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Magazin / Kultur / Schule in Europa / Debatte | 19.12.2007

Welche Schule braucht Europa?

von Nina Diezemann


Internationale Bildungsstudien wie Pisa oder Iglu haben Schülerleistungen in Europa vergleichbar gemacht. Sie haben nicht nur die Konkurrenz um das beste Schulsystem angefacht, sondern auch grundsätzliche Fragen aufgeworfen.


Französische Kinder besuchen schon ab drei Jahren eine Vorschule, die école maternelle, englische Kinder kommen mit fünf in die Grundschule. Deutsche Erstklässler sind sechs Jahre alt und polnische sogar sieben. In Finnland lernen sie bis zum 17. Lebensjahr gemeinsam, in Österreich werden sie nach der Volksschule bereits im Alter von zehn auf verschiedene Schultypen aufgeteilt.

Foto: Photocase


Die EU hat 27 Mitgliedsländer und noch mehr Schulsysteme. Wie und was gelernt wird, ist historisch gewachsen und zum Teil noch in den Ländern selbst sehr unterschiedlich – in Deutschland etwa, wo Bildung Sache der Bundesländer ist, oder in Großbritannien, wo die Local Education Authorities über große Gestaltungsspielräume verfügen.

Ausbildung für einen globalisierten Arbeitsmarkt

Die Schule soll für das Leben, das heißt auch für den Arbeitsmarkt ausbilden, und dieser Arbeitsmarkt ist längst nicht mehr nur ein nationaler. Wer heute in einem Land zur Schule geht, wird später möglicherweise in einem anderen arbeiten. Um "Freizügigkeit" auch im Bereich der Bildung zu realisieren, haben die Universitäten in Europa gerade ihre Abschlüsse vereinheitlicht. Sollte es einen solchen Bologna-Prozess auch für die Schulen geben, wie es Erich Witzmann in der österreichischen Presse am 4. Dezember 2007 forderte? Aber an welchem Schulsystem sollte man sich orientieren?

Die internationalen Studien zu Schülerleistungen haben zu einem Konkurrenzkampf um das beste Schulsystem geführt und so eine geradezu beispielhafte europäische Debatte in Gang gesetzt. Am bekanntesten ist die von der OECD durchgeführte Pisa-Studie. Dabei werden seit 2000 alle drei Jahre die Leistungen von 15-Jährigen in den zentralen Kompetenzen Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften getestet, jeweils mit einem anderen Schwerpunkt. Der Lesetest Iglu (internationale Bezeichung Pirls) fragt nach der Lesefähigkeit und -freude von Schulkindern am Ende der Grundschule.

Deutschland: Verunsicherung nach dem Pisa-Schock

Das Echo auf diese Studien war in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich. In vielen Ländern fing man an, die Schulsysteme miteinander zu vergleichen und zu überlegen, was der Nachbar besser macht. In Frankreich allerdings wurden die ersten Pisa-Ergebnisse vor sechs Jahren ignoriert. Dies könne sich mit den neuesten Studie ändern, prognostizierten Catherine Rollot und Marie de Vergès am 4. Dezember 2007 in Le Monde. Auch die Grundschule-Leseuntersuchung wurde in diesem Jahr stärker als bisher wahrgenommen.

In Deutschland hingegen überschlugen sich die Medien geradezu nach dem ersten "Pisa-Schock" von 2001. Das Land belegte in der Studie nur einen Platz im unteren Mittelfeld. Mit Blick auf den Sieger Finnland wurde zum ersten Mal das dreigliedrige Schulsystem mit Gymnasium, Real- und Hauptschule in Frage gestellt und ein Ausbau der Ganztagsschulen gefordert. Schulreformen kamen im Gang.

In diesem Jahr hingegen, als die deutschen Schüler im Bereich Naturwissenschaften zum ersten Mal aus dem Mittelfeld in die Spitzengruppe aufrückten, wurde laut über einen "Ausstieg aus Pisa" nachgedacht. "Man fragt sich auch, was es der Bildungspolitik gibt, sich alle drei Jahre mit Ranglisten herumzuschlagen", fragte Torsten Harmsen am 3. Dezember 2007 in der Berliner Zeitung.

Polen: Neues Pisa-Musterland

In Osteuropa zeichnet sich eine Zweiteilung ab. Estland landete bei der diesjährigen Pisa-Studie im Bereich Naturwissenschaften auf Platz 5. Auch Polen hat nach einer Schulreform 1999 aufgeholt. Bei der von der Pisa-Studie abgefragten Lesekompetenz der 15-Jährigen ist das Land von einem Platz unterhalb des Durchschnitts in die Spitzengruppe aufgerückt.

Es wird deshalb von anderen Ländern als Modell gefeiert, denn auch in Polen lernen die Schüler bis zum 16. Lebensjahr gemeinsam auf dem Gimnazjum. Österreich mit seiner frühen Aufteilung der Schüler könne daraus nur lernen, erklärte Alexandra Föderl-Schmidt im österreichischen Standard vom 5. Dezember 2007: "Das finnische Modell ist bekannt, jetzt gilt es, den polnischen Weg zu studieren - und zu kopieren, wo es Sinn macht."

