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Magazin / Gesellschaft / Vielsprachigkeit / Hintergrund | 16.04.2008

Sprachenvielfalt in Europa - Chance oder Hindernis?

von Tabea Leibbrand


Seit 1957 hat sich die Zahl der Amtssprachen in der EU von vier auf 23 erhöht. Seit Januar 2007 gibt es deshalb einen Kommissar für Mehrsprachigkeit. Die Sprachenvielfalt birgt viele Chancen – aber auch Hindernisse.


Die offizielle Amtssprachenregelung der EU

Seit Beginn des europäischen Einigungsprozesses 1957 hat sich die Zahl der Amtssprachen von vier auf 23 erhöht. In einer Verordnung des Rates wurde 1958 festgelegt, dass die Amtssprachen der Mitgliedstaaten gleichberechtigt sind und als Amts- und Arbeitssprachen der europäischen Institutionen dienen.

Leonard Orban, EU-Kommissar für Vielsprachigkeit
Foto: AP


An dieser Regelung hat sich bis heute nichts geändert. Dies hatte zur Folge, dass mit jeder Erweiterungsrunde neue Sprachen in den Institutionen Einzug hielten und die EU heute den größten Übersetzungsdienst der Welt beschäftigt. Jeder EU-Bürger kann sich in einer der offiziellen Sprachen der EU an alle Institutionen wenden. Er hat außerdem das Recht, eine Antwort in derselben Sprache zu erhalten. Somit findet sich das Mehrsprachigkeitsprinzip auch auf der Kommunikationsebene der Institutionen mit den EU–Bürgern wieder.

Die EU ist sich der Herausforderung ihrer Mehrsprachigkeit bewusst. Seit Januar 2007 hat sie deshalb einen Kommissar für Mehrsprachigkeit. Sprachenpolitik in mehrsprachigen Staaten ist notwendig, um Konflikten vorzubeugen oder diese zu lösen. Beispiele wie die Schweiz zeigen, dass Strategien, die darauf zielen die Rechte jeder einzelnen Sprache detailliert zu regeln und allen Sprachen möglichst weit reichende Rechte einzuräumen, besonders erfolgreich sind. Natürlich ist die EU kein Staat. Aber auch in der EU kann ein bewusster Umgang mit und die Förderung von Mehrsprachigkeit mit differenzierten Lösungen erfolgreich sein. Klare Sprachregelungen in der EU, die je nach Kommunikationsebene unterschiedlich sein können, müssen Rahmenbedingungen für ein effektives Arbeitsklima schaffen. Des Weiteren sollen sie Anerkennung für alle Sprachen der Mitgliedstaaten garantieren sowie den offenen Kontakt mit den EU-Bürgern fördern, die sich in ihrer Muttersprache an die Institutionen wenden möchten.

Mehrsprachigkeit in der Praxis der EU-Institutionen

Mehrsprachigkeit an sich muss nicht in einem totalen Sprachengewirr enden. Vielsprachigkeit bedeutet nicht, dass jeder EU-Bürger und Angestellte in jeglicher Situation auf seiner Muttersprache beharren sollte. Von Angestellten der EU-Institutionen, die in Auswahlverfahren rekrutiert werden, dürfen und müssen besondere Sprachkenntnisse verlangt werden. Deshalb können sich die Institutionen auf administrativer Ebene sehr wohl auf wenige Arbeitssprachen verständigen, was in der Praxis bereits der Fall ist. Die theoretische Mehrsprachigkeit ist also längst nicht auf allen Ebenen Wirklichkeit.

Die von den Bürgern gewählten Parlamentarier werden jedoch ausschließlich aufgrund ihrer Kompetenz, die Bürger ihres Wahlkreises zu vertreten, und nicht aufgrund von Sprachkenntnissen, gewählt. Deshalb kann man von ihnen kaum verlangen, mehrere Fremdsprachen zu beherrschen. Die vielfach praktizierte Mehrsprachigkeit im Parlament, dem demokratischsten und bürgernahsten Organ, sollte erhalten bleiben, solange es Abgeordnete gibt, denen die Kommunikation in einer Fremdsprache schwer fällt.

Das Erlernen von Fremdsprachen ist in diesem Gefüge unumstritten wichtig. Nicht nur, um ein gemeinsames Werkzeug für die Kommunikation zu finden, sondern auch, um die Kultur und das Konzept, die hinter jeder Sprache stehen, kennen zu lernen. Sprache ist mehr als lediglich ein Werkzeug. Es ist offensichtlich, dass diejenigen Verhandlungspartner in interkulturellen Begegnungen und bei der Kompromissfindung in internationalen Foren, die diese Konzepte kennen und verstehen, weitaus erfolgreicher sind, als diejenigen, die sich auf Sprache als reines Werkzeug verlassen.

