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Magazin / Aktuell / Atomenergie / Artikel | 04.10.2008

Die strahlende Gewissheit

von Renata Kossenko


Erst kam der Staub, dann das Schweigen – vor 50 Jahren explodierte in der russischen Atomfabrik Majak radioaktiver Abfall. Bis heute kämpfen die Opfer um Anerkennung.


Auf den ersten Blick ist Tatarskaja Karabolka ein typisches tatarisches Dorf. Sauber, ordentlich, und vor jedem Haus steht ein hoher Holzzaun. Doch vor der Gefahr, die sie am meisten bedroht, schützt die Menschen hier kein Zaun, schützt sie nicht einmal der Staat. Die Gefahr dringt durch die Wände, durch die Haut, in die Knochen.

Eine Frau mit Geigerzähler vor einer zerstörten Kirche in Tscheljabinsk, Juli 1992
Photo: AP


"In jedem Haus hier wütet der Krebs", sagt Gultschara Ismagilowa. Sie lässt die Zauntür zufallen. Neben dem Haus rostet ein Auto, das irgendwann einmal weiß war und Gultscharas Vater gehörte, dem Leiter des Dorfsowjets, es war der einzige Luxus, den er sich leistete. Die Tochter sagt, ihr Vater habe von einem besseren Leben für die Dorfbewohner geträumt. Dann starb er an Krebs. Nun leitet Gultschara, heute 61, die Bewegung "Für ein Karabolka ohne Radioaktivität".

Eine geheime Stadt im Ural

Tatarskaja Karabolka liegt mitten im Ural, an der Grenze zwischen Europa und Asien. Die Gegend war fruchtbar, eigentlich: Birkenwälder voller Beeren und Pilze, Seen und Flüsse voller Fische. Dann verrauchten die ersten Werke des sowjetischen Industriezentrums Tscheljabinsk die Luft. Und dann wurde, unter absoluter Geheimhaltung, 40 Kilometer von Karabolka entfernt eine Nuklearfabrik errichtet. 1949 war das.

Eine geheime Stadt war geboren. Sorokowka war ihr erster Name, sie hatte viele, damit man sie besser verstecken konnte, heute nennt man sie Osersk. Lange tauchte sie auf keiner Landkarte auf. Die besten sowjetischen Wissenschaftler, Physiker und Chemiker aus allen Landesteilen, arbeiteten dort. Einen Atomschild gegen die USA sollten sie errichten, Uran anreichern, bis waffenfähiges Plutonium herauskam. Es war Stalins Antwort auf Hiroshima und Nagasaki. "Majak" hieß das Werk, Stolz einer wachsenden Weltmacht.

"Der Boden bebte unter unseren Füßen", erinnert sich Gultschara an ihre erste Begegnung mit der geheimen Welt von Majak. Es war ein Herbsttag im Jahr 1957, vor 50 Jahren. Gultschara war elf und grub mit anderen Schülern aus dem Dorf Kartoffeln aus, als die Ernte um 16 Uhr 22 plötzlich von einer Explosion unterbrochen wurde. Panik brach aus, die Menschen dachten an einen Krieg, sie liefen ins Dorf, verrammelten Fenster und Türen und warteten auf die nächste Explosion. Aber die kam nicht. Auch nicht am folgenden Tag.

Größte Atomkatastrophe vor Tschernobyl

Mit dem Zeigefinger wischt Gultschara den Staub vom Fensterbrett, sie erträgt ihn nicht. Damals, nach der Explosion, hatte sich überall ein merkwürdiges Pulver abgesetzt. In der Schule wischten die Kinder es mit Chlorlösung weg. So lautete die Anordnung. Der Staub kam aus der dunklen Wolke, die gleich nach der Explosion am Horizont aufgetaucht war. Erst Jahrzehnte später lernte Gultschara das Wort "Ost-Ural-Spur" kennen, mit dem Wissenschaftler die radioaktive Verschmutzung bezeichnen. 300 Kilometer lang, 50 Kilometer breit.

Mehr als 20 000 Menschen rund um die Geheimstadt Sorokowka versuchten damals, zu erraten, was die Explosion zu bedeuten hatte. In der Fabrik Majak wusste man es genau: Ein Betontank mit flüssigen Nuklearabfällen war explodiert – wegen Verstößen gegen die Kühlvorschriften, wie Ermittlungen später ergaben. Mit 666 Millionen Gigabecquerel wurde allein das Werksgelände verstrahlt. Vor Tschernobyl, das 29 Jahre später nach Berichten von Greenpeace und anderen Experten noch 20 Mal schlimmer ausfallen sollte, war es die größte Atomkatastrophe der Welt. Und niemand erfuhr davon.

