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Magazin / Gesellschaft / Vielsprachigkeit / Debatte | 16.04.2008

Babel Europa

von Nina Diezemann


Vielsprachigkeit ist eine Besonderheit der EU, erschwert aber gleichzeitig die Verständigung. Soll sich Europa auf Englisch als Verkehrssprache einigen oder braucht es vielmehr die Förderung jeder einzelnen Sprache?


Die EU hat seit dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens 23 Amtssprachen. Zählt man Minderheiten- und Regionalsprachen sowie zahlreiche Dialekte hinzu, ist die Sprachenvielfalt noch viel größer. Der Sprachwissenschaftler Wolfgang Schulze geht von über 200 Sprachen in Europa aus.

Foto: Photocase


"Die sprachliche Vielfalt in der EU ist... ein großer Schatz", schrieb die spanische Tageszeitung El País am 4. März 2008. Das sieht auch die EU so, die seit 2007 mit dem Rumänen Leonard Orban sogar einen EU-Kommissar für Vielsprachigkeit hat.

Doch die Vielsprachigkeit führt auch zu großen Verständigungsschwierigkeiten innerhalb Europas. Timothy Garton Ash sah darin am 18. Oktober 2007 im Guardian ein Hindernis für die Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit und damit eine Verstärkung der Demokratiedefizite der Union. "Im Zentrum von Europas Demokratieproblem steht nicht Brüssel, sondern Babel", schrieb er. Viele plädieren daher für den allgemeinen Gebrauch des Englischen als europäische Lingua franca.

Sprache und Identität

Doch nicht nur für die europäische, auch für die persönliche Identität spielt Sprache eine große Rolle. "Sprachpolitik berührt zwei wunde Punkte: die Identität und die Gefühle. Eine Einigung auf eine gemeinsame Währung ist folglich leichter als die Einigung auf eine gemeinsame Sprache", formulierte die portugiesische Europa-Parlamentarierin Edite Estrella am 10. Dezember im portugiesischen Diário de Notícias das Problem.

Gerade für die kleinen Länder ist die eigene Sprache sehr wichtig. Wessen Sprache EU-Amtsprache ist, so die Annahme, wird ernst genommen und hat auch Einfluss in der EU. Doch die Politik der Vielsprachigkeit nimmt bisweilen absurde Züge an.

Eine Frage des Prinzips

So zählt etwa das Irische, das Gälische also, zu den Amtsprachen der EU. In Irland selber wird es zwar staatlich gefördert, allerdings kaum im Alltag verwendet. "Wer Irisch spricht, wird oft mit Kommentaren bedacht oder mit Missachtung gestraft", bedauerte der Irisch-Dozent Alan Titley am 1. Dezember 2006 in der Irish Times. Und Mary Regan berichtete am 21. Januar 2008 im Irish Examiner, knapp die Hälfte der irischen EU-Parlamentarier würden diese Sprache gar nicht benutzen, im europäischen Parlament seien zusammengerechnet bislang nicht einmal 30 Minuten Irisch gesprochen worden.

Ähnliches gilt auch für das Maltesische, das ebenfalls den Status einer EU-Amtsprache hat, obwohl das Land offiziell zweisprachig ist: neben maltesisch wird englisch gesprochen.

Der Übersetzungswahnsinn

Eine Folge der Förderung von Vielsprachigkeit ist ein enormer Übersetzungsaufwand in der EU. Zwar wird nur noch bei zentralen Treffen des Rates oder der EU-Kommission in alle Sprachen gedolmetscht, aber im Europaparlament halten die Abgeordneten ihre Reden meist in ihrer eigenen Sprache. Eine Milliarde Euro kosten die Übersetzungsdienste jährlich.

"Diese Milliarde Euro sichert die Gleichberechtigung aller Sprachen der EU allerdings nur auf dem Papier", kritsierte Vinko Ošlak im slowenischen Dnevnik am 3. August 2007. "In der sprachlichen Realität haben wir es mit einer ähnlichen Situation zu tun, wie sie einst im Habsburger Reich herrschte, als Deutsch die dominierende Sprache war. In der EU ist es heute eben das Englische."

Was Ošlak kritisiert, sieht Paul Geudens positiv: "Englisch als europäische Arbeitssprache wäre... viel effektiver und würde sparen helfen", schrieb er in der belgischen Gazet van Antwerpen am 7. September 2006, nachdem der EU-Parlamentarier Alexander Stubb einen Bericht zu den Übersetzungsausgaben in EU-Parlament, Kommission und Rat vorgelegt hatte.

Dominanz des Englischen

Doch die Dominanz des Englischen wird in vielen Mitgliedsländern sehr kritisch gesehen, die eigene Sprache scheint bedroht.

In Schweden wird derzeit debattiert, ob das Schwedische verstärkt gefördert werden sollte, denn: "In bestimmten Kreisen – vor allem bei Menschen mit höherer technischer, medizinischer und naturwissenschaftlicher Ausbildung – ist das Schwedische fast vollständig durch Englisch ersetzt worden", konstatierte das Sydsvenska Dagbladet am 19. März 2008.

