szmtag

22.11.2008

euro|topics illustration
euro|topics
 

Navigation

Magazin / Kultur / Kunstsommer / Debatte | 19.07.2007

Der Kunstsommer 2007

von Nina Diezemann


Drei Großausstellungen zeitgenössischer Kunst gibt es in diesem Sommer - Documenta, Biennale und Skulpturprojekte. Der Blick in die europäischen Zeitungen zeigt, dass sich die Hoffnung auf eine Bestandsaufnahme zeitgenössischen Schaffens nicht erfüllt. Was heute "gute" Kunst ist, bleibt umstritten.


"Dies ist die schlechteste Kunstausstellung, die ich jemals irgendwo gesehen habe", schrieb der Kritiker des britischen Daily Telegraph, Richard Dorment, am 20. Juni 2007 über die Documenta 12 in Kassel. "Die Documenta macht Kunst wieder erfahrbar", schwärmte hingegen Thomas Wagner in der deutschen Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 16. Juni 2007.

Documenta 12: Peter Friedl "The Zoo Story"
Foto: AP


Selten hat eine Ausstellung die Kunstkritiker auf eine Weise polarisiert wie diesjährige Documenta in Kassel. Dabei hat diese Ausstellung, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet, den Anspruch, eine Art Bestandsaufnahme der zeitgenössischen Kunst zu liefern. Seit 52 Jahren ist sie eine der bedeutendsten großen Kunstausstellungen weltweit. "Wo steht die Kunst heute? Wo stehen wir heute?" fragte ihr Gründer, der Kasseler Kunstprofessor Arnold Bode, bei der ersten Documenta, zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Antworten auf diese Fragen scheinen heute nicht mehr möglich, die Kunst ist zu unübersichtlich geworden.

Der britische Independent erklärte die diesjährigen Sommermonate zum "Europäischen Supersommer der Kunst", denn neben der Documenta wurden noch zwei weitere Großausstellungen fast zeitgleich eröffnet. In Münster begannen die Skulpturprojekte, bei denen seit 1977 alle zehn Jahre Skulpturen im öffentlichen Raum der Stadt zu sehen sind. Kurz zuvor öffnete die Biennale in Venedig für das Publikum. Auch diese Schau will einen Überblick über die gegenwärtige Kunst weltweit geben. Sie wurde 1895 nach dem Modell der Weltausstellung von Paris 1867 gegründet, hat wie sie eine zentrale Ausstellung sowie Länderpavillons und findet alle zwei Jahre statt.

Es mehren sich aber Stimmen, die eine kanonbestimmende Funktion nicht mehr den großen Ausstellungen und ihren Kuratoren zuschreiben, sondern dem Markt. Bietet eine Kunstmesse wie Art Basel, die kurz nach Biennale, Documenta und den Skulpturprojekten eröffnet wurde, eine bessere Bestandsaufnahme?

Basel: Marktwert als Kanon-Index

Laurent Wolf konstatierte in der Schweizer Zeitung Le Temps am 18. Juni 2007 anlässlich der Art Basel eine Verschiebung: "Früher waren die einzigen weltweiten Ausstellungen die Biennale in Venedig oder die Documenta in Kassel. Die Galerien operierten in lokalen Märkten, in denen sich auch die Sammler bewegten. Die Künstler und die großen Institutionen hatten noch immer die Initiative." Dies sei nun anders – der Kunstmarkt ist globalisiert.

Der Kunstwissenschaftler Beat Wyss ging noch einen Schritt weiter und stellte am 3. Juli 2007 in der Süddeutschen Zeitung die These auf, der Kunstmarkt ersetze zunehmend die großen Ausstellungen: "Noch immer spricht man von der Documenta als der größten Kunstschau - ein frommer Wunsch der altgläubigen Kunstwelt. Mit ihren fünf Ausstellungshallen und 113  Künstlern verblassen ihre Zahlen vor der Art Basel, wo heuer 300 Galerien 2000  Künstler gezeigt haben. Und zwar nur erste Sahne... Die Kunstmesse ist inzwischen zum Kanon-Index aufgestiegen."

