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Magazin / Kultur / Streit um Sowjetdenkmäler / Artikel | 30.05.2007
Russlands neue-alte Erinnerungsorte
von Jutta Scherrer
Mit Erinnerungsarbeit hat der öffentliche Umgang der Geschichte Russlands nichts gemein, stellt Jutta Scherrer fest. Vielmehr gehe es darum, mittels staatlich gelenkter Erinnerungskultur das angeschlagene Selbstbild wiederherzustellen.
Die Konjunktur des Begriffspaars "Geschichte und Erinnerung" in westlichen Gesellschaften geht auch an Russland nicht spurlos vorüber. Allerdings sucht man die Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit auf der Agenda der russischen Geschichtspolitik vergebens.

Foto: stock.xchng
Die moralische Dimension dessen, was in westlichen Demokratien unter "politisch-korrekt" verstanden wird, ist im öffentlichen russischen Diskurs nicht bekannt. Hier bezieht sich "politisch-korrekt" stets auf das, was dem Interesse des Staates dient.[1] Im Zentrum der staatlich gelenkten Erinnerungskultur steht allein die Suche nach einer brauchbaren oder nutzbaren Vergangenheit. Die Erfindung neuer wie die Umwidmung alter Erinnerungsorte geschieht nahezu ausschließlich im Hinblick auf die Konstruktion einer postsowjetischen Identität für die russische Nation. Inwieweit dieses Konzept über das russische Kernvolk hinweg auch die zahlreichen anderen Ethnien einbezieht, welche das Territorium der Russischen Föderation bevölkern, wird nur selten angesprochen oder von der vagen Metapher der "russischen Idee" übertüncht.
Für den Findungsprozess der postsowjetischen Identität ist bezeichnend, dass in der russischen Gesellschaft keine Schlachten um ihre historische Erinnerung geschlagen werden wie derzeit etwa in Frankreich um die Erinnerung an Kolonialismus, Sklaverei und Immigration oder in Deutschland um die Erinnerung an Flucht und Vertreibung. In Russland geht alles seinen ruhigen Gang. Gelassen werden "von oben" verordnete Entscheidungen zur öffentlichen Erinnerung zur Kenntnis genommen und ebenso gelassen bisweilen auch ignoriert. Die Kontinuität einer jahrzehntelang von Staat oder Partei vorgegebenen Geschichtspolitik wirkt noch immer nach. Die Zivilgesellschaft ist an der Konstruktion einer Erinnerungskultur und den mit ihr verbundenen Wertvorstellungen kaum beteiligt, von Ausnahmen wie der mutigen Tätigkeit der Menschenrechtsorganisation Memorial abgesehen.
Der im vergangenen Jahr dekretierte "Tag der nationalen Einheit" (Den' narodnogo edinstva), der die nicht mehr zeitgemäße Erinnerung an die Oktoberrevolution ablösen soll, ist ein schlagendes Beispiel für den politischen Gebrauch von Geschichte zu Zwecken nationaler Kohäsion. Worum ging es bei der Wahl des neuen nationalen Feiertags? Was stand auf dem Spiel?
[1] So entschied im Februar 2006 ein russisches Gericht in einem Prozess gegen den Vorsitzenden der russisch-tschetschenischen Freundschaftsorganisation, dass seine Verwendung "tschetschenisches Volk" nicht "politisch-korrekt" sei. "Stalins Deportation der Tschetschenen 1944", befand die Richterin, "stand mit der Politik im Einklang, die zu jener Zeit im Interesse des Staates geführt wurde." Zit. von Marie Jégo, Un journaliste qui avait publié des leaders tchétchènes condamné , in: Le Monde vom 5./6.2. 2006, S. 5.
Dr. phil., geb. 1942; Professorin für Russische Geschichte an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS) in Paris und Forscherin am Centre Marc ...
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Original in Deutsch
Veröffentlicht am 13.03.2006
Erstveröffentlichung in Aus Politik und Zeitgeschichte (11/2006)
© Bundeszentrale für politische Bildung
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