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Magazin / Aktuell / Atomenergie / Artikel | 30.07.2008

Nein zur Atomenergie

von Stéphanie Pichon


Störfälle in französischen Reaktoren, unsichere Endlagerung, Gefahr von Terroranschlägen: Atomkraftwerke sind umstritten. Welche Argumente gegen das Uran kommen aus Europa?


Zu teuer, zu gefährlich, zu unsicher. Die Atomenergie steckt voller Vorbehalte, auch wenn mit 151 Anlagen in Europa der größten Reaktorpark weltweit in Betrieb ist und auch wenn die französische Ratspräsidentschaft für eine "Ausweitung der Atomenergie" kämpft.

Foto: AP


Verschiedene Länder haben sich allerdings, einige schon seit vielen Jahren, gegen diese Form der Energieerzeugung oder für einen Ausstieg entschieden. Das gilt beispielsweise für Österreich, das seit 1978 Atomkraft verbietet und dieses Verbot sogar 1999 in seiner Verfassung verankert hat, für Spanien, das bis 2028 seine Anlagen schließen will, für Schweden, für Belgien, das 2001 ein Atomausstiegsgesetz verabschiedet hat, für die Niederlande oder für Deutschland, wo das Atomausstiegsgesetz ein sukzessives Abschalten der Reaktoren bis 2021 vorsieht.

Geheimhaltung oder Transparenz

Schon lange schrecken vor allem das Gespenst eines atomaren Unfalls und seiner dramatischen Folgen die Kritiker ab. Nach den Unfällen im Kernkraftwerk von Three Mile Island 1979 und in Tschernobyl 1986, stimmte man in Italien, Schweden und der Schweiz in Referenden gegen die Weiterentwicklung der Kernkraft. Trotz der sich selbst versichernden Rhetorik der Atomlobby sind die neuen Kernkraftwerke nicht fehlerfrei. Vor zwei Jahren hat die französische Antiatom-Organisation Sortir du nucláire ein geheimes Sicherheitsdokument veröffentlicht. Darin wird auf die Schwachstellen des neuen Reaktors EPR in Flamanville in der Normandie, das noch nicht in Betrieb genommen wurde, im Falle eines Luftangriffs hingewiesen. Die jüngsten radioaktiven Austritte aus dem Atomkraftwerk Tricastin im Bezirk Drôme et Vaucluse im Juli, die sehr verspätet öffentlich gemacht wurden, verdeutlichen, welches Problem die Herstellung der notwendigen Transparenz für einen Industriezweig darstellt, der an Geheimhaltung gewöhnt ist.

Saubermann?

Aufgrund steigender Ölpreise und im Hinblick auf die Klimaerwärmung ändern derzeit einige traditionell atomkritische Länder ihre Meinung – etwa Italien, Großbritannien oder die Schweiz. Für die Atomkraft-Verteidiger ist die Kernenergie der Energie-Saubermann schlechthin – und Frankreich ist ganz vorne dabei. Die Umweltfolgen von Kernkraft sind jedoch schwer zu bestimmen.
Weiterhin werden weniger als drei Prozent der weltweit genutzten Energie und 17 Prozent des Stromverbrauchs durch Atomenergie erzeugt, letzteres soll nach Plänen der Internationalen Energieagentur (IEA) gesenkt werden. Um den Ausstoß von Treibhausgas bis 2050 um sechs Prozent zu reduzieren, müssten 1.400 Reaktoren gebaut werden. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn man bedenkt, dass die schon existierenden Reaktoren altern, bedeutet die Rückkehr zur Atomkraft eine große Investition: Alte Meiler müssten saniert und neue gebaut werden. "Das ist nicht wünschenswert, sondern komplett illusorisch. Dafür stehen weder genug Bau- noch Brennstoffe zur Verfügung," schätzte der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel diesen Vorschlag ein.

Kommunen wollen keine Endlager

Kann uns die Atomkraft vor steigenden Ölpreisen schützen? Nichts ist unsicherer als das. Selbst Frankreich, das mit 58 aktiven Reaktoren 80 Prozent seines landesweiten Stroms erzeugt, ist, wie die anderen Länder, vom hemmungslosen Anstieg der Benzin- und Kraftstoffpreise betroffen. Bleibt die Frage nach der Entsorgung des radioaktiven Mülls. Wie kann man eine Industrie unterstützen, die Abfälle für mehrere Jahrmillionen produziert? Kürzlich haben in Deutschland die Austritte radioaktiver Lauge aus einem Salzstock in Asse, wo bereits seit mehr als 30 Jahren Atommüll lagert, die sicher geglaubte Zukunft des Atomlagers Gorleben in Frage gestellt – einer alten Salzmine. In Frankreich hat bisher keine einzige Kommune ein Endlager akzeptiert. Ist die Atomkraft also doch nicht so sauber?

Öffentlichkeit gegen Atom

Trotz des Bitten und Bettelns der Europäischen Kommission und der französischen Ratspräsidentschaft ist die Rückkehr der Atomkraft in Europa noch keine Tatsache. Wenn Silvio Berlusconi und die englische Regierung den Bau neuer Meiler in ihren Ländern wieder aufnehmen wollen, entsprechen diese Entscheidungen keinesfalls der Meinung der Gesellschaft und der politischen Klasse. Nichts spricht dafür, dass die alternden europäischen Atommeiler die Energiekrise und den Klimawandel lösen können. Die Kosten, die beim Rückbau eines Kraftwerks entstehen, und die Frage der Mülllagerung sind weiterhin offen – dass die natürlichen Uranreserven, der Brennstoff der Kernkraftwerke, zur Neige gehen und teurer werden, sei hier nur nebenbei erwähnt. Ein weitaus größeres Problem ist, dass jedes Land, das Uran anreichern oder Plutonium wieder aufbereiten kann, grundsätzlich auch in der Lage ist, Atomwaffen herzustellen.
"Wir wollen keine Atomenergie und wir wollen sie nicht benötigen," antwortete Martin Bartenstein, der österreichische Energieminister, im vergangenen Jahr auf die Atomenergie-Pläne der Europäischen Kommission. Ihm reichen Wasserkraft und erneuerbare Energien. Nur wenn diese neuen Energieformen und alternative Kraftwerke in großem Maßstab weiter entwickelt werden, antworten wir realistisch auf die ökologischen und energiepolitischen Fragen. Nur dann können wir der Atomenergie den Rücken kehren.

 
Stéphanie Pichon
Stéphanie Pichon, geboren 1976 in Paris, arbeitet seit 2007 als freie Journalistin für französische Webseiten in Berlin. Sie beschäftigt sich mit Themen aus Gesellschaft, Umwelt ...
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Original in Französisch

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Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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