Und Rose-Marie Gropp schrieb am 12. Juni 2007 in Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass die Art Basel es sich "schlicht nicht leisten kann, derartige Ermattungserscheinungen zu zeigen, wie sie Venedig gerade demonstriert; sie will und muss verkaufen. Auch deshalb könnte sie zum Gegenstück eines blutarm entschleunigten Ausstellungsbetriebs geraten; denn all die Messeteilnehmer haben ihre besten Stücke bewahrt, um sie in Basel zeigen zu können - eben wegen der großen Tournee." Ihr Fazit: Die Art Basel ist "die bessere Biennale".

Venedig: Ausgelaugte Künstler

Doch andere europäische Journalisten erklärten die "Ermattungserscheinungen" von Venedig mit dem negativen Effekt, den der Markt auf die Kunst als schöpferischen Prozess habe.

Die britische Kunstkritikerin Charlotte Higgins beobachtete die Luxus-Yachten in der Lagune vor Venedig und schrieb im Guardian vom 28. Juni 2007: "Ereignisse wie die Biennale in Venedig haben immer weniger mit Kunst zu tun, sondern mehr und mehr mit den Eigentümern jener Yachten". Der Glamour der neuen Kunstszene bedrohe die "ernsthafte und langsame" künstlerische Arbeit.

Vincent Noce erklärte in seinem Biennale-Bericht für die französische Libération am 11. Juni 2007: "Noch nie wurden mit so großen Summen um die zeitgenössische Kunst gehandelt." Auch Niklas Maak meinte angesichts der ihn wenig überzeugenden Schau in Venedig in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8. Juni 2006, der boomende Kunstmarkt beschädige die Automonie der Kunst: "Das Problem ist nicht, wie früher, das zu geringe, sondern das zu große Interesse an ihr. Künstler und Kuratoren kommen mit der Produktion von Werken nicht mehr hinter der Nachfrage her." Die Künstler seien "ausgelaugt von zahllosen Messen und Biennalen" und "servieren lauwarme Aufgüsse dessen, was sie immer machten".

Kassel: Eine Gegenposition zum Markt

Im Unterschied zur Biennale wurde die Documenta 12 in Kassel von den Kuratoren Roger M. Buergel und Ruth Noack als Gegenposition zum Kunstmarkt erklärt. Nicht zuletzt aus diesem Grund veröffentlichten sie bis zur Eröffnung keine Künstlerliste – steigert doch die Teilnahme an der Ausstellung den Marktwert eines Künstlers bereits im Vorfeld. Ob und wie sich diese Marktferne tatsächlich eingelöst hat, ist in der europäischen Presse umstritten. Viele Kunstkritiker fragen, ob die Haltung Buergels und Noacks an sich ein Wert sei – oder ob nicht gerade darin das Problem der Ausstellung liege.

Guy Duyplat etwa notierte in der Libre Belgique vom 19. Juni 2007, Buergel habe freiwillig eine "anti-marketing" Vorgehensweise gewählt, meint aber auch, nach den "Pailletten von Venedig" habe die Kasseler Ausstellung den Eindruck einer "entsagenden Uni für Gegenwartskunst" hinterlassen. Die diesjährige Documenta sei "anti-spektakulär".

Auch Béatrice de Rochebouet bezeichnete die Ausstellung im französischen Figaro vom 25. Juni 2007 als "eine Sommerakademie der zeitgenössischen Kunst". Sie fand jedoch auch, dass es der Documenta 12 gelinge, mit den vor allem durch den Markt geprägten Erwartungen zu brechen. Holger Liebs hingegen bezeichnete die Ausstellung in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Juni 2007 als wenig überzeugend: "Doch allzu oft wirkt die Schau auch wie die Wunderkammer eines leicht verschrobenen Privatgelehrten... Die Ferne zum Kunstmarkt ist noch kein Wert an sich."

