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Magazin / Kultur / Singen! / Artikel | 21.05.2008
Sag mir, wie du singst...
... und ich sag dir, wo du wohnst. eurotopics-Korrespondentinnen und -korrespondenten über die Singkulturen von Lettland, Niederlande und Spanien.
Lieder im Schrank
Lettland ist berühmt für seine Sangesfreude: Auf jeder Feier werden Lieder angestimmt, regelmäßig werden Sängerfeste abgehalten, und es gibt unzählige Chöre. Woher aber stammen die Lieder dazu? Die Volkslieder oder Dainas gelten in Lettland geradezu als grundlegender Bestandteil der Kultur, und sie sind nicht nur pure Folklore: In ihnen finden sich sogar Spuren der heidnischen Mythologie wieder.

Erst im 19. Jahrhundert endete die Unterdrückung der genuinen lettischen Kultur, und der Wissenschaftler Krisjānis Barons (1835-1923) erkannte die große Bedeutung der Volkslieder. Am Ende sammelte er über zweihunderttausend von ihnen, Schätzungen gehen sogar von einer Gesamtzahl von über einer Million aus. Zur Systematisierung ordnete Barons die Lieder in einem eigens dafür konstruierten Schrank, der heute noch in Riga bewundert werden kann - und zusammen mit den Sängerfesten den Sprung auf die UNESCO-Weltkulturerbeliste geschafft hat. (Berthold Forssman)
Mit Passion
Immer wenn die Kollegen morgens mit einem fröhlichen "Erbarme dich" ins Büro kommen, ist in den Niederlanden wieder ein ganz besonderes Fieber ausgebrochen. Die "Meezing-Mattheüs", die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach zum Mitsingen. Zehntausende - genaue Zahlen gibt es nicht - strömen zur Osterzeit in Kirchen, Konzerthallen oder Nachbarschaftszentren, um vor einem zahlenden Publikum mehrstimmige Choräle zum Besten zu geben. Man muss sich nicht anmelden, manchmal wird allerdings vor der Aufführung einmal geprobt. Da unterschiedliche Initiativen das Mitsingen organisieren, wird mal die gesamte Passion gesungen, dann wieder nur die Highlights; mal begleitet ein Orchester, dann nur eine Orgel. Solisten und Notenkopien werden meist durch Eintrittsgelder finanziert.
Jeder darf mitmachen, ob er singen kann oder nicht. "Nur Schreien ist nicht erlaubt", sagt der Beamte Viktor Visser, der seit acht Jahren dabei ist. In Amsterdam begann der Siegeszug der Meezing-Mattheüs vor gut zehn Jahren und breitete sich danach im ganzen Land aus. Hochburgen sind neben der Hauptstadt noch Utrecht und Breda. "Einfach mitmachen, das ist das Tolle", sagt Viktor und trällert "O Haupt voll Blut und Wunden" auch noch nach der Auferstehung. (Annette Birschel)
Mehr als Flamenco
Spaniens Sangesfreude ist vielfältiger als die von Gitarre und Klatschen begleiteten Flamenco-Improvisationen auf den Dorfplätzen. Vom Gesang der Minenarbeiter und den Sevillanas in Andalusien über das zentralspanische Kunstlied Copla und die keltischen Gesänge in Galizien bis hin zur kehligen, aragonesischen Jota oder den Endechas, Trauergesängen der Eingeborenen der Kanarischen Inseln - Spanien bietet einen enormen musikalischen Reichtum. Viele der traditionellen Rhythmen haben dabei längst den Einzug in die Popmusik gefunden. So bringt die galizische Gruppe Luar na Lubre ihre keltischen Wurzeln, das Duo Navajita Plateá andalusischen Flamenco mit in die zeitgenössische Rockmusik ein. Der Erfolg von Amparanoia aus der Mestizo-Szene in Madrid basiert auf der Fusion von Reggae, Rumba und Rancheras mit südspanischer Folklore. Kepa Junkera verschaffte dem Trikitixa (diatonisches Akkordeon) und damit auch Elementen der baskischen Volksfestmusik einen Platz in der internationalen Musikszene. (Tom Gebhardt)
Original in Deutsch
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