10 000 Menschen wurden im Laufe der ersten zwei Monate von Soldaten abgeholt und weggebracht. Warum, erfuhren sie nicht. Die leeren Häuser wurden zerstört, das Vieh getötet, damit die Besitzer nicht mehr zurückkehrten. Nichts aus ihrem früheren Leben durften sie mitnehmen. Alles war mit radioaktiven Isotopen verseucht. Gultschara Ismagilowa deutet auf ein altes Schwarz-Weiß-Foto, das an der Wand hängt, ihre Großeltern. Auch das Foto ist verstrahlt. Wären die Soldaten in Gultscharas Dorf gekommen, sie hätte das Bild wohl nicht behalten dürfen. Aber die Soldaten kamen nicht. Karabolka ist eine von drei hochverstrahlten Siedlungen, die nie evakuiert worden sind.

Ein Straßenschild in Tscheljabinsk warnt "Der Fluss Techa ist verseucht", Juli 1992.
Photo: AP


Verseuchte Kartoffeln, verseuchtes Wasser

Das Schicksal des Dorfes lässt sich aus Geheimdokumenten rekonstruieren, die erst in den 1990er Jahren veröffentlicht wurden. Es stellte sich heraus: Auch Karabolka hatte eigentlich umgesiedelt werden sollen. Das Geld dafür war aus Moskau bereitgestellt worden, und in Moskau traf auch wenig später ein Bericht über die Evakuierung von Karabolka ein. In Wirklichkeit aber waren nur die Russen aus dem Dorf abgeholt worden – die Tataren dagegen wurden zu Aufräumarbeiten verpflichtet. Die "freiwilligen" Arbeitseinsätze wurden von Armeeangehörigen in Atemmasken begleitet.

Auch Gultschara musste aufs Feld, wie alle aus ihrer Schule. Den ganzen Oktober über warfen sie eben geerntete verseuchte Kartoffeln in Gruben, die anschließend von Traktoren zugeschüttet wurden. Ohne Handschuhe krabbelten sie auf den Feldern umher. In den Pausen kochten sie Kartoffeln, die sie heimlich aus den Gruben gerettet hatten, in Wasser aus dem verseuchten Fluss. Schon damals reagierten ihre Körper. Ein Junge wurde taub, Gultscharas Bruder verlor sein Haar, ihre Mutter erlitt eine Frühgeburt.

Im folgenden Sommer konnte Gultschara das Bett nicht mehr verlassen. Drei Wochen lag sie im Delirium, mit 41 Grad Fieber. Sie übergab sich, die Gelenke taten so weh, dass sie nicht mehr laufen konnte. Strahlenkrankheit – auch das war so ein Wort, das Gultschara erst mit der Perestroika kennenlernte. Als sie, die als Arzthelferin arbeitet, sich die ersten offenen Studien über Radioaktivität ansah, wurde ihr seltsam zumute. Sie ahnte, dass Strahlung den Krebs verursacht haben könnte, an dem ihr Vater gestorben war, an dem ihre Mutter und ihr Bruder leiden. Den Krebs, der in fast jedem Haus in ihrem Heimatdorf anzutreffen ist.

Papierkrieg für die Rechte der Strahlenopfer

Die Perestroika brachte aber auch Hoffnung – zunächst. 1993 erhielten die so genannten "Liquidatoren", die Aufräumarbeiter, grundsätzlich das Recht auf soziale Vergünstigungen. Gultschara hoffte auf ein neues Leben für ihr Dorf und sich selbst. Doch 1998 lehnte das regionale Amt für Sozialen Schutz ihren Antrag und die ihrer Klassenkameraden ab. Ihre Teilnahme an den Aufräumarbeiten könne nicht nachgewiesen werden. Seitdem findet Gultschara nur noch wenig Schlaf. Nach ihren Arbeitstagen in der Klinik setzt sie sich an den Schreibtisch, um mit dem Staat zu kämpfen. Sie schreibt Anträge, Briefe, Klagen, oft die ganze Nacht hindurch. 2002 hat sie ein Gerichtsverfahren gewonnen, nun ist sie als Liquidatorin anerkannt. Auch vielen Nachbarn hat sie geholfen. Etwa 200 Prozesse hat sie schon geführt. Dieses Jahr hat sie für ihren Kampf den Preis einer Menschenrechtsorganisation bekommen.