Münster: Gewinner des Kunstsommers

Die Skulpturprojekte in Münster wurden bislang am wenigsten kritisiert . "Eine exquisite Ausstellung mit behutsam tastenden, dabei präzisen und klugen Arbeiten", urteilte Henrike Thomsen in der tageszeitung vom 16. Juni 2007. Und auch Philippe Mathonnet fand am 19. Juni 2007 in der Schweizer Zeitung Le Temps die Auswahl der Werke überzeugend - im Unterschied zur Biennale oder zu Documenta, wo die ausgewählten Arbeiten nur einen "theoretischen Anspruch untermauern" sollten.

In Münster scheint wegen des klaren Rahmens – es geht nur um Skulpturen im öffentlichen Raum – zu gelingen, was bei den anderen Ausstellungen verloren geht: eine Standortbestimmung der heutigen Kunst vorzunehmen.

Hier zeige sich, so Niklas Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. Juni 2007, wie sich sowohl der Begriff des "öffentlichen Raums" als auch die Vorstellung, was eine Skulptur ist, seit den ersten Skulpturprojekte von 1977 verändert hat. So sah es auch Nikola Kuhn im Tagesspiegel vom 18. Juni 2007: Gewinner dieses Kunstsommers sind ihrer Meinung nach die Skulpturprojekte Münster, "die in ihrer Langzeitstudie Antworten auf eine präzise Fragestellung suchen."

Wo steht die Kunst heute?

Eine solche Standortbestimmung scheint eben nur einem kleinen Bereich zu gelingen, bei den Großausstellungen funktioniert sie nicht. Sie legen keinen roten Faden und ihre Antworten auf die Frage nach dem Anliegen, nach der Qualität zeitgenössischer Kunst bleiben einseitig. Die Auswahl der Künstler polarisiert, ebenso wie über die Qualität der Kunstwerke keine Einigkeit herrscht.

Babara Bastings vermutete gar im Schweizer Tagesanzeiger vom 16. Juni 2007, die Documenta sei eine "dadaistisch angehauchte Mogelpackung". Doch auch der Kunstmarkt mit den astronomischen Summen für Arbeiten kann kaum mehr Gewissheit schaffen - zudem besteht die Möglichkeit, dass irgendwann "der große Kunstrausch" wie ihn Niklas Maak in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 14. Januar 2007 nannte, verfliegt.

 
Nina Diezemann
Nina Diezemann war Redakteurin bei euro|topics. Sie studierte Germanistik und Geschichte, absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und arbeitete anschließend als freie Journalistin für Radio ...
» zum Autorenindex

Original in Deutsch

© Bundeszentrale für politische Bildung

 

Weitere Artikel zu den Themen » Bildende Kunst, » Europa, » Global
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Bildende Kunst, » Europa, » Global


 

Bookmarken bei   del.icio.us    Digg!    YiGG.de    Webnews!    FURL    LinkARENA    Mister Wong    oneview   

Weitere Inhalte

THEMEN

PRESSESCHAU

Top-Thema vom 21.11.2008

Kleine Agrarreform der EU

Kleine Agrarreform der EU

Die EU-Agrarminister haben die Ausgaben für die gemeinsame Agrarpolitik neu verteilt. Die Direktzahlungen an die Landwirte werden gekürzt und die Milchquote soll sich bis 2015 jährlich erhöhen. Der europäischen Presse gehen die Ergebnisse des Treffens nicht weit genug.

» zur gesamten Presseschau

NEWSLETTER

Um den kostenlosen Newsletter zu abonnieren oder zu kündigen, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein:

TOP-THEMEN DER WOCHE

PRESSESCHAU-KALENDER

Mo Di Mi Do Fr Sa So
          1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30