Bereichsmenü: Magazin
Magazin / Kultur / Europäische Stadt / Debatte | 18.05.2007
Die Zukunft der europäischen Stadt
von Nina Diezemann
Osteuropäische Metropolen sind stolz auf ihre von Stararchitekten gebauten Hochhäuser, in London schreiben sich Wolkenkratzer immer mehr ins Stadtbild ein. Doch manche europäische Stadt ist skeptischer gegenüber zeitgenössischer Architektur, vor allem, wenn sie historische Stadtansichten verändert.
Ob in Warschau oder Zürich, Prag oder London – wo immer in Europa neue, ästhetisch ungewöhnliche Gebäude entstehen, wird gestritten: Zeitgenössische Architektur polarisiert. Was für die einen Symbol der Zukunftszugewandtheit einer Gesellschaft ist, bedeutet für die anderen Identitätsverlust und irreparable Beschädigung historisch gewachsener Häuserensembles.

Foto: AP
Soziale und ökonomische Veränderungen bestimmen die Zukunft der Städte Europas. Implizit spielt in diesen Diskussionen auch die Frage eine Rolle, wie diese Städte architektonisch aussehen sollen. Doch im Fokus stehen meist einzelne Bauprojekte, selten wird über das Stadtensemble debattiert und so scheint es, wie der Journalist und Historiker Henning Hoff in einem Beitrag für Zeit online feststellt, "als stolperten die an sich selbst merkwürdig uninteressierten Metropolen in die Zukunft, über die sie erst diskutieren werden, wenn es zu spät ist".
Modell europäische Stadt
Städte wie Vilnius und Dublin, Helsinki und Rom unterscheiden sich durch regionale architektonische Eigentümlichkeiten und besondere Probleme voneinander. Doch sie haben auch Gemeinsamkeiten, sie sind durch das Modell der europäischen Stadt geprägt. Sie verfügen über öffentliche Plätze, ein historisch gewachsenes Stadtzentrum, das durch das Nebeneinander von Wohngebäuden, Geschäftshäusern und repräsentativen öffentlichen Bauten gekennzeichnet ist. Stadtplanung und Vorschriften für den Bau bestimmen das Stadtbild.
Wird dieses Modell durch zeitgenössische Architektur in Frage gestellt? Brauchen die Städte Gebäude, die mit den vertrauten Stadtansichten brechen und die Innenstädte vor der Musealisierung bewahren? Sind Hochhäuser noch zeitgemäß oder zerstören sie historisch gewachsene Stadtansichten?
Bewahrung des Erbes oder Identitätsverlust
Der Architekturkritiker Gerhard Matzig plädierte am 9. August 2006 in der Süddeutschen Zeitung dafür, über Hochhäuser nachzudenken anstatt sie als Gegenmodell zur europäischen Stadt zu betrachten: "Wenn Europa nicht zur Altstadtmuseumsinsel der asiatischen Welt werden und sich zugleich sein ungewöhnlich reiches Stadtkulturerbe auf vitale Weise bewahren möchte, muss es sich mit der Frage des Höhengewinns beschäftigen: abseits zwar der ökologisch wie ökonomisch unsinnigen Superwolkenkratzer - aber dennoch mit Sinn für die Vertikale als Lebensraum."
Jürgen Tietz hält ebenfalls nicht die Höhe von Bauten an sich für ein Problem, sondern global arbeitende Stars der Architektenszene, wie er am 30. Januar 2007 in der Neuen Zürcher Zeitung schreibt. Durch sie verlören die europäischen Städte ihre Identität, ihre städtebauliche Unverwechselbarkeit: "Stand dieses Haus in Hamburg, Tokio oder Paris? War es das Museum in Bern, Manchester oder Seoul? Hieß der Architekt Eisenman, Koolhaas oder Piano? Wer hat wann wo was gebaut? Schon purzeln die Bauten durcheinander. Im Zeitalter des Global Village rücken die Architekturbilder nebeneinander wie die Gemälde in einem Museum. Ganz so, als könne man sie alle paar Jahre neu hängen."
Renaissance der Hochhäuser
Die Öffnung für neue Architektur oder gar Hochhäuser ist in den europäischen Metropolen unterschiedlich ausgeprägt. In London beispielsweise wurden in den 1980er Jahren Bereiche am Rand der Innenstadt zur Bebauung mit Hochhäusern freigegeben, wie die "Canary Wharf" in den "Docklands", wo Londons bislang höchste Gebäude stehen. Doch mittlerweile werden auch im Zentrum der Stadt Wolkenkratzer gebaut. Das prominenteste Beispiel ist auch zugleich eines für die von Jürgen Tietz kritisierte bildhafte Architektur: Norman Fosters Swiss Re-Turm, genannt "The Gherkin", die Gurke. Geplant ist zudem ein ganzes Cluster von Hochhäusern, darunter der London Bridge Tower von Renzo Piano, der mit 306 Metern das zweithöchste Gebäude Europas werden könnte. "Mit der Möchtegern-Manhattan-Skyline der Canary Wharf, die den Fluss herunterleuchtet, kann man sich leicht vorstellen, wie der Schock neuer phallischer Wolkenkratzer, die bei St. Paul geplant werden und 2010 fertig sein sollen, ausfallen wird. Einige Londoner werden den Anblick erhebend finden, andere werden hassen, wofür die Gebäude stehen: turm-hohe Gewinne zu machen", schrieb der Architekturkritiker des britischen Guardian Jonathan Glancey am 12. Juni 2006.
