihnen zugeschriebenen Merkmale werden zu den typischen Eigenschaften ihres ganzen Volkes stilisiert.
"Zigeuner"-Darstellungen
Die rassige Carmen, bunte Zigeunerwagen, wilde Zigeunermusik, die unheimliche Wahrsagerin, der Dieb oder der arbeitsscheue Vagabund sind traditionelle und bis heute wenig hinterfragte Typisierungen des "Zigeuners" bzw. der "Zigeunerin" in der Literatur und anderen Künsten.

Foto: AP
Reduziert auf ihre Funktion als spannungserhöhende und die Handlung vorantreibende Instanz, gehören sie seit dem 18. Jahrhundert zum Figurenbestand der populären Literatur (der Sagen, Märchen, Balladen, Schauerromane und Abenteuergeschichten). Neben den klassischen Behandlungen des Zigeunerstoffes diente der vagabundierende Fremde als bloße Randfigur einer exotischen Kulisse. Nach 1945 steht er mitunter als Protagonist im Zentrum des Geschehens.
Seit Jahrzehnten erfreuen sich Geschichten mit vorverurteilenden Erzählungen über "Zigeuner" aus aller Welt einer ungebrochenen Konjunktur. Manche der dort versammelten Erzählungen fanden gar Eingang in die Schulbücher, wie etwa Wolfdietrich Schnurres Kurzgeschichte "Jenö war mein Freund" (1958). Dieser Klassiker der Jugendliteratur geriet ins Kreuzfeuer der Kritik, da Schnurre in wohlmeinender Absicht - die Geschichte endet mit der Deportation und einer Anspielung auf den Völkermord an den Sinti und Roma - in der Figur Jenö die positiven wie negativen Klischees vom schlitzohrigen und stehlenden Zigeunerjungen fortschreibt.
Erzählt wird die Geschichte einer Freundschaft zwischen dem jugendlichen Ich-Erzähler und dem Zigeunerjungen Jenö, dessen "Leute in ihren Wohnwagen" hausen und wie die Großmutter "unglaublich verwahrlost" sind. Eigentlicher Held der Geschichte ist der geliebte Vater des Ich-Erzählers. Obwohl seine Vorurteile bestätigt werden, klagt der Vater nicht, als nach Jenös Besuch ein Barometer und bald auch einiges mehr fehlt. Im Kontakt mit Jenö tauscht der Vater die anfänglich "zigeunerfeindliche" Haltung lediglich gegen eine "zigeunerfreundliche" ein, die die von Schnurre beschriebene Anders- und Fremdartigkeit im Ganzen unverstanden lässt. Das Verhalten des Zigeunerjungen, der Igel verspeist und Kinderspielzeug klaut, wird mit den "anderen Sitten" entschuldigt, der Junge aber bleibt auf seine Fremdheit reduziert und darin ohne persönliche Dynamik. Mangelnde Reflexion und fehlendes Problembewusstsein lässt Schnurre auch darin erkennen, das sein Zigeunerjunge nicht Romanes, sondern die auf das Mittelalter zurückgehende Gaunersprache Rotwelsch spricht. Diese weist Jenö als Nachfahren der so genannten Jenischer aus, bei Schnurre gehört er also irrtümlich der ethnischen Gruppe der Sinti und Roma an.
Die kritische Rezeption derartiger Erzählungen tat stereotypen Zigeunerdarstellungen keinen Abbruch. In dem 1990 erschienenen Buch "In meiner Sprache gibt es kein Wort für morgen" beispielsweise kombiniert die Autorin Elisabeth Petersen beharrlich fortbestehende und mit der Realität der Sinti und Roma unvereinbare Mythen wie den vom unbeschwerten Zigeunerleben und von zwanghafter Mobilität, verbunden mit der Unterstellung, Sinti lebten nach Art von Kindern in der puren Gegenwart und hätten daher kein "Wort für morgen".
Judendarstellungen
Ungleich der Figur des "Zigeuners", dessen Bildervorrat in der Literatur nach 1945 unverändert geblieben ist, existieren nach dem Holocaust neben den alten Stereotypen der "schönen Jüdin" und dem "gewissenlosen und geizigen Juden" auch neue.
Neu an den zunächst wenigen literarischen Judenbildern seit 1945 ist die Reduktion des Juden auf ein schutz- und wehrloses Opfer, wofür Bruno Apitz' Roman "Nackt unter Wölfen" (1958) ein Beispiel ist. Im Zentrum des Romans steht ein kleiner jüdischer Junge, der von Auschwitz nach Buchenwald geschmuggelt und dort von kommunistischen Häftlingen versteckt und gerettet wird. Die Konzentration auf ein Kinderschicksal ist ein bewährter Kunstgriff, bei dem, weil das Grauen "verkleinert" wird, die Sympathie und Identifikation der Leserschaft gewiss scheint. Nicht das Ausmaß der Vernichtung ist zentral und drängt ins Bewusstsein, sondern die Tatsache, dass ein Kind leiden muss.
Schwieriger ist das Werk von Alfred Andersch zu beurteilen, der wie kein anderer Nachkriegsautor Judenfiguren zum Thema gemacht hat. In seinem Roman "Efraim" (1967) führt er einen deutsch-jüdischen Intellektuellen als Ich-Erzähler ein, der - vom frühen Exil und der Ermordung der Eltern in Auschwitz geprägt - nach Berlin kommt, um nach seiner Kinderfreundin Esther zu suchen. Während Efraim zu Beginn von Esthers Tod überzeugt ist, hat er am Ende Grund zu der Annahme, dass sie bei Nonnen überlebt hat. Einerseits zeigt sich in Anderschs jüdischer Figur ein Hang zur Bagatellisierung der Ereignisse - als jüdische Figur darf Efraim ungestraft über die Zufälligkeit des Holocaust räsonieren; auch lässt sein Buch eine Faszination an der fragwürdigen Verbindung von "Kitsch und Tod" (Saul Friedländer) erkennen. Andererseits beschwört er die antisemitische Legendenfigur des "ewigen Juden" herauf, um dessen mythisches Schicksal als unzeitgemäßes Gegenmodell zu seinem differenziert entworfenen und sehr lebendigen Ich-Erzähler zu markieren.
Dr. Mona Körte, geb. 1966, studierte Germanistik, Komparatistik, Psychologie und Soziologie in Frankfurt a. M. und Berlin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Assistentin am Zentrum für ...
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Original in Deutsch
Erstveröffentlichung in Informationen zur politischen Bildung, Heft 271 "Vorurteile"
© Bundeszentrale für politische Bildung
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