Gultschara lächelt, wenn sie die Auszeichnung herzeigt. Sie lächelt selten. Sie ärgert sich zu oft. Denn vorbei sind die Kämpfe noch lange nicht. Trotz der Warnungen von Umweltschützern behauptet das regionale Ministerium für radioaktive und ökologische Sicherheit immer noch, das Dorf sei nicht gefährdet. "Diese Menschen sind als Betroffene nicht anerkannt. Das heißt, sie haben keine Strahlendosis abbekommen", hat Ministeriumsleiter Gennadij Podtesow gerade Ende September erst erklärt. Insgesamt geht es um 7 000 Menschen in der ganzen Gegend.

20 Krebstote pro Jahr

Die Gutachten des Russischen Wetterdienstes "Rosgidromet" zeugen dagegen von einer hohen radioaktiven Belastung des Dorfes. Und auch Wladimir Tschuprow von Greenpeace sagt: "Karabolka ist stark verschmutzt." Erde und Pflanzen in den Gärten zum Beispiel sind stark mit Isotopen des Uranspaltprodukts Strontium 90 belastet, die bis zu 25,9 Gigabecquerel Strahlung freisetzen. Die kritische Grenze liegt bei 11,1. Auf den Ackerflächen, die zwei Kilometer vom Dorf entfernt liegen, ist die Nutzung sogar offiziell erlaubt – Greenpeace hat bei Tests aber mittlerweile nachgewiesen, dass die Verschmutzung durch die Isotope von Plutonium 239 und 240 zehn Mal höher ist als Richtlinien das vorsehen. "Die Bauern dreschen ihr Stroh direkt an der Ost-Ural-Spur, in hochverstrahlter Umgebung. Die Kühen fressen das Heu, die Bauern essen die Kühe und ihre Milchprodukte." Jedes Jahr sterben in Karabolka 15 bis 20 Menschen, vor allem an Krebs. Wer konnte, ist geflohen. In ihr Heimatdorf kehren die Menschen erst zurück, wenn sie tot sind. Um auf einem der acht Friedhöfe begraben zu werden.

Den russischen Staat anklagen?

Was suchst du noch hier, wird Gultschara oft gefragt. Seit 40 Jahren hat sie einen zweiten Wohnsitz, doch jeden Freitag kehrt sie in ihr Dorf zurück, nach Karabolka, wo ihre Mutter wohnt. Oft bringt Gultschara Brot mit, viele im Dorf sind arbeitslos. Schmerzstillende Medikamente hat sie auch dabei. In der Dorfapotheke sind sie meistens ausverkauft.

Was sie in Karabolka sucht? Manchmal stellt sie sich diese Frage selbst, nachts, wenn sie nicht schlafen kann. Mit der ersten Morgenröte verlässt sie dann das Haus und geht die Straße der Oktoberrevolution entlang, wo immer mehr Häuser leerstehen, hinter Holzzäunen, die ihre Besitzer nicht schützen konnten. Manchmal bleibt sie vor einem Haus stehen. An Straßburg denkt sie dann, an den Europäischen Gerichtshof. Da herrsche Gerechtigkeit, hat sie gehört. Da könne sie den russischen Staat anklagen, wegen 50 Jahren voller Lügen. Die endgültige Umsiedlung Karabolkas könne sie dort einfordern und Entschädigung für das Leid, das der Staat mit seinen Atomexperimenten angerichtet hat. Vielleicht könnte sie sogar fordern, Majak zu schließen – denn Majak ist immer noch aktiv, und 1976 ist noch eine Fabrik dazugekommen, die radioaktive Abfälle verarbeitet. Vor einer Woche erst ist in dieser Fabrik ein Tank gebrochen, einer mit flüssigem radioaktiven Abfall. Eineinhalb Kilometer weit ist das Zeug die Straße entlang gelaufen.

Bloß ist da noch dieser andere Gedanke. Der Gedanke an einen Feind, der den Kampf gegen die Strahlung aussichtslos macht. Es ist der Krebs. Auch Gultschara hat ihn, in der Leber. Bei der letzten Untersuchung haben sie ihr gesagt, dass der Tumor um zehn Zentimeter gewachsen ist.

 
Renata Kossenko
Geboren 1984 in Riga, 1988 Umzug nach Moskau. Studium der Politikwissenschaft an der Moskauer Staatlichen Linguistischen Universität. Diplomarbeit über den Einfluss der Massenmedien auf den ...
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Original in Deutsch

Erstveröffentlichung in Der Tagesspiegel, November 2007

© Bundeszentrale für politische Bildung

 

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