In Spanien, wo in Madrid, Barcelona oder Bilbao in den letzten Jahren zahlreiche neue Bauwerke renommierter Architekten entstanden sind, wurde der geplante Bau eines 178 Meter hohen Hochhauses des argentinischen Architekten César Pelli in Sevilla von der Presse kritisiert, weil es über den Turm der Giralda-Kathedrale von 97 Metern hinausragt. Die Zeitung Diario de Sevilla stellte die Frage, ob Wolkenkratzer angesichts des Klimawandels und dem "Wunsch nach einer dauerhaften und in ihren Ausmaßen humaneren Architektur" noch zeitgemäß seien.
Selbst in der Schweiz, die sich traditionell als landwirtschaftlich geprägtes Land versteht, gibt es Hubertus Adam zufolge eine "Renaissance der Hochhäuser". Diese sind jedoch – mit Ausnahme des Schatzalp-Turmes in Davos - stets städtische Bürohäuser und dienen nicht dem Wohnen. Adam erklärt das so: "In Zeiten, da verstärkt von Branding, Identität und Marketing die Rede ist, schaffen Hochhäuser eine unverwechselbare Adresse." Doch er gibt zu bedenken, "dass die Kommunen die Potenziale (und Risiken) des Hochhausbaus noch kaum erkannt haben und den Begehrlichkeiten der Investoren hinterherhinken".
Osteuropäisches Facelifting
Den Investoren geöffnet haben sich osteuropäische Städte. Hier entstehen ganze neue Stadtviertel: Bratislava etwa steht "ein umfassendes Facelifting" bevor, berichtete der Osteuropa-Korrespondent Ulrich Schmid am 2. März 2007 in der Neuen Zürcher Zeitung. Der ungarische Journalist András Deli hat Bukarest besucht, wo mit dem "Esplanada City Center" ein Stadtviertel entstehen soll, "dessen moderne Hochhäuser den furchtbaren Anblick des Palastes der Völker, gebaut zu Zeiten des Diktators Ceausescu, kompensieren sollen", schrieb er am 11. Dezember 2006 in der ungarischen Népszabadság.
Auch die Warschauer Skyline hat sich seit der Wende stark verändert – hier sind zahlreiche Hochhäuser entstanden. Zudem ist man stolz darauf, eines der internationalen "Architektur-Bilder" zu besitzen: das Metropolitan-Gebäude von Norman Foster am Rande der im Krieg zerstörten und in den 50er Jahren wiederaufgebauten Altstadt. Neue Gebäude werden als Symbol des Fortschritts gesehen. Anna Cymer schrieb am 20. Dezember 2006 anlässlich der Vorstellung des Projektes eines 22-stöckigen Apartmenthauses des in Polen geborenen amerikanischen Architekten Daniel Libeskind in der Gazeta Wyborzca: "Selbst an der Weichsel hat man begriffen, dass eine europäische Stadt nicht ohne Gebäude mit modernen, oftmals gewagten Formen auskommen kann."
Museumsinsel Innenstadt
In Prag wiederum sorgt ein Projekt für Aufregung, das zwar kein Hochhaus ist, aber extrem extravagant. Der aus Tschechien stammende Architekt Jan Kaplický. Leiter des Londoner Büros Future Systems, soll dort eine neue Nationalbibliothek bauen, die wie ein Krake auf einem Plateau über der Stadt thronen, eine hellgelbe Außenhaut und violette Bullaugen haben soll. Lenka Zlamalova lobte das Projekt am 5. März 2007 in der tschechischen Hospodarske Noviny als richtigen Schritt weg von der Musealisierung Prags: "Das ist ein Bau, wie ihn Prag seit langem braucht. Jede Stadt mit ruhmreicher architektonischer Vergangenheit ist in Gefahr, sich zu stark an diese zu binden... Architektur soll nicht nur den 'genius loci' audrücken, sondern auch den 'Zug der Zeit'."
Aufstand der Solitäre
Indem sie sich auf einzelne Prestigeprojekte konzentrieren, verabschieden sich die europäischen Städte vom "Zauber und der Zeitlosigkeit fester, städtischer Räume", beklagt der Architekt des Bundeskanzleramtes in Berlin, Axel Schultes, im Januar 2007 in einem Interview mit dem Magazin Cicero. Schultes meint, es werde eines der Kennzeichen der europäischen Stadt sein, die Planung "stimmiger Ensembles" aufzugeben: "Es ist diese Unfähigkeit im Großen, das Primat städtischen Raumes zu sehen und umzusetzen, es nicht nur als Lippenbekenntnis vorzuschieben, um dann umso schlechter den Aufstand der Solitäre zu betreiben."
Städte ohne Zusammenhalt seien kein Problem der Stadtplanung, vielmehr bildeten sie die sozialen und ökonomischen Verhältnisse ab, meint dagegen sein Kollege Jacques Herzog, der zusammen mit Pierre de Meuron den Schatzalp-Turm und das höchste Haus Basels plant. In einem Interview in der Zeit vom 13. Mai 2004 erklärte Herzog, die europäischen Städte seien deshalb auch ein Bild für die europäische Gesellschaft: "Der mangelnde Zusammenhalt kommt aber nicht zuerst von den Häusern, sondern von den Menschen. Es sind noch immer die Menschen, welche die Städte so bauen, wie sie es eben können. Städte sind deshalb eine Art petrifizierte psychologische Landschaft."

» zum Autorenindex
Original in Deutsch
© Bundeszentrale für politische Bildung
Weitere Artikel zu den Themen » Architektur / Städte, » Europa
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Architektur / Städte, » Europa