Auch der deutsche Pisa-Koordinator Andreas Schleicher hatte bereits vor drei Jahren das Schulsystem des EU-Neulings gelobt und den deutschen Bildungspolitikern zur Nachahmung empfohlen.

Rumänien und Bulgarien: Hungerlöhne für Lehrer

In Bulgarien und Rumänien hingegen haben die Schulen ganz andere Probleme. Dass sie auf den Pisa-Rankings Schlusslicht sind, überrascht niemanden. Schulgebäude sind marode, es fehlt an der notwendigsten Ausstattung. In Rumänien wurde der Bildungsetat kürzlich weiter zusammengestrichen. Melania Mandas Vergu überlegte am 20. November 2007, was von diesem Geld hätte gekauft werden können: "Jede Schule hätte eine neue Tafel anschaffen können, Spinde für Sportsachen, Kartenmaterial, Chemie- und Physikausstattung, Mikroskope, CDs oder andere Dinge, die gebraucht werden. Aber diese Kleinigkeiten - die in anderen europäischen Ländern die Qualität des Unterrichts ausmachen - werden bei uns als Dummheiten abgetan, als Luxus."

Die bulgarischen Schüler hatten am Anfang des letzten Schuljahres vier Wochen lang Zwangsferien, denn die Lehrer streikten. Sie forderten eine Verdoppelung ihres Lohn von derzeit umgerechnet 170 Euro, eine Summe, von der man in Bulgarien nicht leben kann. Georgi Gospodinov unterstützte am 12. Oktober 2007 im bulgarischen Dnevnik die Forderungen der Lehrer: "In Zeiten, in denen man weltweit in Wissen investiert, legt der bulgarische Staat gegenüber Lehrern ein seltsam distanziertes Verhältnis an den Tag."

Chancengleichheit

In vielen Ländern stellt sich die grundsätzliche Frage, wie gerecht ihr Schulsystem ist. Chancengleichheit zählt zu den europäischen Grundwerten – doch in Europas Schulen gibt es immer noch große Unterschiede. Kinder mit Migrationshintergrund haben fast überall in Europa in der Schule schlechtere Chancen. In Deutschland und Österreich etwa ist das Elternhaus entscheidend für die Schulkarriere. Tanjev Schulz kommentierte am 4. Dezember 2007 in der Süddeutschen Zeitung: "Der größte Makel ist nach wie vor das steile Leistungsgefälle zwischen guten und schlechten Schülern und der starke Zusammenhang zwischen Schulerfolg und sozialer Herkunft."

Finnland, der Pisa-Spitzenreiter, hat andere Voraussetzungen. Es ist klein und ethnisch recht homogen. Johanna Westman befand am 5. Dezember 2007 in Hufvudstadsbladet, man solle sich nicht auf den guten Ergebnissen ausruhen. Sie überlegte, was passieren würde, wenn die Einwanderung wie bei den skandinavischen Nachbarn Schweden und Dänemark zunähme. "Wenn die Grundschule darauf nicht vorbereitet ist, kann der Absturz heftig werden", schrieb sie.

Internationalisierung

Diese Kommentare zeigen, wie problematisch ein Vergleich zwischen so unterschiedlichen Ländern wie Deutschland und Finnland sein kann. Aus diesem Grund werden die Ergebnisse der Vergleichsstudien auch zunehmend in Frage gestellt. Der britische Guardian etwa warnte am 6. Dezember vor einer Verabsolutierung der Ergebnisse: "Die einzigen exakten Ranglisten gibt es im Sport, nicht in der Wissenschaft".

Auch die "Erfolgsmodelle" eines Landes lassen sich nicht einfach in einem anderen umsetzen, wie die Diskussionen um die Gemeinschaftsschule in Deutschland, Österreich, aber auch in Großbritannien zeigen. Wegen der unterschiedlichen Bildungstraditionen wird eine "Harmonisierung" der europäischen Bildungssysteme utopisch bleiben. Doch die Schulen anderer Länder sind zu einem wichtigen Bezugspunkt nationaler Bildungsdebatten geworden.

Für diese Internationalisierung der Bildungspolitik waren die internationalen Vergleichsstudien ein wichtiger Katalysator. "Selbst wenn ein Land das wollte, könnte es sich der internationalen Konkurrenz – und damit Pisa – nicht mehr entziehen", schrieben die Bremer Politikwissenschaftler Kerstin Martens und Stephan Leibfried am 30. November 2007 in der Zeit. "Die Zeit der nationalstaatlich verfassten Politik geht zu Ende, wer wüsste das besser als die vielfach verflochtenen EU-Mitgliedstaaten."

 
Nina Diezemann
Nina Diezemann war Redakteurin bei euro|topics. Sie studierte Germanistik und Geschichte, absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und arbeitete anschließend als freie Journalistin für Radio ...
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