Vielleicht ist auch genau dies der Grund dafür, dass sich künstliche Sprachen wie Esperanto als Verkehrssprache in Europa nicht durchsetzen konnten. Künstliche Sprachen sind reine Kommunikationswerkzeuge, hinter denen keine Identität steckt. Diesen Sprachen fehlen das gegenwärtige Alltagsleben und die Kultur hinter dem Konzept der Sprache, das viele Menschen zum Sprachenlernen anregt und die Sprache greifbar und erlebbar macht. Europa und seine Bürger sind vielsprachig. So ist es auch richtig, dass die EU mit ihrer institutionalisierten Sprachenvielfalt das kulturelle Erbe seiner Bürger und deren Identitäten widerspiegelt.

Der mehrsprachige EU-Bürger – Grundlage für eine europäische Identität?

Kritiker sehen in der Vielsprachigkeit und der Notwendigkeit von Übersetzungen in alle 23 EU Amtssprachen (theoretisch möglich sind somit 506 Sprachkombinationen) ein Hindernis für effektives Handeln auf EU-Ebene. Dass dies in der Realität längst nicht auf allen Handlungs- und Arbeitsebenen der Fall ist, wurde bereits erwähnt. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die Vielsprachigkeit ein Hindernis für das Herausbilden einer europäischen Identität und damit einer europäischen Öffentlichkeit darstellt. Fraglich bleibt außerdem, ob eine Lingua Franca oder mehrere wenige Verkehrssprachen, die ein Arbeiten auf EU-Ebene erleichtern sollen, auch als Lingua Franca unter den Bürgern diesen bei der Herausbildung einer europäischen Identität und Öffentlichkeit hilfreich sein könnten.

Die von der Kommission im Jahr 2006 eingerichtete Expertengruppe zum Thema Mehrsprachigkeit ist in ihrem Abschlussbericht zu der Ansicht gelangt, dass nicht die Mehrsprachigkeit an sich Schuld an dem Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit und einer öffentlichen europäischen Meinung hat. Vielmehr sind zum einen die Institutionen und Organe nicht in der Lage, eine für die Bürger verständliche Sprache zu verwenden. Zum anderen hat sich eine öffentliche Meinung bisher immer auf nationaler Ebene gebildet. Grund hierfür ist, dass es beispielsweise keine europäischen Zeitungen oder Fernsehkanäle gibt, die europaweit über die politische Agenda der EU berichten und sich an ein europäisches statt an ein nationales Publikum richten. Auch Professor und EU-Experte Timothy Garton Ash äußerte sich im Oktober 2007 im Guardian dahingehend, dass das Problem der EU eine nach wie vor fehlende europäische Öffentlichkeit sei. Ein kollektives europäisches Gemeinschaftsgefühl zu schaffen und gleichzeitig mehrere Sprachen zu sprechen sei die große europäische Herausforderung. Leonard Orban, Kommissar für Mehrsprachigkeit, ist davon überzeugt, dass Europas sprachliche Vielfalt auch die Integration fördern kann. Wie die Sozio-Linguisten, also Sprachwissenschaftler, die sich mit dem Verhältnis von Sprache und Gesellschaft befassen, sieht er in Sprachen den Schlüssel zur Schaffung integrativer Gesellschaften. Nur wo Menschen bereit sind, die Sprache ihres Nachbars zu erlernen, und sei es ein anderssprachiger Mitbürger, kann Integration funktionieren und gelingen.

Mit einer kommenden Generation von EU-Bürgern, die von Klein auf die Chance haben, mehrere Sprachen zu lernen und in der Schule, im Studium, in der Ausbildung oder im Beruf Erfahrungen im europäischen Ausland zu sammeln, wird vielleicht leichter eine Generation heranwachsen, die sich als "europäisch" betrachtet. Nichtsdestotrotz haben wir alle unsere Muttersprache, die uns prägt, wie die Kultur, in der wir aufwachsen und zu der in der Regel auch eine bestimmte Sprache gehört. Gerade diese Vielfalt macht den Reichtum Europas aus und gehört zu unserer europäischen Identität dazu.

 
Tabea Leibbrand
Tabea Leibbrand ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) in Bonn und verantwortliche Programmkoordinatorin des internationalen Master of European Studies Programms.
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