Besonders skeptisch gegenüber dem Englischen ist man traditionell in Frankreich. "In zehn Jahren ist die Zahl der Dokumente der EU-Kommission, die ursprünglich auf Französisch abgefasst waren, von 40 auf 14 Prozent gesunken. In der gleichen Zeit ist die der englischsprachigen von 45 auf 75 Prozent gestiegen", beklagte der französische Schriftsteller Olivier Poivre d'Arvor am 18. März 2008 im französischen Figaro. Der Sprachwissenschaftler Bernard Cerquiglini erklärte gar das Nein seiner Landsleute zur EU-Verfassung mit dem schwindenden Einfluss des Französischen in den EU-Institutionen: "Die Vorstellung eines englischsprachigen Europas stößt die Mehrheit der Franzosen ab... Man kann anhand des Referendums den französischen Verdruss ermessen."

"Broken English"

Die Verständigung auf das Englische aus praktischen Gründen, hat aber auch Auswirkungen auf die englische Sprache selbst. "Längst hat das Englische den Charakter einer Sprache verloren. Es gilt zwar als Weltsprache, aber es ist nur noch ein allen kulturellen und geschichtlichen Fleisches entkleidetes Kommunikationsmittel", bedauerte Eckhard Fuhr am 1. Februar 2008 in der Welt.

Auch Peter Ehrström plädierte wie sein deutscher Kollege für Mehrsprachigkeit gegenüber einer aufs Notwendigste reduzierten Weltsprache. Er schreib am 23. Februar 2007 im finnischen Vasabladet: "'Broken English' mag die führende Sprache der Welt sein, aber das reicht nicht aus. Drei Sprachen, vier, vielleicht sogar fünf: Für die Vertreter sprachlicher Minderheiten ist das eine Notwendigkeit und eine Selbstverständlichkeit, anders als für die Angehörigen der Mehrheit."

Mehrere Verkehrssprachen

In den größeren EU-Ländern wird daher die Idee diskutiert, neben dem Englischen einige wenige weitere Verkehrssprachen zu etablieren. "Die Politik wird sich zu einer begrenzten Mehrsprachigkeit durchringen müssen", schrieb Jutta Limbach, die ehemalige Präsidentin des Goethe Instituts am 3. Juli 2006 in der Frankfurter Rundschau und plädierte für Englisch, Französisch und Deutsch. "Bei der Abwehr einer sprachlichen Monokultur kommt Deutschland und Frankreich eine besondere Rolle zu."

Doch auch solche Vorschläge werden zum Beispiel in Italien sehr kritisch gesehen. "Italien ist in einer schlechten Position, weil seine Politiker Fremdsprachen kaum beherrschen", schrieb Andrea Bonanni am 2. Oktober 2007 in der La Repubblica. Anlass war, dass der italienische Justizminister Clemente Mastella ein EU-Ratstreffen verlassen hatte, weil bei einem Arbeitsessen neben Englisch, Französisch und Deutsch nur Portugiesisch und Slowenisch, die Sprachen der aktuellen und der folgenden Ratspräsidentschaft, gesprochen wurde.

Zwei- oder Mehrsprachigkeit ist allerdings nicht nur für italienische Politiker ein Problem, wie das Internetmanagzin cafebabel.com mit einem Beitrag über die Sprachfähigkeiten europäischer Politiker am 5. März 2008 zeigte.

Den Bürgern geht es nicht besser: Eine Eurobarometer-Umfrage ergab, dass sich europaweit nur 56 Prozent der Bürger in einer anderen Sprache unterhalten können, nur 28 Prozent in zwei oder mehr Fremdsprachen.

Zwei Fremdsprachen für jeden EU-Bürger

Die EU will deshalb das Fremdsprachenlernen fördern. Bereits 2002 bei einem Gipfel in Barcelona hatten die damaligen Staats- und Regierungschefs beschlossen, jedem EU-Bürger solle ermöglicht werden, bereits als Kind zwei Fremdsprachen zu lernen. Und Ende 2007 unterbreitete eine von der EU beauftragte Expertengruppe unter Leitung des französisch-libanesischen Autors Amin Maalouf den Vorschlag, jeder Europäer solle neben seiner Muttersprache und dem Englischen noch eine weitere Sprache "adoptieren". 2008 ist das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs; im September will der EU-Kommissar für Vielsprachigkeit, Leonard Orban, zudem eine neue Strategie zur Vielsprachigkeit vorstellen.

Es bleibt jedoch eine zentrale Herausforderung: Die Förderung einer gemeinsamen Identität als EU-Bürger, auch wenn man verschiedene Sprachen spricht – wie es Timothy Garton Ash in seinem Text zum Babel Europa benannte. Idealerweise könnte die Mehrsprachigkeit vieler EU-Bürger ebenso zu der Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit beitragen wie eine pragmatische Lingua franca. Denn wer eine fremde Sprache lernt, befasst sich auch mit einer fremden Kultur: "Sprachkompetenz hat... nicht bloß eine Bedeutung unter dem Aspekt des Nutzens", schrieb der Tübinger Philosoph Otfried Höffe am 2. Januar 2006 in der Neuen Zürcher Zeitung. "In ihr zeigt sich auch die für Europa unverzichtbare Haltung wechselseitiger Anerkennung: Wer andere Sprachen lernt, achtet andere Kulturen als so weit gleichberechtigt, dass er sie einer sprachlichen Kenntnis für wert hält."

 
Nina Diezemann
Nina Diezemann war Redakteurin bei euro|topics. Sie studierte Germanistik und Geschichte, absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und arbeitete anschließend als freie Journalistin für Radio ...
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